Kleine Geschichte des Zinses

Thomas Ruster ist Professor für Katholische Theologie und Systematische Theologie.

Thomas Ruster ist Professor für Katholische Theologie und Systematische Theologie. Foto: TU Dortmund, Teaserbild: GG-Berlin / Pixelio.de

Anfang des Jahres beklagte Peer Steinbrück die hohen Dispo-Zinsen. Sie liegen deutschlandweit zwischen 10 und 15 Prozent und das obwohl die Banken sich beinahe zum Nulltarif Geld bei der Europäischen Zentralbank besorgen können. Warum ist das so?

Banken suchen auf alle Weise Zinsen zu bekommen und müssen es auch tun, da sie Kapital bedienen müssen, das bei ihnen geparkt ist. Sie benutzen die Zinsen nur zu einem kleinen Teil für den eigenen Gewinn. Mit dem Dispo werden Geschäftskosten bedient, aber vor allem werden die Erträge eingesetzt, um das geparkte Kapital zu bedienen. Investitionen lohnen sich kaum noch, die Wirtschaft steckt in einer Rezession. Also müssen die Banken auf andere Weise versuchen, Geld zusammen zu kratzen. Dabei ist der Dispozins eine gern genutzte Möglichkeit. Natürlich ist der Zins verbrecherisch hoch, aber da haben Banken die Macht, da viele Menschen verschuldet sind und ihre Konten überziehen.

Die Banken haben also ein Problem damit, das bei Ihnen geparkte Kapital zu bedienen?

Alles Kapital wächst um Höhe des Anlagezinssatzes – auch wenn es ein geringer Zinssatz sein mag. Sobald er über null liegt, besteht für die Banken das Problem, die Zinsen zu erwirtschaften. Es gibt zu viel Geld, was zinstragend ist.

Aber warum sollte eine Bank auch Geld verleihen, ohne davon zu profitieren? Sie trägt schließlich ein gewisses Risiko.

Die finanzwirtschaftliche Funktion des Zinses ist es, eine Umlaufsicherung zu sein. Kapitalbesitzer werden motiviert, ihr Kapital in den Markt einzuspeisen. Dafür werden sie belohnt – mit dem Zins. Wenn sie keine Zinsen bekämen würden sie ihr Geld vergraben oder in den Sparstrumpf stecken. Der Zins lockt das Kapital also auf den Markt und macht es damit produktiv.

Sollte Geld nicht - wie alles andere - auch verfallen? Rostendes Geld wäre eine Möglichkeit, den Geldfluss aufrecht zu erhalten - ohne den Zins.

Sollte Geld nicht - wie alles andere - auch verfallen? Rostendes Geld wäre eine Möglichkeit, den Geldfluss aufrecht zu erhalten - ohne den Zins.

Also hat der Zins durchaus eine Daseinsberechtigung?

Wirtschaftlich ist der Zins durchaus rational. Ohne Zins würde die Wirtschaft stagnieren. Als in Japan vor einigen Jahren die Zinsen bei null lagen, war die einzige Branche, die Gewinne einfuhr, die Tresorbranche. Aber der Zins ist nicht die einzige Form der Umlaufsicherung.

Wie sehen denn Alternativen zum Zins aus?

Eine Alternative wäre das rostende Geld, wie es der Zinskritiker Silvio Gesell genannt hatte. Zinsalternative Projekte setzen auf diesen Schwundfaktor. Das Kapital verliert dabei – wenn man es hortet – an Wert. Wenn das Geld im Jahr um zehn Prozent weniger wert wird, werden die Leute genug Motivation haben, es zu investieren.

Davon sind unsere stabilen Währungen weit entfernt. Während alle anderen Werte durch den Zeitfaktor an Wert verlieren, kann das Kapital seinen Zuwachs erzwingen.

Sie haben gerade von zinsalternativen Projekten gesprochen. Erzählen Sie bitte etwas mehr darüber.

Es gibt zum Beispiel die sogenannten BGE-Kreise. BGE steht für bedingungsloses Grundeinkommen. Wer mitmacht, kriegt 1600 Währungseinheiten (WE) geschenkt – eine zinsfreie Komplementärwährung – und kann damit alle Produkte kaufen und verkaufen, die im System von den Teilnehmern angeboten werden: Man kann Lebensmittel kaufen, Reparaturen vornehmen lassen oder Wohnungen mieten. Von jedem Verkauf werden WEs in die zentrale Kasse zurückverwiesen, die wiederum verwendet wird, um allen Teilnehmern ein Grundeinkommen von 400 WEs im Monat zur Verfügung zu stellen.

"Je größer die Finanz- und Wirtschaftskrise werden, desto mehr werden solche Gegenwelten eine wichtige Möglichkeit sein, wirtschaftliches Leben überhaupt noch aufrecht zu halten." Foto: Flickr/Claude05

"Je größer die Finanz- und Wirtschaftskrise werden, desto mehr werden solche Gegenwelten eine wichtige Möglichkeit sein, wirtschaftliches Leben überhaupt noch aufrecht zu halten." Foto: Flickr/Claude05

Also schafft man eine kleine Gegenwelt. Aber sind nicht ziemlich viele Teilnehmer nötig, um ein gewisses Warenkontingent zu schaffen?

Sie haben recht. Die BGE-Kreise sind noch nicht so verbreitet, da die meisten Menschen zögern, mitzumachen. Es ist ungewohnt, dass ihnen jemand Geld schenkt. Je mehr Kreise es gibt, desto größer wird natürlich das Angebot. Derzeit gibt es 21 solcher Kreise, unter anderem auch einen in Dortmund. Die Kreise kooperieren miteinander. Mit WEs kann man in allen diesen Kreisen Waren kaufen.

Es ist ein gutes Projekt, das ich Studierenden nur empfehlen kann. Es gibt kein Risiko – man muss nicht – wie bei vielen anderen komplementären Währungen – erst Euros einzahlen.

Ich wollte einmal einen Aufsatz ins Englische übersetzen lassen und ich fand auch eine Übersetzerin, die sich mit WEs bezahlen ließ. Sie hat ihre Sache sehr gut gemacht.

Glauben Sie, dass diese Gegenwelten einen relevanten Gegenentwurf zur Globalisierung darstellen können?

Je größer die Finanz- und Wirtschaftskrise werden, desto mehr werden solche Gegenwelten eine wichtige Möglichkeit sein, wirtschaftliches Leben überhaupt noch aufrecht zu halten. Viele Bauern in Griechenland fangen an, ihre Produkte wieder selbst zu vermarkten, auf kleinen regionalen Märkten, zum Teil mit eigenen Währungen. Das Geld wird dort gelassen, wo es erwirtschaftet wird.

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