Du, ich & Europa: Englisch-Studenten gründen internationale Ersatzfamilie

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Eigentlich studieren sie Englisch auf Lehramt. Jeden Dienstag nach den Vorlesungen geht es für Türel Tan (23) und Manon Möller (21) aber ins Untergeschoss der EF 50. Die Studiobühne ist wöchentlicher Treffpunkt der 15-köpfigen „English Theater Group“. Sie haben die Gruppe vor zwei Jahren selbst gegründet. Ein Beitrag der crossmedialen Europa-Woche. 

Inspiriert wurden sie damals von ihrem Dozenten Stefan Schlensag: „Shakespeare – das muss man nicht lesen, sondern spielen!“, hatte der an die Teilnehmer des Seminars Introduction to British Literary Studies appelliert, in dem Türel und Manon gerade saßen. Aber wo an der TU Dortmund? Es gibt die Theater-AG des Asta, wo aber in erster Linie deutschsprachige Stücke aufgeführt werden. Das Institut für Anglistik/Amerikanistik hatte zu dem Zeitpunkt keine eigene Theatergruppe. Also änderten die beiden Studenten das kurzerhand und gründeten die English Theater Group.

Vier Dozenten unterstützten die Idee am Anfang; zum ersten Treffen kamen dann schon 20 Interessierte. „Wir haben viel Werbung gemacht, sind durch Kurse und zu Veranstaltungen gegangen“, erinnert sich Türel. Und es fühlten sich auch viele internationale Studenten angesprochen: Rund die Hälfte der derzeitigen Besetzung kommt aus dem Ausland, darunter sind junge Menschen aus den USA, Indien, Ungarn. Manche bleiben nur ein Semester in der Theatergruppe und gehen dann ins Heimatland zurück – viele internationale Studenten, die ihr Studium regulär in Deutschland absolvieren, bleiben dauerhaft in der English Theater Group. Mittlerweile tritt die English Theater Group als offizielle AG auf, finanziert wird sie durch Stupa-Mittel.

Man wächst zu einer Ersatzfamilie zusammen

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Haben die Theater-Gruppe gegründet: Türel Tan und Manon Möller.

Englischsprachige Stücke aufführen, das war die Grundidee – entstanden ist ein „kreativer Ort“, so Mitgründerin Manon, ein lebendiger Begegnungsraum zwischen deutschen und ausländischen Studenten aus Europa und der ganzen Welt. Dabei sind vor allem die Gespräche und Treffen abseits der Bühne wichtig für die Gruppe. „Man wächst schon zu einer kleinen Ersatzfamilie zusammen“, sagt die 21-Jährige. Auch außerhalb der Bühne wird hier ganz selbstverständlich Englisch gesprochen.

Theaterspielen appelliere an das Kind in jedem

Was ihr am Theater so gut gefällt? „Dass es an das Kind in jedem von uns appelliert!“, sagt die gebürtige Düsseldorferin. Es biete sich als Mittel zur Integration geradezu an: Beim Theaterspielen gebe es immer etwas, das einen auf dasselbe Level führe.

Sie sind zwar Gründer der Gruppe – als Leiter sehen sich Manon und Türel aber nicht. „Es herrscht ein sehr demokratischer Umgang, aber es ist gut, wenn zwei Leute den Überblick haben“, meint Manon. Während der Vorbereitungszeit ist der Arbeitsaufwand zunächst noch überschaubar, stressig wird es dann drei Wochen vor der Aufführung. „Die letzte Woche bedeutet für uns 24/7 Theater“, sagt Manon.

Der zeitliche Aufwand variiert stark je nach Stück, das aufgeführt wird: „Unser erstes Stück – „Speed“ – mussten wir komplett aus dem Deutschen ins Englische übersetzen und umschreiben. Das hat locker 20 Stunden gedauert“, erklärt die Lehramts-Studentin.

 

Großartiges Gefühl, wenn das selbst entworfene Skript auf der Bühne gespielt wird

Die Gruppe schreibt ihre Stücke meistens um. „Das ist häufig eine künstlerische Entscheidung. Wir nehmen Stücke gerne in die Moderne, weil wir damit mehr spielen können. Die Thematik eines sehr alten Stückes kann dann sehr aktuell werden“, so Türel. Da wird aus einem Mann plötzlich eine Frau mit Bart oder ganz neue Charaktere finden Eingang in die bekannte Geschichte. Schließlich sollen alle Rollenwünsche berücksichtigt werden.

„Damit Austausch-Studis integriert werden können, muss man da flexibel sein“, erklärt der Dortmunder mit türkischen Wurzeln. Gerade der Rollenwechsel sei es, der ihn am Theaterspielen fasziniert. Und: Es sei ein großartiges Gefühl, wenn das selbst entworfene Skript schließlich auf der Bühne gespielt wird.

Theater-Erfahrung haben beide schon als Kinder gesammelt: Von der ersten Klasse bis zum Abi spielte Manon zunächst in der Grundschule, später in der Theater-AG ihrer heimischen Tanzschule; Türel kümmerte sich während seiner Schulzeit „immer“ um Licht und Technik und war in der Film-AG. Als das mit der English Theater Group anfing, habe er dann Bücher zum Thema gewälzt und „viel von Manon gelernt“.

Beide Gründer stehen mehr hinter als auf der Bühne

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Die Freude am Theater verbindet die Mitglieder.

Inzwischen stehen beide mehr hinter als auf der Bühne. Türel übernimmt Intendants-Tätigkeiten, er sucht nach neuen Stücken, schreibt diese um, organisiert. Manon Müller führt meistens Regie, im Notfall werde geschauspielert.

Der Umgang mit der englischen Sprache fällt ihnen leicht. Ihr Englisch-Studium führte beide nach Amerika: Türel verbrachte das Wintersemester 2014/2015 in Michigan, Manon ist gerade erst aus South Carolina zurückgekehrt. Ob sie nach ihrem Lehramtsstudium ins Referendariat gehen, wissen Türel und Manon noch nicht. Beide können sich auch Hochschullehre oder andere Arbeitsbereiche vorstellen. Auch wenn sie die Uni in ein paar Semestern verlassen, mit der English Theater Group soll es definitiv weitergehen, wünschen sie sich.

Die English Theater Group führt ihre Einakter am Freitag, 5. Februar, um 19.30 Uhr auf der Studiobühne auf. Geprobt wird immer dienstags ab 18 Uhr. Zuschauer und neue Mitspieler sind willkommen!

 

Ein Beitrag von Lena Semrok, Anne Schubert und Judith Wiesrecker

Fotos: Judith Wiesrecker

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