Mittelalter-Traum auf sechs Quadratmetern

Dortmund… ist für ein Wochenende im Jahr 1414: Auf dem Hansemarkt gibt es Messerwerfer, Bogenschützen und Feuerspucker. Ganz im mittelalterlichem Handwerksstil. Vorn mit dabei sind die Gaukler. Sie sorgen hier für ordentlich Schabernack. 

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„Und jetzt der Höhepunkt der heutigen Show: Fifine und ihr dreifacher Salto Mortale!“ Gilberts sonore Stimme hallt laut über den kleinen Platz. Die Sprache des Gauklers enthält französische, flämische und deutsche Akzente. Der Rauch der Holzofenbäcker scheint sich bereits in Gilberts Stimmbändern festgesetzt zu haben. Mit einer Mischung aus Spannung und Belustigung verfolgt das Publikum wie der Entertainer vorgibt, seine Flohdame zu dressieren – ein Tierchen, das gar nicht existiert. Trotzdem springt die vermeintliche Fifine ab von einer abgebrochenen Autoantenne, dreht drei überdimensionale Loopings in der Luft und landet schließlich mit einer Wasserfontäne im Brotdosen-Bassin aus Blech – Gilbert löst die Fontäne unauffällig mit einem Blasebalg aus. Die Zuschauer sind von dem Trick begeistert und applaudieren.

Madalina Gusita (links) und Ewelina Burczyk sind begeistert von Gilberts Flohzirkus.

Madalina Gusita (links) und Ewelina Burczyk sind begeistert von Gilberts Flohzirkus.

Auch Madalina Gusita und Ewelina Burczyk haben sich gut beim Flohzirkus amüsiert. Die Beiden sind Erzieherinnen. Heute machen sie gemeinsam mit ihren Schulklassen einen Ausflug auf den Dortmunder Hansemarkt. „Bei so einem schönen Wetter muss man das einfach ausnutzen und schließlich gibt es den Markt ja auch nur ein Mal im Jahr“, erzählt Ewelina. Der Hansemarkt ist einer der größten Traditions- und Bauernmärkte in Nordrhein-Westfalen. Für die beiden Lehrerinnen und ihre Schüler biete er eine willkommene Abwechslung zum üblichen Schulalltag. „Der Markt ist einfach super! Hier sieht man auch mal andere Dinge wie Handwerk oder altertümliche Sachen“, schwärmt Madalina.

 

 

Für Gilbert Jakubczyk ist der historische Markt längst kein ungewöhnliches Ereignis mehr. Schon zum zehnten Mal präsentiert der Gaukler sein buntes Repertoire an klassischen Nummern der Straßenkunst: Feuerspeien, Zaubertricks, Pantomime und natürlich den Flohzirkus. Weil dabei keine echten Flöhe zum Einsatz kommen, nennt der Franzose seine Show auch „Gilbert, der kleine Scharlatan“. Nach 47 Jahren Berufserfahrung weiß Gilbert, wie er das Publikum in seinen Bann ziehen kann: „Du musst mit den Zuschauern immer im Dialog sein. Nur so schaffst du es, einen großen Publikumskreis anzulocken, die Menschen zum Stehenbleiben zu bewegen und ihnen hoffentlich noch die ein oder andere Spende zu entlocken.“

Kaum Geld zum Leben

Heute war der Auftritt nur mäßig erfolgreich. Nur wenige Kupfer-Münzen haben den Weg in Gilberts Gelddose gefunden. Für den Franzosen aber kein Problem. Er glaubt an sein Können und die Spendierfreude der Zuschauer bei seinen weiteren Auftritten im Lauf des Tages. Der Hansemarkt rund um die Reinoldikirche hat täglich von 10 bis 22 Uhr geöffnet. Gemeinsam mit einem verkaufsoffenen Sonntag endet er am 02. November. Obwohl es bereits in den 1980er Jahren einen ähnlichen Bauernmarkt gab, feiert der  Hansemarkt in seiner jetzigen Form erst sein zehnjähriges Bestehen. Traditionskirmes, mittelalterliche Speisen in der Hexengasse, Handwerkergasse und Tiermarkt stellen das Kernprogramm des Marktes dar. Neu in diesem Jahr sind ein Turnier unter den Schmieden, Deutschlands einziger noch existierender Flohzirkus, sowie die international bekannte Artistentruppe „Geschwister Weisheit“. Der Hochseilartist Alexander Weisheit wagt sich für seinen Auftritt mehrmals täglich auf einen 62 Meter hohen Mast. 

Désirée (rechts) und Vanessa vor einem Gänsegehege - eines von vielen auf dem Tiermarkt. Foto: Luisa Heß

Désirée (rechts) und Vanessa vor einem Gänsegehege – eines von vielen auf dem Tiermarkt. Foto: Luisa Heß

Die Besucherzahlen halten sich in den letzten Jahren konstant. So kommen etwa 25 000 Menschen pro Tag zum Hansemarkt. Zwei davon sind Désirée Wasmer und Vanessa Meisenhöfer. Die beiden Architektur-Studentinnen an der Fachhochschule Dortmund sind von der Vielseitigkeit des Hansemarkts beeindruckt. „Das ist mal was anderes“, sagt die 22-jährige Désirée und schwärmt besonders von den originellen Dekorationsartikeln.

 

 

 Im Herzen Gaukler und Vagabund

Gilberts Zuhause: ein LKW. Eine Freundin hat ihn für den Gaukler bemalt. Foto: Luisa Heß

Gilberts Zuhause: ein LKW. Eine Freundin hat ihn für den Gaukler bemalt. Foto: Luisa Heß

Gilbert Jakubczyk ist ein Fan der Nostalgiekirmes. Nach seinem Auftritt mit dem Flohzirkus hat der Gaukler sein Zubehör kurzerhand auf eine Sackkarre geladen. Ein aufklappbares Tischchen, eine dunkelblaue Samttischdecke, die Blechdose und ein großes Schild auf einer hölzernen Staffelei mit dem Aufduck „Gilbert the Charlatan“. Die Sackkarre lässt er bei einem Holzskulpturenkünstler stehen. Die Gaukler und Schausteller des Hansemarkts kennen sich untereinander. Rasch geht Gilbert zu seinem LKW – seinem Zuhause.

 

 

Der Wohnwagen eines Gauklers sagt mehr über dessen Leben aus als seine Show. Foto: Luisa Heß

Der Wohnwagen eines Gauklers sagt mehr über dessen Leben aus als seine Show. Foto: Luisa Heß

Vor seiner nächsten Show hat er noch ein bisschen Zeit, um sich auszuruhen. Obwohl Gilbert schon 62 Jahre alt ist, kann sich der Franzose nicht vorstellen, sein Vagabundenleben aufzugeben. In seiner Wohnung in Paris ist er nur selten. Die meiste Zeit des Jahres ist er mit seinem LKW in ganz Europa unterwegs: Deutschland, Frankreich, Belgien und in den Niederlanden. Die Arbeit als Gaukler gebe ihm Freiheit: „So kann ich ständig neue Städte bereisen und fremde Kulturen und Menschen kennenlernen. Jede Show ist etwas anderes, weil das Publikum immer anders ist.“ Auf den wenigen Quadratmetern Wohnfläche im LKW ist kaum ein Stück Wand leer. Überall zeugen Fotos, Kostüme, Plakate und Requisiten von Gilberts Leben als Gaukler. Es riecht nach Zigaretten, Bier und abgestandenem Kaffee. Der Franzose führt ein bescheidenes Leben. Und trotzdem wünscht er sich kein anderes. 

 

 

 

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