Raus aus dem Off: Das „Favoriten“-Festival

Freies Theater muss kämpfen: Um Geld. Um Zuschauer. Um Anerkennung. Das renommierte Dortmunder Festival „Favoriten 2010“ holt die Macher der Off-Szene ins Rampenlicht. Zwölf Produktionen geben in der nächsten Woche Antworten auf Fragen, an denen konventionelles Theater zu oft scheitert.

Alte Herren in Unterhose: Bei "She She Pop" ging es im "Testerment" um die nackte Wahrheit und intime Geheimnisse. Foto: Doro Tuch

Alte Herren in Unterhose: Bei "She She Pop" ging es im "Testament" um die nackte Wahrheit und intime Geheimnisse. (Foto: Doro Tuch)

Nackt bis auf die Unterwäsche stehen drei alte Männer auf der Bühne, während vier Schauspieler ihre Geheimnisse und Intimitäten vor dem Publikum ausbreiten. Bei der Eröffnungsproduktion von „Favoriten 2010“ zogen die Schauspieler von „She She Pop“ den grauhaarigen Herren Jacket und Hose aus. Das Publikum lachte viel und ohne Spott. Etwa über den Mann, der in Unterhose Trompete spielend durch die Wohnung marschiert. Dabei sind die Schauspieler in „Testament“ vor allem eines: Kinder. Kinder der Männer, deren Intimitäten sie nach dem Leitmotiv von William Shakespeares „König Lear“, vor dem ausverkauften Saal des Dortmunder Depots ausplauderten. Mit dem Spagat zwischen schonungsloser Offenheit und ebenso ehrlicher Selbstkritik gelang dem Ensemble eine Provokation, die ihm am Ende stehende Ovationen einbrachte.

B-Boys treffen Tänzer

Doch auch die Aufführungen der nächsten Woche wollen die Versprechen erfüllen, die „Testament“ gehalten hat: Eine unbequeme Sichtweise, die sich alten Themen auf neuem Wege nähert. Etwa die Produktion „Nordstadt Realslide“: Mit Tanz und Theater erzählen Jugendliche von ihrem Alltag im Dortmunder Norden. Ein ähnlicher Mix aus Bewegung und Spiel erwartet das Publikum auch bei „Schwarze Katze“. Die Produktion speist sich aus den Persönlichkeiten der Akteure: Drei B-Boys treffen auf zwei Tänzer und einen BMX-Fahrer. Ein emotionales Kunstprojekt. Ausgang: Ungewiss.

"Schwarze Katze" kommt am 4.11. im Kulturzentrum in Herne auf die Bühne. Foto: Oliver Look

"Schwarze Katze" kommt am 4.11. im Kulturzentrum in Herne auf die Bühne. (Foto: Oliver Look)

Ungewissheit ist ein Leitmotiv, auch weil die Angst vor der Zukunft das Leben vieler Jugendlicher prägt. Denn anders als beim konventionellen Theater kann freies Theater viel schneller auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren. Es ist flexibler und im besten Fall dicht dran an dem, was gern „draußen“ genannt wird. Freies Theater zeigt, was auch die Stadttheater und Staatsschauspielhäuser nicht sein sollten, aber leider oft sind: hermetisch abgeschlossene Bereiche, die die immer gleichen Menschen anziehen, allen Bemühungen zum Trotz.

„Da draußen“ wird zum „hier“

„Favoriten“ will mit dem Wettbewerb von zwölf Produktionen, die aus über 200 ausgewählt worden sind, eine Bestandsaufnahme geben und zeigen, wozu die Off-Szene fähig ist. Doch es geht über den Selbstzweck hinaus. Die Stücke sind theatrale Kommentare zu Themen und Problemen der Welt da draußen. Nur dass „da draußen“ dann „hier zwischen uns“ ist.

Ein Gastbeitrag von Fritz Habekuß.

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