Ein Festtag zwischen Grusel-Splatter und Ahnengedenken

Ob Totenkopf-Masken, blinkende Plastik-Kürbisse oder Scream-Fratzen – in Dortmunds Kaufhäusern wimmelt es von Halloween-Ware. Aber auch sämtliche Veranstalter und Discobetreiber nutzen den 31. Oktober um den Halloween-Hype zu zelebrieren. Feiern wollen viele – doch den historischen Ursprung des Festes kennen die Wenigsten.

Halloween-Hype in Europa und Amerika: Die Nacht auf den 1. November hat sich nach und nach zum Gruselfest etabliert, was mit dem kelto-germanischen Ahnenfeiertag „Samhain“ nur noch wenig zu tun hat.

Halloween-Hype in Europa und Amerika: Die Nacht auf den 1. November hat sich nach und nach zum Gruselfest etabliert, was mit dem kelto-germanischen Ahnenfeiertag „Samhain“ nur noch wenig zu tun hat.

Voll gestopft sind die Kleiderständer mit Einheitskostümen: rote Umhänge, dazwischen Tüllhüte und im Regal daneben ein paar schaurige Vampirzähne. Mittendrin tummeln sich die Kunden, während im Hintergrund düsteres Raunen aus den Lautsprechern schallt. Auch Joy Haake, Jana Pekowski und Fabian Kok hat es in eines dieser Warenhäuser verschlagen. Sie suchen noch das passende Outfit für das Fest in der Nikolaigemeinde. Dort feiert der evangelische Helferkreis am Sonnabend – etwa 40 Leute werden erwartet. Doch warum in den Vereinigten Staaten und vielen europäischen Ländern überhaupt gefeiert wird, wissen sie nicht. „Hm, gute Frage – keine Ahnung“, sind sich alle drei einig.

Ähnlich sieht’s auf dem Campus der TU Dortmund aus. „Aus den USA“, rufen einige der Studenten auf die Herkunftsfrage, während sie schnellen Schrittes zur Vorlesung hasten. Manche vermuten dahinter eine ausgeklügelte PR-Strategie, andere meinen schon mal was von einem germanischen oder englischen Ursprung gehört zu haben.

Auch bei Hexen und Schamanen wird gefeiert

Halloween ist ein Fest, das am Vorabend von Allerheiligen, also in der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November gefeiert wird. Bereits vor Tausenden von Jahren haben die Kelten und Germanen auf dem heute europäischen Kontinent diesen Tag zelebriert. „Samhain“ nennt sich ihr Mondfest, an dem die Vorfahren geehrt und gleichzeitig das neue Jahr eingeleitet wird. Ein Brauch, der übrigens bis heute im modernen Schamanismus weiter existiert und von seinen Glaubensanhängern zelebriert wird.

Wie zum Beispiel von Minerva Trudimonia Winter. Sie bezeichnet sich selbst als praktizierende Hexe und Ritualfrau und betreibt seit 2002 mit ihrem Ehemann einen Hexenladen in Dortmund-Berghofen. Kein klischeebeladendes Horrorkabinett mit Hexenkessel und Knochenschmuck, sondern eine urige Zwei-Zimmer-Stube mit Esoterik-Touch: orange-verziert sind die Wände, in den Holzregalen und Glasvitrinen sind Räucherstäbchen, Gewürze und Traumfänger zu finden.

Minerva Trudimonia Winter versteht sich als praktizierende Hexe und lebt den modernen Schamanismus mit all seinen alten Traditionen und Bräuchen.

Minerva Trudimonia Winter versteht sich als praktizierende Hexe und lebt den modernen Schamanismus mit all seinen alten Traditionen und Bräuchen.

Seit ihrer Kindheit lebt Minerva den kelto-germanischen Glauben. Dazu gehört auch das Feiern der alten heidnischen Feste wie Samhain: „Wir sitzen mit der Familie zusammen und kochen meist ein Lieblingsessen eines Verstorbenen, das dann in den Garten oder vor die Tür gestellt wird“, erzählt die 38-Jährige, die am 1. November – dem katholischen Feiertag Allerheiligen – ihren 39. Geburtstag feiert.

Am Sonnabend trifft sich Minerva mit einer Gruppe von Gleichgesinnten, um nach Einbruch der Dunkelheit in die Natur oder den Wald zu gehen und dort die Ahnen und die Naturzyklen zu ehren. Dazu werden Brot und Wein „geopfert“. Der Unterschied zum christlichen Glauben, und auch zum Halloween-Fest, sei der Umgang mit dem Tod: „Dort gilt das Sterben als etwas ganz schreckliches. In unserem Glauben wird es als ganz natürlich angesehen“, erklärt Minerva. Die dunkle Jahreszeit wird eingeleitet. Gleichzeitig wird um Schutz und Geleit von Verstorbenen gebeten.

Von Europa nach Amerika – und wieder zurück

Durchgesetzt hat sich der kelto-germanische Feiertag dann vor allem in Irland und England, da das europäische Festland zunehmend christianisiert wurde – im Gegensatz zu den Inseln. Ab 1830 sind immer mehr Iren in die Vereinigten Staaten ausgewandert und haben ihre Tradition dort weitergelebt. Von den Amerikanern wurde der Brauch dann übernommen und so entwickelte sich nach und nach das heutige Fest „Halloween“ – übrigens eine Kontraktion des Wortes „All Hallows’ Even“, also „Allerheiligenabend“. In Amerika gehört Halloween, neben Weihnachten und Thanksgiving, inzwischen zu einem der wichtigsten Feiertage des Jahres.

Aus Nordamerika kam Halloween dann zurück nach Europa, wo es stärker kommerzialisiert und oft in veränderter Form gefeiert wird. So hat das neu-europäische Fest einen weniger schaurigen Charakter als in den Vereinigten Staaten. Im deutschsprachigen Raum wird Halloween nach USA-Vorbild erst seit den Neunziger Jahren gefeiert. In den letzten Jahren hat sich dieser Brauch enorm verbreitet und an Popularität zugenommen.

So schließen sich in diesem Jahr auch zahlreiche Dortmunder Lokalitäten dem modernen Gruselevent an: Der Zoo bietet Kürbis-Schnitzen und Schabenrennen an, die Erlebniswelt Fredenbaum lädt zum Kostümwettbewerb und örtliche Diskos locken mit Schauer-Deko.

Die Vampir-Dame tanzt also mit dem Werwolf, das Schlossgespenst lässt die Ketten rasseln und der Zombie flirtet mit der Kräuterhexe – während die Schamanen-Anhänger in den Wäldern ihrer Ahnen gedenken.

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