Studium mit Rollstuhl: Gleich und doch anders

Miriam Jung ist noch etwas müde. Die Vorlesung gerade war nicht so spannend, jetzt muss ich erst mal wieder wach werden. Frischluft tut da ganz gut. Von Geburt an sitzt Miriam im Rollstuhl. Die 25-Jährige studiert Lehramt für sonderpädagogische Förderung an der TU Dortmund. Der Campus ist für sie verglichen mit den anderen Studierenden gleich und dabei doch ganz anders. Wir begleiten sie auf einer Runde über den Campus – aus ihrer Perspektive.

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Miriam Jung. Fotos und Teaserbild: David Freches.

Die Erkundungstour beginnt am Gebäude der Emil-Figge-Straße 50. „Generell muss ich immer längere Wege und Umwege in Kauf nehmen. Wenn wir jetzt zum Beispiel von hier aus zur S-Bahnstation wollten, würde mich das schon sechs bis sieben Minuten kosten.“ Miriam wirkt gesellig und und macht dabei einen gemütlichen Eindruck. Stress oder Hektik sind ihr fremd. „Ich muss immer ein bisschen mehr Zeit einplanen und versuche darum gar nicht erst, einen Bus oder eine Bahn zu kriegen, die alle anderen nehmen.“

Podeste im Sonnendeck fallen weg

Auf dem Campus gibt es viel zu entdecken – auch wenn man ihn eigentlich schon kennt. Denn Barrieren oder Hindernisse fallen in der Regel nur körperlich beeinträchtigten Studierenden auf, dem großem Rest aber nicht. Im Sonnendeck zum Beispiel, der ersten Station des Rundgangs. Hand aufs Herz: Wer von euch hat bisher bewusst wahrgenommen, dass viele der Sitzgelegenheiten im Sonnendeck durch Podeste vom normalen Fußboden erhöht sind? Allerdings wird der Umbau Abhilfe schaffen. Christian Puslednik, der Leiter der Hochschulgastronomie, sagte: „Die Podeste fallen weg, so dass eine noch weiter verbesserte Barrierefreiheit sicher gestellt wird.“

Bald barrierefrei: Das Sonnendeck

Bald barrierefrei: Die Podeste im Sonnendeck fallen in Zukunft weg.

Eine Optimierung, die Miriam gefällt. Sie nutzt den Rundgang nicht, um sich fortwährend zu beschweren, sondern um auf Besonderheiten hinzuweisen. Generell ist sie sehr zufrieden: „Man kann immer alles optimieren, aber insgesamt sind die Gegebenheiten an der TU im Vergleich zu den Unis in Köln oder Düsseldorf Luxus.“ Miriam weiß, wovon sie spricht.

Sie stammt aus Issum am Niederrhein und hat während ihrer Schullaufbahn verschiedene Förderschulen besucht – deswegen ist sie weit rumgekommen. Bevor sie nach Dortmund gezogen ist, hat sie schon in Aachen, Bonn und Köln gewohnt. Ein Studium in der Domstadt wäre für sie auch in Frage gekommen, aber: „In Köln muss man einen Umweg von zwei Kilometern in Kauf nehmen, um in die Hauptmensa zu kommen.“ Und darin unterscheide sich die TU von anderen Universitäten.

Bordsteinabsenkungen zugeparkt

Der nächste Halt des Rundgangs ist vor der Mensa, die nur über eine behindertengerechte und per Knopfdruck zu öffnende Tür verfügt. „Angenommen, ich möchte jetzt von hier aus zu den Bushaltestellen auf dem Vogelpothsweg, der Straße unter der Mensabrücke. Dann muss ich erst beim Mathetower vorbei, danach gegenüber vom Internationalen Begegnungszentrum rechts, dann rechts auf den Vogelpothsweg einbiegen und anschließend die Straße unter der Brücke entlang, bis ich bei den Bushaltestellen ankomme. Alternativ dazu kann ich auch den Aufzug im Mensa-Gebäude nehmen.“

Rücksicht? Fehlanzeige: Eine zugeparkte Bordsteinabsenkung am Vogelpothsweg

Rücksicht? Fehlanzeige: Eine zugeparkte Bordsteinabsenkung am Vogelpothsweg

Aber dann steht Miriam mit ein wenig Pech vor dem nächsten Problem. Denn nicht nur Treppen, Podeste oder Türen, sondern auch Bordsteinkanten und die entsprechenden Absenkungen können ein Hindernis für Rollstuhlfahrer sein – zusätzlich zur mangelnden Rücksicht von anderen Verkehrsteilnehmern. So auch an diesem Tag: Ein Auto und ein quer abgeschlossenes Fahrrad machen das Passieren der Absenkung unmöglich. Miriam muss die Absenkung hundert Meter weiter nehmen. „Ich sehe meistens, wo der Bordstein abgesenkt ist oder nicht, aber das ist keine Selbstverständlichkeit. Andere körperlich beeinträchtige Menschen suchen auch schon mal etwas länger.“

Aber auch wenn Absenkungen nicht zugeparkt sind, kann es zu Problemen kommen. Einige Absenkungen sind so steil, dass man sie mit dem Rollstuhl manchmal nicht alleine wieder hochkommt. Dann wäre Miriam schon darauf angewiesen, dass sie kurz geschoben würde. Das Thema „Schieben“ bedarf darüber hinaus der Erwähnung, findet Miriam. „Ach, ich bin ein ziemlich fauler Mensch“, lacht sie, „dann ist es schon in Ordnung, wenn ich geschoben werde. Bei Freunden freue ich mich sogar darüber.“ Was sie nicht leiden kann, ist, von weniger bekannten Personen einfach ungefragt geschoben zu werden, denn: „Menschen werden ja auch nicht einfach so genommen und von Fremden durch die Gegend getragen.“

DoBuS – ein Zwitter aus Fachschaft und Dienstleistung

Der Rundgang führt wieder in die EF50 zu den Arbeitsräumen von DoBuS, dem Dortmunder Zentrum für Behinderung und Studium. Hier können behinderte Studierende mit technischen Hilfsmitteln wie Leselampen oder Diktierhilfen arbeiten, sich zum Lernen zurückziehen oder sogar ihre Klausuren am Computer schreiben. Darüber hinaus stehen Ansprechpartner wie Ralf Klein zur Verfügung. Mit seinen Kollegen verwaltet und betreut er die Studierenden und den Arbeitsraum. Dabei kooperiert DoBuS mit der Interessensgemeinschaft behinderter Studenten (IBS) und dem Autonomen Behinderten-Referat (ABeR).

Klein konkretisiert: „DoBuS ist ein Zwitter aus Fachschaft und von der Uni bezahlter Dienstleistung. Wir kümmern uns um Beratung genauso wie um wissenschaftliche Tätigkeiten, zum Beispiel eigene Forschungs- und Projektarbeiten.“ Die Zusammenarbeit der verschiedenen Einrichtungen läuft so ab: Mitarbeiter von DoBuS nehmen an den Treffen des ABeR und der IBS teil, um aktuelle Themen aufzugreifen und an das Studentenwerk weiterleiten zu können. Klein fährt fort: „Es läuft schon gut, was die Barrierefreiheit an der Uni betrifft, aber durch diesen Austausch sehen wir, wo man noch Dinge ansprechen und verändern kann.“

Das sei zum Beispiel beim Mensawagen so gewesen, sagt er. „Auch wenn es ein langer Kampf war.“ Der Mensawagen ist ein Konstrukt, das den Studierenden das Abstellen der Tabletts und somit den Mensabesuch insgesamt erleichtern soll. Der Mensawagen wurde von den drei Organisationen angeregt und vom Studentenwerk bezahlt. Ein anderes Thema sind die Hörsäle, sagt Klein: „Da stehen die Rollis fast immer in der letzten Reihe, eigentlich sollten sie aber unten stehen – alleine schon aus Platzgründen. Wie aber soll man im Hörsaal mit Rollstuhl die Treppe runter kommen?“

Der Mensawagen

Der Mensawagen bietet eine Möglichkeit, die Tabletts abzustellen und soll den behinderten Studierenden den Mensabesuch erleichtern.

Auf den Tapetenwechsel gefreut

Der Abschluss der Entdeckungstour führt auf den Süd-Campus. Hier gebe es gefühlt 1000 Erhöhungen, Stufen und Umwege, sagt Miriam augenzwinkernd. Noch schlimmer sei das im Winter. „Das ist echt die beschissenste Jahreszeit, da komm ich nämlich kaum voran.“

Miriam studiert mittlerweile seit zwei Jahren an der TU. Die Freude auf den Studienbeginn war groß, vor allem, weil er einen Tapetenwechsel bedeutete: „Ich habe vorher ja nur Unterricht in kleinen Förderschulklassen gehabt, von daher war der Kontrast beeindruckend. Ich hatte da keine Angst vor, ich hab mich einfach ins Blaue gestürzt.“ Der Umgang mit den Kommilitonen sei problemlos, auf Hilfsbereitschaft sei Verlass. Vereinzelt gibt es auch Berührungsängste, wenn Personen auf Abstand gehen oder sich nur oberflächlich mit Miriam unterhalten, aber das sind Ausnahmen. Dennoch könnte der Austausch zwischen behinderten und nicht behinderten Studierenden ihrer Meinung nach noch reger sein. „Da müssten beide einfach noch mehr auf einander zugehen.Vielleicht wir Rollis noch ein bisschen mehr, um Berührungsängste von Beginn an zu nehmen.“

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