Die Sound-Doktoren: Erst der Ton macht sportlich

Kling, klang, klong – ob Türschlagen, Blinkerklacken oder das Rascheln der Chipstüte, von Sounddesignern bleibt fast nichts verschont. Mit Hilfe von Physik und Psychologie suchen Akustiker nach dem richtigen Ton. Denn von schlechten Geräuschen wird schnell auf schlechte Qualität geschlossen.

Der „gute Sound“ hängt stark von der Erwartungshaltung ab, die durch Erfahrungen geprägt ist. Foto: Franziska Weigt

Der „gute Sound“ hängt stark von der Erwartungshaltung ab, die durch Erfahrungen geprägt ist. Foto: Franziska Weigt

Sounddesign gibt es zwar schon, so lange es Autos gibt. Aber bisher arbeiten nur knapp zwei Dutzend Sounddesigner in deutschen Akustik-Labors. Mittlerweile läuft kein Modell mehr ohne professionelles Sounddesign vom Band – ein Trend, der sich in den letzten 15 Jahren in allen Bereichen enorm verstärkt hat.

Inzwischen kann sich jeder, der im Besitz eines neuen Fahrzeuges ist, sicher sein: Karosserie, Motor und Auspuffanlage haben eine lange Reihe von akustischen Tests absolviert, bevor der Fahrer damit den morgendlichen Weg zur Uni bestreitet. Ausgenommen „ein Modell in der Klasse eines Dacia Logan vielleicht“, wie Sounddesigner und Diplom-Ingenieur Dirk Grundke von der Zwickauer Gesellschaft für Akustik und Fahrzeugmesswesen sagt.

Aber auch beim Knabbern auf der Couch hat das Sounddesign bereits zugeschlagen. „Die Bereiche von Sounddesign sind vielfältig. Sie reichen von Verpackungen bis zum Inhalt von Lebensmitteln. Ob es die Cornflakes sind, die in der Schale rascheln, oder Chips, die schön frisch klingen müssen. Das Öffnen von Flaschen wird klangtechnisch verändert – der Knack von der Granini-Flasche soll auch unter Sounddesignaspekten kreiert worden sein“ sagt Prof. Jörg Becker-Schweitzer vom Institut für Schwingungen und Wellen an der FH Düsseldorf.

In Deutschland gibt es bis jetzt nur zwei Dutzend Soundexperten, die in Akustiklabors den optimalen Sound kreieren. Aber es werden mehr. Ein Akustiker gehört inzwischen zum Entwicklungsteam eines jeden neuen Automobils. An der FH Düsseldorf werden Projekte zum Sounddesign angeboten und die Robert Schumann Hochschule Düsseldorf bietet sogar einen eigenen Studiengang zu diesem Fach an.

An der Westsächsischen Hochschule Zwickau ist Fahrzeugakustik ein eigenes Lehrfach. Hier lernen Studenten, wie sie den Sound mit „akustischen Kameras“ analysieren können. Foto: MZ

An der Westsächsischen Hochschule Zwickau ist Fahrzeugakustik ein eigenes Lehrfach. Hier lernen Studenten, wie sie den Sound mit „akustischen Kameras“ analysieren können. Foto: MZ

Sport faucht, Cruiser blubbert

Beim Fahrzeugkauf spielen in erster Linie Gefühle eine Rolle. Wie der Ingenieur Grundke sagt, ist ein Fahrzeug „heute kein Fortbewegungsmittel mehr, um von A nach B zu kommen, es ist ein Sportgerät, ein Spaßgerät, und soll auch hinsichtlich des Sounds entsprechende Emotionen hervorrufen.“ Dabei sind diese Empfindungen relativ vielschichtig: Porschebesitzer bilden eine völlig andere Soundklientel als Fahrer, die einen umweltfreundlichen Wagen bevorzugen. Dem Klang kommt bei der Kaufentscheidung also eine spezielle Rolle zu. Quasi als zweiter Eindruck – nach dem optischen transportiert der akustische Eindruck eine Menge Gefühle. Schnell, PS-stark und giftig – das wird von einem sportlichen Motoren-Sound erwartet. Wichtig ist, dass am Ende ans kundige Ohr dringt, was mit der Erwartungshaltungshaltung des Hörers und mit der realen PS-Leistung zusammenpasst. Wenn hinter der nächsten Kurve ein Sechszylinder aufheult, sollte zur Wahrung des Weltbildes besser ein Porsche um dieselbe biegen und kein Corsa A. Obwohl auch das laut Prof. Becker-Schweitzer möglich wäre: „Sie können dieses System dazu benutzen, letztendlich ihren 4-Zylinderklang in einen 6-Zylinderklang zu verwandeln.“

Sounddesign ist aber keine rein ästhetische Wissenschaft. So sind zum Beispiel alle Karosserien aus dem gleichen Blech, das Sicherheitsgefühl in einer Limousine ist aber größer als in einem Kleinwagen. Firmen versuchen, ein Image zu transportieren und die Kaufentscheidung zu leiten. „Es gibt Unternehmen, die setzen bei Blinkergeräuschen zum Beispiel auf den original Relais-Sound. Andere bevorzugen eher einen spacigen Sound. Da, wo man einfach sagt, wir wollen was neues kreieren, weil wir fashion-like sind“ sagt Prof. Becker-Schweitzer.

Der neueste Trend im Sounddesign ist „active noise control“ – Schallwellen löschen sich hierbei gegenseitig aus, oder verstärken sich. Foto: MZ

Der neueste Trend im Sounddesign ist „active noise control“ – Schallwellen löschen sich hierbei gegenseitig aus, oder verstärken sich. Foto: MZ

Raus kommt, was drin steckt

Um die Erwartungen der Fahrer zu befriedigen und genau die Emotionen in Schallwellen zu verwandeln, die der Hersteller zu vermitteln wünscht, haben sich die Sounddesigner technisch hochgerüstet. Denn auch ein noch so formschöner und PS-starker V4-Motor klingt frisch aus der Prototypenentwicklung wie ein Sack Nüsse und gar nicht nach sportlichem Understatement.

Prof. Becker-Schweitzer sagt: „Es hängt davon ab, welche Vorbedingungen vorhanden sind. Wenn man in der Lage ist, einen Sound künstlich herzustellen, weil man sich über Hardware keine Gedanken machen muss, zum Beispiel beim Sound für das Verschlussgeräusch einer Digitalkamera, die ja eigentlich keinen Verschluss mehr hat – dann hat man im Prinzip alle kreativen Möglichkeiten und kann sich am grünen Tisch einen schönen Sound ausdenken. Wenn man aber Hardwarevorgaben hat, misst man erstmal die Bedingungen und versucht, eine Analyse zu machen, wo die Probleme sind oder wie man den Sound verbessern könnte.“

Unverfälschliche Töne unter der Motorhaube

Wer nun befürchtet, von Sounddesigner ferngesteuert zu werden, sei beruhigt, denn es gibt auch unveränderliche Größen: Im Wesentlichen hängt die Geräuschcharakteristik von der Anzahl der Zylinder, des Hubraums und der Art der Ventilstellung ab. Dipl.-Ing. Dirk Grundke erklärt: „Schallquellen, wie die Interaktion der mechanisch bewegten Bauteile im Motor – Kurbelwelle, Kolben, Nockenwelle, Ventiltrieb und so weiter – aber auch Ansauganlage und Abgasanlage, klingeln, klonkern und knattern um die Wette und tragen von Natur aus nicht gerade zum positiven Hörerlebnis bei.“

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