Studieren gegen den Krieg

Vor dem Krieg galt Syrien in der arabischen Welt als Vorzeigeland in Sachen Bildung. Doch seit dem Ausbruch des Bürgerkrieges ist auch auf den syrischen Campussen vieles nicht mehr wie vorher. Was sich seitdem verändert hat und worin sich syrische und deutsche Unis unterscheiden. 

Insgesamt vier staatliche Unis gibt es in Syrien nach Angaben des Auswärtigen Amtes, dazu eine Vielzahl privater Unis. Die größte Hochschule in Syrien ist die Uni in der Hauptstadt Damaskus. Doch seitdem in Syrien das Regime des syrischen Staatsoberhauptes Baschar al-Assad gegen die Oppositionellen kämpft und inzwischen mehr als die Hälfte der Bevölkerung das Land verlassen hat, hat sich vieles verändert. Auch an den Universitäten. 

In umkämpften Städten wie Damaskus oder Aleppo sind die Universitäten für viele Studierende nicht mehr zu erreichen. Die Städte sind durchzogen von Checkpoints und die Gefahr, in Straßengefechte zu geraten, ist für viele einfach zu groß. Doch nicht nur deshalb ist es in den Hörsälen syrischer Unis inzwischen deutlich leerer geworden. Denn gerade Studierende, die meist zur oberen Gesellschaftsschicht gehören, können sich die Flucht in sicherere Länder finanziell leisten und entkommen so dem Elend des Krieges.

Der Unialltag läuft weiter

Doch trotz des andauernden Krieges, trotz der Bomben und Straßengefechte, die in Syrien nun seit Ausbruch der Unruhen zum Alltagsbild gehören, und obwohl auch viele Professoren das Land inzwischen verlassen haben – der Unialltag läuft weiter. Für viele Studenten ist die Uni die Rettung vor dem sicheren Tod. Denn wer an der Uni eingeschrieben ist, kann nicht zum Militär eingezogen werden. Wer allerdings mehrfach durch eine Prüfung gefallen ist oder seinen Abschluss gemacht hat, muss direkt zur Armee. Viele junge Männer versuchen aus diesem Grund, ihr Studium gezielt in die Länge zu ziehen.

Viele Studierende wollen ihren Abschluss aber auch noch im Heimatland beenden, um nicht anderswo noch einmal komplett von vorne starten zu müssen. Denn erworbene Leistungen im Ausland anrechnen zu lassen, ist häufig schwer – obwohl auch in Syrien nach dem Bachelor-/Master-System studiert wird. Während die Regelstudienzeit für einen Bachelor in Deutschland allerdings meist sechs Semester dauert, studiert ein Syrer für denselben Abschluss ganze vier Semester länger. Ein Master ist für die meisten Jobs nicht zwingend notwendig und nur Studierende mit sehr guten Noten werden dafür überhaupt zugelassen.

Generell entscheiden die Noten in Syrien sehr viel über die Zukunft. Wer das Abitur nur mit Einsen abschließt, studiert im Regelfall Medizin. Wer etwas schlechter war, schreibt sich für Zahnmedizin ein oder wird Ingenieur. Es geht viel um Prestige und Geld, weniger um persönliche Interessen. Private Universitäten genießen ein geringeres Ansehen – sind aber eine Möglichkeit für Studierende, deren Noten für die staatliche Uni zu schlecht sind. Gerade in den großen syrischen Städten wird viel Wert auf Bildung gelegt. Wer keinen guten Abschluss hat, der bekommt auch keinen Job, zumindest keinen guten. Das Modell Ausbildung gibt es in Syrien übrigens nicht. Auch für – in Deutschland – klassische Ausbildungsberufe, wie den der Krankenschwester, muss man in Syrien studieren. Wer nicht studieren kann oder will, kann als eine Art „Trainee“ für kleinere Jobs angelernt werden. 

Studieren in den USA oder Russland

Angesehen ist auch, wer seinen Uni-Abschluss im Ausland gemacht hat. Nach Möglichkeit in Ländern wie den USA, Großbritannien oder Irland. Viele Studierende zieht es aber zum Beispiel auch nach Russland, mit die syrische Regierung verbündet ist. Die Regierung vergibt Stipendien für Auslandsabschlüsse. Doch auch hier entscheiden in erster Linie die Noten.

Syrien als Unistandort selbst war auch schon vor dem Krieg kein beliebtes Land für ausländische Studenten. Obwohl die Universitäten als gut galten, kamen nur wenige Studierende aus dem Ausland in das arabische Land. Im Vergleich zu deutschen Hochschulen sind die syrischen Unis deutlich schlechter ausgestattet. Internet und Computertechnik gibt es nicht, die Profs schreiben hier noch an die Tafel und die Studierenden schreiben mit – handschriftlich versteht sich. Auch Bafög, freies WLAN oder Semestertickets gibt es nicht. Dafür bezahlen Syrer aber auch keine Studiengebühren oder Semesterbeiträge.

Gerade vor dem Krieg unterschied sich der Unialltag ansonsten aber gar nicht allzu sehr von dem, was wir aus Deutschland kennen. Männer und Frauen studieren in Syrien gemeinsam und gehen mittags in Gruppen zusammen essen oder lernen. Allerdings: Statt in Studentenkneipen oder Clubs lassen syrische Studierende den Unialltag am liebsten in Shisha-Cafés unter freiem Himmel ausklingen.

Recherche-Info
Ihre Informationen hat die Autorin unter anderem von zwei syrischen Studenten, die derzeit an der TU Dortmund studieren, aber auch in Syrien schon an der Uni eingeschrieben waren. Aus persönlichen Gründen möchten die beiden anonym bleiben.

Beitragsbild: Fatima Hamido

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