Aller Anfang ist schwer: Der lange Weg Geflüchteter an die Uni

Ein kleiner Raum in der Otto-Hahn-Straße 14, rechts steht ein länglicher Tisch mit einem Computer in der Ecke, weiter vorne liegen zwei Packungen Prinzenrolle und Schoko-Cookies, an der Wand hängt ein Schild mit der Aufschrift „Leiser Lernraum“. Am mittigen Tisch sitzen sechs junge Studierende. Sie fachsimpeln über „Codes“ und „Templates“, löst ein Arbeitsblatt. Gemeinsam für die Uni lernen – für Majed und Ahmad war das lange Zeit nur ein Wunschgedanke. Wie viele andere auch kamen sie aus dem Kriegsgebiet Syrien nach Deutschland, um hier neu anzufangen und zu studieren. Doch der Weg an die Uni ist für Geflüchtete oft lang.

Beim Lerntreff des „Buddy“-Programms geht man freundschaftlich, entspannt und vertraut miteinander um. Der 21-jährige Majed ist fast jeden Tag hier, trifft sich gerne mit den anderen „Buddy“-Mitgliedern, denn hier paukt man nicht nur gemeinsam für die Uni, sondern lernt sich auch privat kennen, findet Freunde. An einem der Tische versucht Majed gemeinsam mit dem 24-jährigen Bashar ein Aufgabenblatt für ihr Tutorium zu lösen. Sie lehnen sich gemütlich in ihren Stühlen zurück und sprechen die Aufgaben durch. Um sein Handgelenk trägt Majed ein schwarzes Armband mit dem gelben „BVB“-Logo in der Mitte, zwischenzeitlich nippt er an seiner Club Mate. Bei dem ein oder anderen deutschen Wort stockt einer der beiden. Mal kann Majed Bashar helfen, mal umgekehrt. Ganz selten kommt es vor, dass sie sich an die anwesenden deutschen „Buddies“ wenden und etwas nachfragen. Die helfen natürlich gerne. Fast genauso selten wechseln Majed und Bashar im Gespräch ins Arabische und wenn, dann nur für ein oder zwei Worte.

Majed studiert Informatik im zweiten Semester und ist seit knapp zwei Jahren in Deutschland. Gemeinsam mit seinem Kumpel Ahmad ist er verantwortlich für das „Buddy“-Programm der Informatik. Als studentische Hilfskräfte an der Fakultät arbeiten die beiden Syrer circa acht Stunden in der Woche für das Programm: Organisieren gemeinsame Lerntreffs und vermitteln jedem neuen ausländischen Studierenden einen deutschen „Buddy“ – einen Ansprechpartner bei jeglichen Problemen im Studium, ob organisatorischer, sprachlicher oder inhaltlicher Art.

Wir wollen die verschiedenen Kulturen zusammenbringen.

Majed Al Jaouni, 21

Doch auch über die Uni hinaus bringt das „Buddy“-Programm internationale und deutsche Studierende zusammen. Dafür organisieren Majed und Ahmad diverse gemeinsame Aktivitäten. Eine Kennenlernparty zu Semesterbeginn, eine Fahrt durch das Ruhrgebiet und ein Besuch auf dem Weihnachtsmarkt gehören genauso zum Programm wie ein wöchentliches Mensaessen. „So können sich die Leute untereinander und gleichzeitig auch die deutsche Kultur kennenlernen“, erklärt Majed. Ihm ist es wichtig, dass er und die Teilnehmer des Programms möglichst viel in Kontakt mit der deutschen Sprache und Kultur kommen, sie kennen und verstehen lernen. „Es ist ein Problem, dass viele Geflüchtete und internationale Studierende schon lange in Deutschland leben, aber keinen einzigen Deutschen kennen“, findet er, „Wir wollen die verschiedenen Kulturen zusammenbringen.“

Keine Unieinschreibung ohne Asylantrag – ein langer Weg

Hannah Wolf (19), Majed Al Jaouni (21), Omar Mutlak (22) und Jan Schulte (19) bereiten sich gemeinsam auf die bevorstehende Klausurphase vor.

Einander helfen richtig anzukommen steht an erster Stelle − nicht nur bei den „Studentenbuddies“, sondern auch vonseiten der Uni. An der TU hilft die Clearingstelle für Geflüchtete den Neuankömmlingen, sich im deutschen Bürokratie-Dschungel zurechtzufinden und richtig einzuschreiben, denn das ist oft besonders schwierig für sie. „Wenn man in einem noch fremden Land mit so vielen wichtigen Formularen konfrontiert wird, hat man alleine einfach Angst, etwas falsch zu machen“, erinnert sich Majed an seine Einschreibung. Diejenigen, die sich für ein höheres Fachsemester oder einen Master bewerben, machen das an der TU über das Referat Internationales. Dort wird ihnen geholfen die Formulare auszufüllen, die anschließend von den jeweiligen Fakultäten geprüft werden. Wer aber bisher noch nicht studiert hat, bewirbt sich über uni-assist, einer vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Maßnahme, die die Bewerbungen grundsätzlich prüft und anschließend an die zuständigen Stellen der Universitäten weiterleitet. An bis zu drei Unis dürfen sich die Flüchtlinge über uni-assist kostenlos bewerben. Dazu müssen sie ihren Aufenthaltsstatus als „registrierter Flüchtling“ und die Hochschulzugangsberechtigung oder eine Bescheinigung einer uni-assist Mitgliedshochschule vorweisen können. Bis der Asylantrag durch ist, also der Status als „registrierter Flüchtling“ gilt, können schon mal drei bis neun Monate vergehen. Im Grunde können die Geflüchteten aber frei entscheiden, wo sie studieren möchten. Allerdings gibt es Personen, bei denen der Wohnort gesetzlich vorgeschrieben ist. „Man kann jedoch bei der zuständigen Ausländerbehörde nachfragen, ob eine Uni-Zulassung gegebenenfalls einen Umzug rechtfertigen würde“, erklärt Lea Thomas von der Clearingstelle.

Anforderungen an studieninteressierte Geflüchtete in NRW
  1. Ein dem Abitur gleichwertiger Abschluss: Das meint den Abschluss, den die Geflohenen in ihrem jeweiligen Heimatsland am Ende der Schule gemacht haben. Allerdings hat bei weitem nicht jeder Flüchtling auch eine beglaubligte Kopie seines Abschlusszeugnises mit auf den langen Weg nach Deutschland genommen. Wer überhaupt keinen Nachweis für den Abschluss hat, muss einen TestAS-Test ablegen, der ersatzweise als Grundlage für die Zulassung gelten kann. Außerdem variiert die Anerkennung der Abschlüsse von Herkunftsland zu Herkunftsland. Das Abitur in Syrien und Kamarun wird besipielsweise ab einer bestimmten Punktzahl anerkannt. Die von der Kultusminister Konferenz eingerichtete Datenbank Anabin gibt Aufschluss über den jeweiligen Einzelfall.
  2. Deutsch auf Sprachniveau C1: C1 entspricht in etwa dem englischen Sprachniveau, von dem man bei einem deutschen Abiturienten mit Englisch-Leistungskurs und einer Note von zwei oder besser ausgeht. Dazu belegen die Studieninteressierten Sprachkurse, an deren Ende die Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang (DSH) abgelegt werden muss. Einen Platz in einem solchen Kurs zu bekommen, ist allerdings grade momentan schwierig.

Zur Integration gehört allerdings nicht nur der Papierkram, sondern vor allem Deutsch zu lernen. Mal ganz abgesehen davon, dass ein gewisses Deutsch-Sprachniveau ohnehin die Voraussetzung für ein Studium ist. Bei Majed hat es insgesamt circa elf Monate gedauert, bis er die Prüfung abgeschlossen hatte. Bezahlen musste er seinen Deutschkurs selbst, denn der Staat finanziert nur die Kurse bis zum B1-Level und an der TU werden solche  studienvorbereitenden Sprachkurse nicht angeboten. Dafür besteht eine Kooperation mit verschiedenen Dortmunder Sprachschulen, an denen die ausländischen Studierenden dann auch die fürs Studium benötigte Abschlussprüfung – die sogenannte DSH-Prüfung – ablegen können. Im Wintersemester 2016/17 haben 24 internationale Studierende dieses Angebot in Anspruch genommen. Diese sogenannten „Deutschkurs-Studierende“ sind nicht als tatsächliche Studierende an der TU eingeschrieben, sondern nur für die Dauer ihrer Deutschkurse. So können sie für die Zeit das NRW-Bahnticket in Anspruch nehmen – eine Art Service der Universiät, um die zukünftigen Studierenden finanziell zumindest in Sachen Mobilität etwas zu entlasten. Denn die Gebühren für die Kurse an den Kooperationsschulen liegen zwischen 300 und 500 Euro. „Es gibt Einrichtungen, wie den Jugendmigrationsdienst, die Geflüchteten auch die Kurse bis zum Abschluss der DSH-Prüfung finanzieren“, erklärt Majed, „Aber weil das Interesse daran so groß ist, können sie nur diejenigen mit den besten Noten unterstützen.“

„NRWege ins Studium“ finanziert der TU Dortmund jährlich 240 Sprachkursplätze

Majed (21) hat Bashar (24) in den Vorlesungen kennen gelernt und mit seiner offenen Art vom „Buddy“-Programm überzeugt.

Seit Januar 2017 vergibt das Land NRW jetzt im Rahmen der Initiative „NRWege ins Studium“ Stipendien für Sprachkurse. An der TU heißt das: Vier Kursphasen jährlich, zehn Wochen pro Kurs und mindestens 24 Unterrichtsstunden die Woche. Um die nötige DSH-Prüfung zu bestehen, müsse man mehrere aufeinander aufbauende Kurse besuchen, die insgesamt circa ein Jahr dauern würden, so Thomas. Am 9. Januar begannen die Kurse für die ersten 30 Teilnehmer. Langfristig sollen so insgesamt 60 Plätze pro Kursphase, also 240 Plätze im Jahr, vergeben werden. Für die nächste Kursphase im April gibt es ein Online-Bewerbungsverfahren, an dem Geflüchtete mit Hochschulzugangsberechtigung, abgeschlossenem Integrationskurs und Aufenthaltstitel teilnehmen können. Der Integrationskurs ist eine verpflichtende Auflage für jeden, der seit Anfang 2005 nach Deutschland eingewandert ist und laut Ausländerbehörde nicht über ausreichende Deutschkenntnisse verfügt. „Aufgrund der großen Nachfrage können wir aber leider nicht mehr jeder interessierten Person einen Platz anbieten“, erklärt Thomas. „Die Auswahl erfolgt dann nach einem Kriterienkatalog und nicht ausschließlich nach einem NC-Verfahren.“

NRWege ins Studium: Höhe und Art der Fördergelder
Durch das Programm erhält die TU Dortmund bis 2020 rund 850.000 Euro mit denen neben den Sprachkursstipendien auch der Ausbau der Clearing-Stelle finanziert wird. Diese besteht seit Oktober 2016 aus Frau Thomas, sowie einer studentischen Hilfskraft und wird von der Mercator Stiftung finanziert. Durch „NRWege ins Studium“ kann sie nun um eine Teilzeitkraft und zwei Hilfskraftstellen erweitert werden. Wie genau die Förderung ausfällt unterscheidet sich individuell von Hochschule zu Hochschule. Insgesamt stehen dem Land für die Förderung jährlich bis zu 30 Millionen Euro bereit.

Über einen so regen Zulauf, wie die Initiative „NRWege ins Studium“ verzeichnet, würde sich auch Majed vom „Buddy“-Programm freuen – vor allem auch von den deutschen „Buddies“. Momentat betreut einer von ihnen zugleich zwei bis drei internationale Studierende. Majed ist überzeugt, dass eigentlich viel mehr Leute helfen und das Programm unterstützen wollen, aber Angst vor einer zusätzlichen Verantwortung haben. „Deshalb vergeben wir jetzt ein Zertifikat für das Engagement im Programm“, erklärt er, „So kann man etwas Gutes für andere und gleichzeitig für seinen Lebenslauf tun.“ Der 19-jährige Jan Schulte brauchte diesen Anreiz nicht. „Ich finde die Kombination einfach schön: Man kann hier neue Leute kennen lernen und zugeich helfen“, sagt er, „Ich komme nicht aus Dortmund und lerne auch selbst so Stadt und Leute besser kennen.“

Da kommt plötzlich ein junger Mann in den Raum. „Ist das hier das Buddy-Programm?“, fragt er. Sofort bejaht Majed, reicht ihm freundlich lächelnd die Hand, stellt sich vor und bittet den Neuankömmling hinein. Er ist das erste Mal hier und Majed freut sich immer über ein neues Gesicht. „Je mehr, desto besser“, sagt er grinsend.

Fotos: Carola Kortfunke

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