Kommentar: Silvester auf der Domplatte? Nein, danke!

Dichtes Gedränge, rausgeputzte Jugendliche und Erwachsene in Feierstimmung am Kölner Hauptbahnhof und auf der Domplatte: Ausnahmezustand Silvester 2015. Letztes Jahr endete das jährliche Fest mit zahlreichen Taschendiebstählen und sexuellen Übergriffe, die über Deutschlands Grenzen hinaus schockierten. Aber dieses Jahr soll alles besser werden, sicherer. Sogar so sicher, dass NRW-Innenminister Jäger Silvester auf der Domplatte verbringen will. Das versprechen Polizei und Politik mir und allen anderen Frauen für die kommende Silvesternacht − und trotzdem werde ich in diesem Jahr die Bahnhöfe und Massenveranstaltungen der Großstädte meiden.

Was sich im vergangenen Jahr in Köln zutrug, hat es so in Deutschland noch nie gegeben. Ganze Gruppen junger Männer, hauptsächlich nordafrikanischer Abstammung, bedrängten einzelne oder kleine Gruppen von Frauen und Mädchen. Während diese versuchten, sich gegen die fremden Hände auf ihrem Körper zu wehren, klauten andere Mittäter den Opfern Handys und Brieftaschen. Die Menge stand so eng beieinander, dass an Ausweichen nicht zu denken war. Da mag Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker noch so oft betonen, die Lösung wäre es gewesen, eine Armlänge Abstand zu halten.

Die Polizei war maßlos unterbesetzt und hatte kaum die Möglichkeit einzugreifen. Dazu kamen verschiedene menschliche Versäumnisse und Fehler, wie beispielsweise die zu späte Räumug des Bahnhofsvorplatzes. Das alles wurde massig diskutiert und muss hier auch nicht wiederholt werden. Im Anschluss versprach die Politik eine lückenlose Aufklärung der Vorfälle. Das erschien aufgrund der schlechten Videoaufnahmen und schwierigen Identifizierung von Einzeltätern aber eher unrealistisch. Und tatsächlich: Laut Tagesschau sind bisher trotz der rund 1200 Anzeigen lediglich zwei Männer auf Bewährung und einer zu einer Haftstrafe verurteilt worden.

Nun soll verhindert werden, dass so etwas in diesem Jahr noch einmal geschieht. Polizeipräsident Jürgen Mathies hat dazu ein verbessertes Sicherheitskonzept vorgestellt. Die Zahl der Einsatzkräfte vor Ort soll deutlich verstärkt und mit Bodycams ausgestattet werden. Es gibt zusätzliche Überwachungskameras. Es werden Vorkehrungen getroffen, um einen reibungslosen Zugverkehr zu garantieren und den Zugang zu überlaufenen Plätzen zu regulieren. Anlaufstellen und Hotlines für Frauen, die sich sexuell belästigt oder unsicher fühlen, werden eingerichtet. Also ab zur Domplatte an Silvester? Nein, danke.

Eine Garantie für Sicherheit gibt es nicht und wird es auch nie geben.

Zugegeben − die Wahrscheinlichkeit, dass sich genau dasselbe Grauen am selben Ort wiederholen wird, ist gering. Aber dann kommt es vielleicht in diesem Jahr in Dortmund oder Bochum zu Übergriffen und Diebstählen oder anderen nicht vorhersehbaren Vorfällen. Auf ein Silvesterfest im unsicheren Gedränge kann man meiner Meinung nach verzichten. Das gilt für Köln genauso wie für andere Großstädte. Denn es gibt nun einmal nur eine begrenzte Zahl an verfügbaren Polizeikräften. Sie können nicht überall gleichzeitig sein und ständig alles und jeden im Auge behalten. Stehen an einem Platz mehr Einsatzkräfte, fehlen diese an einem anderen. Eine Garantie für Sicherheit gibt es nicht und wird es auch nie geben.

Für viele ist genau das ein schlagkräftiges Argument, sich erst recht ins Getümmel zu stürzen. Man wisse ja sowieso nie, ob und wo etwas Derartiges geschehen wird. Warum sich also zu Hause in Angst verkriechen und sein eigenes Leben verpassen? Meist bin ich ihrer Meinung. In diesem Fall nicht. Silvester ist und bleibt ein Abend im Ausnahmezustand. Versucht man sich in einen Radikalen, einen Vergewaltiger oder sonst eine kriminelle Natur hineinzuversetzen, erscheint Silvester als der perfekte Abend, um seinen Gelüsten, Drängen oder Vorstellungen freien Lauf zu lassen. In dieser Nacht geht es überall drunter und drüber. Ein ganzes Land im Ausnahmezustand − der Traum für jeden Gewissens- und Rechtlosen.

Die entspannte Alternative: Ein Abend mit Freunden

Warum also überhaupt an einen der überfüllten Plätze hetzen, sich ins Gedränge stürzen und stundenlang die Füße abfrieren, umgeben von Fremden, bei denen man nicht weiß, ob sie Grundschullehramt oder Sprengstoffgürtelbau studiert haben? Ich ziehe da definitiv eine lustige WG-Party oder ein gemütliches Essen mit Freunden vor. Man kennt und mag die Leute und kann den Abend entspannt genießen. Wenn man ein Bier oder einen Gin Tonic zu viel intus hat, ist das Schlimmste, was passieren kann, dass man sich auf dem Sofa des Freundes übergibt und damit den Januar über von den Freunden aufgezogen wird. Ein überschaubarer Schaden.

Und vor allem: kein mulmiges Gefühl, weil die Typen dahinten einen so komisch angucken, kein Gequetsche und Gedränge zwischen Menschen hindurch, wobei man sich panisch an Handy, Schlüssel und Portemonnaie klammert, weil man Angst hat, dass jemand einem in die Jackentasche greift. Klingt nach einer deutlich höheren Spaß- und geringeren Katastrophenwahrscheinlichkeit. Und darum geht es doch schließlich an Silvester: Spaß zu haben, sorglos zu feiern und zu planen, was man nächstes Jahr alles besser machen könnte.

Beitragsbild und Foto: flickr.com/icedsoul unter Verwendung von  Creative Commons