„Singen erzeugt ein Wir-Gefühl“

Fangesänge sind für den einen primitiver Lärm, für andere das Salz in der Suppe des Stadionbesuches. Für den Musikpsychologen Prof. Dr. Günter Rötter sind sie eine Wissenschaft. Im Interview spricht er über die Psychologie der Kurvenmusik und erklärt, warum einer der größten Fan-Klassiker eigentlich keiner sein dürfte.

Musikpsychologe Prof. Dr. Günter Rötter hat Fangesänge wissenschaftlich untersucht. (Foto: Jürgen Huhn)

Musikpsychologe Prof. Dr. Günter Rötter hat Fangesänge wissenschaftlich untersucht. (Foto: Jürgen Huhn)

Herr Rötter, sind Fangesänge Musik?

Ja, auf jeden Fall. Es ist sogar eine sehr konservative Musik, die sehr strengen theoretischen Regeln folgt. Zum Beispiel muss es wie bei Volksliedern eine Tonalität geben, die Musik bezieht sich immer wieder auf einen Grundton zurück. Es darf also keine komplizierten Harmonien geben. Und auch der Rhythmus ist in der Regel sehr einfach und gerade.

Gibt es den perfekten Fangesang?

Musikalisch perfekt ist ein Fangesang natürlich, wenn er perfekt gesungen und nicht gegrölt wird. Es sind – abgesehen von wenigen Ausnahmen – in ihrer Struktur sehr einfache Lieder. Oft beruhen sie auf kurzen und einprägsamen Ausschnitten aus bekannten Pop-Songs. Perfekt würde ich diese Musik sicher nicht nennen.


Sie haben sich verstärkt mit der psychologischen Wirkung von Gesängen beschäftigt. Was muss ein Gesang leisten?

Er hat eine ganze Rolle von Aufgaben zu erfüllen. Zum einen soll ein Gesang den gegnerischen Verein, die gegnerische Kurve im Stadion angreifen. Außerdem erzeugt das gemeinsame Singen ein „Wir-Gefühl“ unter den Fans. Es geht im Stadion letztlich darum, gemeinsam Emotionen zu erleben, auszudrücken und zu teilen. Abgesehen vom Straßenverkehr gibt es das heute nirgendwo sonst.

Welchen Einfluss haben Gesänge auf die Spieler auf dem Feld?

Es gibt sporadische Studien, die zeigen, dass Gesänge die physische Leistungsfähigkeit „aktivieren“ können. Die Aktivierung ist in der Psychologie die Erhöhung der Körperfunktionen und der Aufmerksamkeit, also eine physische Leistungssteigerung. Das geht aber aus Befragungen von Fußballspielern hervor, die wissenschaftliche keine größere empirische Bedeutung haben.


In der Schule und im Gottesdienst habe ich das Singen immer gehasst, aus dem Stadion komme ich jedes Mal heiser nach Hause. So geht es vielen. Was bewegt uns dazu, ausgerechnet im Stadion zu singen?

Dass man Menschen öffentlich singen hört, ist wirklich fast nur noch im Stadion der Fall. Die meisten anderen Gesangskulturen sind etwas ins Hintertreffen geraten. Früher war es etwa normal gemeinsam Volkslieder am Lagerfeuer zu singen, davon hört man heute nichts mehr. Vielleicht ist es diese moderne Art des Volksliedgesangs in einer Umgebung, die alle gerne mögen. Es ist mit Action verbunden und mit Spannung. Eine moderne Situation des gemeinsamen Singens.

Wo hat diese Gesangskultur beim Fußball ihren Ursprung?

In Südamerika. Englische Fußballfans, die zu Spielen in Südamerika gereist sind, haben die Musik dann mit nach Europa gebracht. Zunächst wurde dann erstmal nur ein religiöser Choral zu Beginn des Spieles gesungen. Später gab es dann sogar Gesangsbücher und die Fangesänge wurden dirigiert. In den 60er Jahren, zur Zeit der Beat-Musik kamen dann weitere Gesänge in die Stadien: „You’ll never walk alone“ in etwa, dass durch die riesigen Intervalle eigentlich viel zu kompliziert für ein Fußballlied ist.


Wie kamen die Gesänge nach Deutschland?

In Deutschland wurde diese Kultur relativ schnell übernommen. Es entstand ein relativ festes Repertoire, das dann nur von Verein zu Verein umgetextet wurde. Bis heute sind sie innerhalb unseres Landes – und weitestgehend auch europaweit – genormt.

Und Sie? Singen Sie denn selbst, wenn Sie im Stadion sind?

(lacht) Nein! Musik ist mein Beruf. Dann in so einem Kontext auch noch zu singen, fände ich komisch. Das würde irgendwie nicht passen.