In 40 Seiten zum Doktortitel

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40 oder 400 Seiten – wie umfangreich sollte eine Doktorarbeit sein?

Nach den jüngsten Plagiatsvorwürfen an Ursula von der Leyen regt sich wieder einmal Kritik an der Qualität der Doktorarbeit von Medizinern: In allen anderen Fachbereichen seien die Vorgaben höher, der Zeitaufwand länger und die Resultate besser. Die Vorwürfe stimmen zum Teil, haben aber auch ihre Begründung.

Die Kritik an den Doktorarbeiten der Mediziner wird nicht erst zum ersten Mal laut. Schon länger wird kritisiert, dass die Arbeiten von angehenden Ärzten qualitativ und quantitativ nicht mit denen aus anderen Fachbereichen zu vergleichen seien. Für einen Arzt gilt der Doktortitel als Selbstverständlichkeit.

Wen wundert es da, dass viel mehr Medizinstudenten den Doktor machen, als andere. Laut dem Statistischen Bundesamt machten die Medizinstudenten 2014 gerade mal sechs Prozent aller Studenten in Deutschland aus. Trotzdem haben sie weit mehr Doktoranden gestellt als alle Studenten der Sprach-, Kultur-, Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften zusammengenommen. Medizinstudenten können schon während ihres Studiums mit dem Schreiben ihrer Dissertation beginnen. Studenten aus anderen Fakultäten dürfen dies erst nach ihrem Abschluss. Teilweise reichen bei Medizinern allein 40 Seiten aus, um den begehrten Titel zu erlangen. Der ein oder andere mag das für eine zu lang geratene Hausarbeit halten oder gar für einen schlechten Scherz. Doch der wird eines besseren belehrt: In Würzburg waren 40 Seiten lange die Maximalzahl für Doktorarbeiten in der Medizin, schreibt der Spiegel. Während beispielsweise Historiker oder Physiker an die drei Jahre an ihrer Doktorarbeit sitzen, sind Mediziner oft schon nach einem Jahr fertig.  

Plagiatsvorwürfe

Immer öfter stehen medizinische Doktorarbeiten unter Plagiatsverdacht. Seit einigen Tagen ist öffentlich, dass die Internetplattform VroniPlag Wiki nun auch Verteidigungsministern Usrula von der Leyen auf dem Radar hat. Damit ist sie bei weitem nicht die einzige Medizinerin auf der Liste. Da die Bearbeitungszeit und der Aufwand einer medizinischen Doktorarbeit relativ gering sind, verglichen mit denen anderer Fakultäten, wird immer öfter auch mangelnde Qualität angeprangert. Und tatsächlich hat VroniPlag Wiki von 152 verdächtigen Arbeiten 80 von Medizinern unter die Lupe genommen.

Ingenieure schreiben bis zu 200 Seiten

Ein Student der Ingenieurswissenschaften braucht für seine Doktorarbeit vier bis sechs Jahre. “Die Dauer hängt davon ab, wie der Umfang der Lehraufgaben des jeweiligen Doktoranden an der Uni ist”, erklärt Prof. Rolf Wichmann, zweiter Vorsitzender des Promotionsausschusses der Fakultät Bio- und Chemieingenieurwesen an der TU Dortmund. Hierbei handele es sich um experimentelle Arbeiten, die zusammen mit einem Doktorvater erarbeitet werden. Während der Doktorand an der Uni forscht, beteiligt er sich an der Lehre und betreut zum Beispiel Praktika. Dafür erhält er eine dementsprechende Bezahlung. Er kann also den Großteil seiner Zeit seiner Promotion widmen, sprich, Versuche durchführen, zu forschen und zu analysieren. Letztlich liefert er eine Arbeit von mindestens 70 bis zu 200 Seiten ab. Zwar ist für einige Fachbereiche eine Doktorarbeit nicht zwingend erforderlich, jedoch bei den Ingenieuren umso mehr. Damit sie beruflich erfolgreich sein können, ist eine Dissertation unerlässlich. 

Die Berufsausbildung eines Arztes dauert nicht weniger. Möchte man als Mediziner Erfolg haben, sich später einmal in einer Praxis niederlassen zum Beispiel, so hat man nach dem Studium noch einen weiten Weg vor sich. Die Doktorarbeit kann bereits zwischen dem fünften und zehnten Semester begonnen werden. Das hat den Vorteil, das viele Studenten schon mit dem zweiten Staatsexamen mit der Doktorarbeit fertig sind. Dieser schließt sich aber bekanntlich noch eine Assistentszeit an und dann muss der angehende Arzt einen Facharzt machen, um sich niederlassen zu können. Dies kann noch einmal fünf bis sechs Jahre in Anspruch nehmen. Wenn zusätzlich die Promotion noch drei bis vier Jahre dauern würde, wären die Arztanwärter Mitte 30, wenn sie mit allem fertig sind. 

Medizinische Doktorarbeiten weniger tiefgründig

Prof. Dr. Doris Koesling, Vorsitzende des Promotionsausschusses der medizinischen Fakultät der RUB, räumt allerdings auch ein, dass die Doktorarbeiten von Medizinern durchschnittlich weniger in die Tiefe gehen als die der Kollegen aus beispielsweise der Naturwissenschaft. Natürlich seien die Fragestellungen aber wissenschaftlichen Charakters. “Man darf nicht vergessen, dass es auch in der Medizin viele sehr gute wissenschaftliche Arbeiten gibt, die durchaus in die Tiefe gehen und mit naturwissenschaftlichen Dissertationen konkurrieren können”, bekräftige Koesling. Dennoch rät sie Studenten, die Fragestellung nicht allzu aufwendig zu gestalten, wenn sie nicht vor haben, in die Wissenschaft zu gehen. 

Trotz des kürzeren Bearbeitungszeitraums und der möglicherweise geringeren Tiefgründigkeit, hält Koesling daran fest, dass Medizinstudenten den Doktor machen sollen. “Auch wenn der Vergleich mit Doktorarbeiten anderen Fachrichtungen manchmal schwierig ist, führen medizinische Promotionen auch zu wichtigen Erkenntnissen in der Medizin.” Deshalb müsse der Nachwuchs weiterhin an das wissenschaftliche Arbeiten herangeführt werden.

Kein einfacher Vergleich

Letztlich lassen sich die Vorwürfe, dass medizinische Doktorarbeiten weniger wissenschaftlich und um einiges kürzer sind, nicht aus der Welt räumen. Vergessen darf jedoch bei aller Kritik nicht, dass ein Medizinstudent ohnehin einen langen Weg zum Ziel seiner beruflichen Laufbahn vor sich hat. Wenn ihm eine ausgiebige wissenschaftliche Untersuchung im Zuge seiner Doktorarbeit keinen Vorteil bringt, weil er nicht in die Forschung gehen will, verlängert sie nur seinen Weg. Dennoch rechtfertigt eine kurze, weniger wissenschaftliche Arbeit, mit wenig aufwendiger Fragestellung nicht, unsauber zu arbeiten, nicht zu zitieren oder abzuschreiben.

Foto: Christina Joswig

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