Breitmaulfrosch: Keine Weltherrschaft den Einhörnern

Ob Glitzerbärte, grüne Smoothies oder hippe Fummel aus der Mottenkiste – über Kunst, Lifestyle, Mode und Kultur lässt es sich gut das Maul zerreißen. Besonders gut kann das der Breitmaulfrosch, der in dieser Kolumne über merkwürdige Trends wütet – dabei nimmt er kein Seerosenblatt vor den Mund. Heute ärgert er sich darüber, dass Einhörner scheinbar die Weltherrschaft an sich reißen wollen, indem sie sich auf allen Produkten im Supermarkt platzieren. 

Sie kommen in Herden und verbreiten sich weit über den Globus: Einhörner. Mit ihrer perfekt gestylten Glitzermähne, wahlweise mit bunten Strähnen und einem markanten Glitzerhorn, galoppieren die weißen Stilikonen zu uns und nehmen Einzug in unsere Wohnungen, denn immer mehr Frauen und Mädchen sind im absoluten Einhornfieber.

Kitsch für Kids: Einhörnern liegen in jeder Altersklasse im Trend. Foto: flickr.com/MichaelPollack lizenziert nach Creative Commons

Nur etwas für Hornochsen

Die Viecher halten sich für etwas Besseres, denken, sie seien eine Special-Edition ihrer wiehernden Standardausgabe – dem Pferd. Dabei sind die aufgehübschten Wesen das Nervigste, was die Welt seit Justin Bieber gesehen hat. Und wenn wir mal ehrlich sind, dann erinnern die Wesen auch eher an die magensüchtige Trash-Ausgabe eines Albino-Nashorns. Es scheint, als haben die magischen Monster den Leuten das Hirn vernebelt, beziehungsweise es mit Glitzerstaub zugepustet.

Besonders beim Einkaufen scheinen die Einhörner einen zu verfolgen. Im Drogeriemarkt findet man Regenbogenduschgel mit Einhornglitzer. Im Dekoladen stößt man auf einen Raumduft, der nach Einhornpups riechen soll. Alles um die Tiere herum scheint magisch. Dabei sind die Wesen nicht mal echt. So eine Begeisterung für Fiktion hat es seit Harry Potter nicht gegeben.

Vor Einhörnern scheint sogar die Lebensmittelindustrie in die Knie zu gehen. Als noch vor Kurzem herausgefunden wurde, dass das Fleisch ihrer Artgenossen – den Pferden – in Fertiglasagne zu finden war, gab es einen Riesenskandal. Einhornwurst hingegen ist im Verkauf erlaubt. Die glitzernden Wesen bekommen einfach eine Extrawurst. 

Ein (un)echter Erfolgsgarant

Eigentlich ist es ein ganz einfaches Erfolgsrezept, das sich Firmen wie Rittersport, Primark oder Nanu Nana da zu eigen machen. Man nehme: Ein handelsübliches, durchschnittliches Produkt wie etwa Bratwurst, Toilettenpapier, Shampoo oder Schokolade, färbe es rosa ein und füge die obligatorische Prise „magischen“ Glitzerstaub hinzu. Auch ein Bild der Vierbeiner darf nicht fehlen. Optional kann man dem ganzen Kitsch noch die Krone aufsetzen, indem sich zu dem Einhorn noch Prinzessinnen, Regenbogen und Blumen gesellen. Vermutlich entstand der Trend in den USA – wo auch sonst? Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten werden eben nicht nur Träumen Flügel verliehen, sondern auch dem einen oder anderen Einhorn.

Doch nicht nur in den USA sind die Tiere weit verbreitet: Sogar zum Kölner Karneval haben es ganze Horden an Einhörnern in diesem Jahr geschafft. Nicht verwunderlich also, dass dort das Einhorn zum Trendkostüm 2017 gekürt wurde.  

Eher ein Goldesel?

Warum die Wahl ausgerechnet auf die gehörnten Wesen gefallen ist, resultiert sicher auch daraus, dass den Pferden mit den magischen Hörnern heilende Fähigkeiten nachgesagt werden. Außerdem sollen sie jegliches Verlangen nach Magie und Fantasie im tristen Alltag füllen. Dieses wurde bei manchen Menschen anscheinend so groß, dass sie ihren Verstand verloren und tatsächlich mehrere hundert Euro für eine rosafarbene Hundert-Gramm-Tafel Einhorn-Schokolade ausgegeben haben. Die beliebten Tafeln waren online zu ersteigern, doch die Exemplare waren tatsächlich binnen kurzer Zeit ausverkauft. Unbegreiflich für Außenstehende, die noch nicht mit dem pinken Virus infiziert wurden.

https://twitter.com/webwanderungen/status/865108446726819840

Das Einhorn bekommt Konkurrenz 

Nun hält der Hype um die Schönheiten schon eine Weile an, weshalb zu hoffen bleibt, dass auch dieser Trend ein baldiges Ende findet und das letzte Einhorn zukünftig nur noch über die Bildschirme nostalgischer Fans flimmert. Und es gibt sogar einen Grund zur Hoffnung: Liebe Einhörner, zieht euch warm an – am besten mit Alpakawolle, denn das nächste Tier ist gerade dabei, euch den Thron der Massenhysterie streitig zu machen und sein Königreich zurück zu erobern.

Lässiger als jedes Einhorn: das Lama. Foto: flickr.com/PATRICIA lizenziert nach Creative Commons

Gestatten? Das Lama. Mit seinem weichem Kuschel-Fell, den großen Kulleraugen und dem langen Hals ist der Vierbeiner sowieso schon viel sympathischer. Und seine Coolness unterstreicht das Tier durch den trendigen Irokesen, der viel stylischer aussieht, als so ein Hornauswuchs auf der Stirn. Außerdem besticht das Lama durch seine Bodenständigkeit und dadaurch, dass es sich zu wehren weiß, denn kein anderes Tier kann soweit und gezielt spucken wie die süße Kamelart. Das Lama hat noch einen entscheidenden Vorteil gegenüber den Fantasietieren: Es ist existiert wirklich! Bei Stylingexperten wird das Tier daher schon als das neue Trendobjekt in Sachen Modeprints und Muster für Wohnaccessoires gehandelt. Wir können also mit einem Machtwechsel an der Spitze des Konsumgipfels rechnen.

Teaserbild: flickr.com/MilenaGlim lizenziert nach Creative Commons 

Montage: Helena Brinkmann/Thorben Langwald

 

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