Auf der Jagd – in einer fremden Welt

 

Andreas Neuhaus

Cathi liebt nach eigenen Aussagen sowohl die Natur als auch die Jagd. Foto: Andreas Neuhaus

Das Gewehr lugt aus dem Hochsitz-Fenster. Kein Hightechgerät, sondern eine antiquiert aussehende Büchse mit drei Läufen, wie aus einem Winnetou-Film. Ruhig folgt der Gewehrlauf den Bewegungen des Ziels – einem Fuchs in 50 Meter Entfernung. Die Bahn ist frei, nur noch Sekunden bis zum Schuss. Ein Moment zwischen Leben und Tod.

Als Cathi* bei Plettenberg, im tiefsten Sauerland, auf den Hochsitz steigt, setzt langsam die Abenddämmerung ein. Jetzt heißt es warten. „Ansitzen“ nennen die Jäger das.

Vor wenigen Monaten hat sie ihren Jagdschein gemacht. Nachvollziehen konnte das nicht jeder in ihrem Umfeld. Eine junge Frau, Mitte dreißig, Juristin, kaum 1,60 Meter groß, blond und schmal, erschießt in ihrer Freizeit Tiere – passt das zusammen? Für Cathi schon. Wer Fleisch esse, müsse wissen, dass Tiere dafür sterben. „Im Gegensatz zu den Leuten, die ihre Hühnerbrust für 3,99 Euro beim Discounter kaufen, fahre ich extra zum Bio-Bauern – oder ich schieße es mir selbst.“

Einstellung eines Naturvolks

Es ist eine Sichtweise frei von Sentimentalitäten – wie die eines Naturvolkes. „Ich liebe die Natur“, sagt Cathi. „Aber der Mensch hat die Natur verändert.“ Die Lebensräume für die Tiere würden zerstört, das natürliche Gleichgewicht gerate aus den Fugen, weil natürliche Feinde fehlten. Zum Beispiel bei Bodenbrütern, wie der Feldlerche oder der Waldschnepfe. Die Aufgabe des Jägers sei es, dieses Gleichgewicht wieder herzustellen. Punkt. Ende der Diskussion.

Andreas Neuhaus: Auf der Jagd - in einer anderen Welt

Der Blick aus dem Fenster des Hochsitzes. Zur Orientierung stehen die Entfernungen zu auffälligen Punkten auf dem Rahmen. Foto: Andreas Neuhaus

In Plettenberg tut sich an diesem Abend wenig an der Wildfront. Es ist die andere Seite der Jagd, die des Wartens. Momente, in der die Natur fühlbar wird. Der Hochsitz steht in einer Talsohle, am Fuße einer etwa 600 Meter breiten und 300 Meter tiefen Lichtung, deren Gelände leicht ansteigt. Nur direkt vor dem Hochsitz, 50 Meter entfernt, ist ein kleines Fichtenwäldchen. Es herrscht scheinbare Stille. Erst nach einiger Zeit nimmt das Gehör war, dass die Vögel zwitschern, wie der Wind rauscht und dass es im umliegenden Wald unentwegt knackt.

Der Jäger liebt die Stille

Diese Atmosphäre muss ein Jäger lieben. Denn den Großteil der Zeit umgibt ihn diese lebhafte Stille. „Man kann auch zehnmal ansitzen und nichts passiert“, flüstert Cathi. Mit geschlossen Augen inhaliert sie die Atmosphäre. „Das liebe ich an der Jagd. Nichts ist so entspannend.“ Zeit spielt hier keine Rolle.

Es ist selten, dass Journalisten mit auf die Pirsch kommen dürfen. Die Jägerschaft ist vorsichtig geworden. Zu oft fühlt sie sich falsch dargestellt, als schießwütiges Relikt aus alten Zeiten – Jagen als blaublütiger Zeitvertreib.

Andreas Neuhaus: Auf der Jagd in einer anderen Welt

Jagen besteht zu einem großen Teil aus Warten. Das erlebte auch unser pflichtlektüre-Autor. Foto: Andreas Neuhaus

Cathi ist genauso wenig adelig wie die Mehrzahl der Jägerschaft. Und purer Zeitvertreib ist die Jagd auch nicht unbedingt. Denn wer ein Jagdrevier für viel Geld pachtet, muss dieses auch bejagen und gewisse Abschussquoten erfüllen. Die Pacht könne schnell bei 10.000 Euro jährlich liegen, sagt Cathi. Dazu muss der Revierpächter sich auch um Wildopfer kümmern. Wenn also mitten in der Nacht auf einer Landstraße im Sauerland ein Reh angefahren wird und verletzt flüchtet, wird in Dortmund der Revierpächter aus dem Bett geklingelt, um das verletzte Tier zu suchen.

Wer das auf sich nimmt, für den muss Jagen eine Leidenschaft, eine Passion sein. Gut 2.000 Euro hat Cathi in einen Jagdschein investiert, hat wochenlang Gesetze gebüffelt, Fachbücher gewälzt. Das aktuelle Landesjagdgesetz in NRW – in dem steht, wann und wo ein Jäger wie und welche Tiere jagen darf – kann Cathi fast auswendig herunterbeten. Dazu kam intensives Training auf dem Schießplatz. Mit Erfolg. Vor wenigen Wochen hat Cathi ihren ersten Rehbock geschossen. Sie hat ihn selbst in ihrem Garten ausgenommen und zerteilt. Jetzt liegt er päckchenweise in der Tiefkühltruhe. In der Jagdhütte des Reviers hängt derweil ein geschossenes Wildschwein im Getränkekühlschrank. Ein Regal drüber liegen Bier und Butter.

Andreas Neuhaus: Auf der Jagd - in einer anderen Welt

So sieht’s im Kühlschrank der Jagdhütte aus. Gewöhnungsbedürftig – aber auch das gehört zur Jagd. Foto: Andreas Neuhaus

Auf dem Hochsitz im Sauerland ist plötzlich von Schläfrigkeit nichts mehr zu merken. „Hallo Füchschen“, sagt Cathi, als ihr Blick links von dem Wäldchen verharrt. Dort ist er tatsächlich zu sehen: Ein Fuchs, der sich arglos zu putzen scheint. So genau ist das im halbhohen Gras nicht auszumachen. Nur sein Kopf schiebt sich immer wieder nach oben. Schlecht für die Schützin: „Ich darf auf größere Entfernung nur schießen, wenn das Ziel quer zu mir steht.“ Nur so sei ein sauberer Schuss ins Herz möglich, sodass das Tier möglichst wenig leiden muss. Alles streng geregelt.

„Das Gefühl vor einem Schuss lässt sich nicht in Worte fassen. Die Welt verengt sich, man ist total konzentriert – es ist wie ein Adrenalinrausch“, sagt Cathi. Diese Anspannung entlade sich mit dem Schuss. „Dann wird mir auf einmal irre heiß und ich muss sofort meine Jacke ausziehen. Egal, wie kalt es ist.“ Nach einem Treffer wallen zwei Gefühle in ihr auf. „Freude darüber, dass ich getroffen habe, und Wehmut. Mir ist dann schon bewusst, dass ich ein Lebewesen getötet habe. Ich habe Respekt vor dem Leben.“ Deswegen verwertet sie ihre geschossenen Tiere auch von Kopf bis Fuß.

„Sonst sind wir wieder die bösen Jäger“

Während der Fuchs sich im Gras wälzt – mal hier-, mal dorthin – verrinnen die Minuten. Beobachter könnten meinen, er spiele mit seiner Jägerin. „Noch ein bisschen“, wispert Cathi, als der Fuchs aufsteht. Jetzt steht er leicht schräg zur Schussposition. Eine minimale Drehung fehlt noch, als Cathi „Scheiße“ zischt. Ein Spaziergänger samt Hund nähert sich von links. Das bedeutet absolutes Schussverbot. Cathi lässt die Waffe sinken. Sie scheint innerlich zu kochen. Der Fuchs stolziert derweil zurück in die Sicherheit des Wäldchens.

Trotzdem ist sie freundlich, als der Spaziergänger sie erblickt und fragend hochruft, ob er im Weg gewesen sei. „Nicht schlimm“, ruft Cathi runter, raunt aber im selben Atemzug. „Sonst sind wir wieder die bösen Jäger.“

Andreas Neuhaus: Auf der Jagd - in einer anderen Welt

Weite Wiesen, dichte Wälder – nur kein Wild. Leider, oder zum Glück. Je nach Sichtweise. Foto: Andreas Neuhaus

Das Jagdglück hat sie damit verlassen. Fünf Rehe lassen sich nacheinander auf der Lichtung blicken. Doch es passt nicht. Mal sind es Weibchen, die zurzeit nicht geschossen werden dürfen, mal stehen die Tiere außerhalb der Reichweite. Die Durchschlagskraft der Kugel wäre zu gering.

So verlässt Cathi den Hochsitz nach vier Stunden ohne Erfolgserlebnis. Dunkel ist es geworden und Cathi zieht auf dem Weg zum Auto als Schutz vor der Kälte die Schultern hoch. „Leider kein Glück“, sagt sie und zuckt mit den Achseln. Tief enttäuscht klingt sie nicht. Solche Tage gehören zur Jagd dazu. Und für sie ist die Jagd mehr als nur zu schießen.

* Der vollständige Name ist der Redaktion bekannt.

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