Kindheitserinnerungen: Ein kleines bisschen Sicherheit

Kindheitserinnerungen

Der Geschmack von Omas Apfelmus oder die beliebte Kinderserie – ganz egal. Ein Blick in die sozialen Netzwerke reicht: Kindheitserinnerungen sind es uns wert, sie mit anderen zu teilen. Warum berührt uns die Erinnerung an Kindertage so sehr? Und was bedeutet sie für uns? Prof. Dr. Norbert Zmyj vom Institut für Psychologie der TU Dortmund sagt: „Kindheitserinnerungen sind eine Quelle von Sicherheit.“

Die Sicherheit hängt vor allem mit dem Zeitpunkt zusammen, auf den wir unsere ersten Erinnerungen datieren. „Meistens beginnen unsere Erinnerungen im Vorschulalter, etwa mit vier Jahren“, sagt Zmyj. Ein entscheidendes Alter – immerhin beginnen wir hier, uns selbst zu begreifen. „Kinder beginnen in diesem Alter zu verstehen, dass wir einen Identitätskern haben“, sagt Zmyj. Und der Kern sei nicht veränderbar.

Zwischen Vergangenheit und Zukunft

Konkret bedeutet das: Mit vier Jahren können wir uns zum ersten Mal in unsere Umwelt einordnen. „Wir erkennen dann, dass wir eine Vergangenheit und eine Zukunft haben“, sagt Zmyj. Er vergleicht unser Leben dafür mit einem Zeitstrahl. Ein Leben mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mache es möglich, bestimmte Ereignisse an Zeitpunkte zu knüpfen: Man könne also sagen: Wir erstellen Zeitmarken. Wovon es genau abhängt, ab wann man zum ersten Mal Erinnerungen an Ereignisse behält, sei schlecht untersuchbar. Ohnehin müsse man Aussagen zum Thema „Kindheitserinnerungen“ aus Grundlagenstudien ableiten – es handle sich also um persönliche Einschätzungen, sagt Zmyj.

Aber wie wird ein Erlebnis zur Erinnerung? Norbert Zmyj macht dafür zwei mögliche Umstände verantwortlich. „Auf der einen Seite ist eine wahrscheinliche Erklärung, dass Stress die Erinnerung an etwas verstärkt“, nimmt Zmyj an. Stressige Situationen blieben demnach besonders in Gedächtnis. Andererseits sei es gut möglich, dass Erinnerungen aus dem bloßen Gespräch über ein Ereignis entstanden sind: „Ob die Erinnerung tatsächlich so stattfand, wie wir glauben, steht auf einem anderen Blatt.“

Wichtiger als Kindheitserinnerungen ist die fürsorgliche Atmosphäre

Und trotzdem: Die Erinnerungen an unsere Kindheit scheinen für uns einen großen Stellenwert zu haben. Auch das erklärt sich Prof. Norbert Zmyj mit der Rolle unserer Identität – zum Beispiel in Zeiten großer Veränderungen. „Die Kindheitserinnerungen versichern uns, dass es trotz aktueller Umbrüche einen festen Wesenskern gibt.“ Sie seien dann unsere Quelle von Sicherheit.

Für unsere psychische Gesundheit macht der Experte dennoch nicht unbedingt unsere Kindheitserinnerungen verantwortlich. Wichtig sei eher eine fürsorgliche Atmosphäre in der Kindheit. „Andersherum gilt das genauso“, sagt Zmyj. „Negative Erlebnisse können schädlich sein, ohne, dass ich mich an sie erinnere.“

Und was sind eure Kindheitserinnerungen? Die pflichtlektüre hat sich auf dem Campus umgehört:

Patrick-Leon_neu

Patrick Leon, 28, studiert Wirtschaftsinformatik: „Ich erinnere mich an einen Tag am Strand. Ich habe mit anderen Kindern Fußball gespielt, während meine Schwester mich verzweifelt gesucht hat. Eine weitere Kindheitserinnerung: Der Geruch nach Zigaretten in unserer alten Wohnung.“

Lisa-Kammer_neu

Lisa Kammer, 22, studiert Grundschullehramt: „Ich verbinde mit meiner Kindheit den Geruch nach meiner Oma. Ich war als Kind oft dort und wir haben gebacken, gekocht und gebastelt.“

Sandra-Vinkenflügel_neu

Sandra Vinkenflügel, 29, studiert Maschinenbau: „Wenn ich an meine Kindheit denke, habe ich den roten Teppichboden in unserer Wohnung vor Augen – und das, obwohl wir ausgezogen sind, als ich gerade zwei Jahren alt war. Sogar an den älteren Herrn von nebenan erinnere ich mich.“

Rakulan-Selvaratnam_neu

Rakulan Sevaratnam, 25, studiert Wirtschaftsingenieurwesen: „Ich habe in meiner Kindheit zusammen mit meinem Zwillingsbruder und den Nachbarskindern draußen Fangen gespielt – daran erinnere ich mich vor allem.“

Oliver-Busch_neu

Oliver Busch, 19, studiert Medizinphysik: „Wenn ich an meine Kindheit denke, sehe ich einen Campingplatz vor mir, auf dem der Wohnwagen meiner Großeltern stand. In meiner Erinnerung bin ich im Wohnwagen.“

Teaserbild: flickr.com/Herr Olsen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.