Concrete Playground: Streetart auf Zeche Zollverein

Für die einen ist es Vandalismus, für die anderen Kunst. Klar ist: Graffiti und Streetart sind nun auch im Ruhrgebiet salonfähig. Im Rahmen der Ruhr 2010 zeigen über 20 nationale und internationale Künstler ihre Auffassung von Kunst.

Niels *Shoe* Meulman vereint Kalligrafie und Graffiti / Foto:Concrete Playground

Niels *Shoe* Meulman vereint Kalligrafie und Graffiti. Foto:Concrete Playground

Pseudo-Intellektuelle, die über den Sinn eines Bildes philosophieren, sucht man bei „Concrete Playground“ vergeblich. In der Fördermaschinenhalle des Schachtes 1/2/8 auf der Zeche Zollverein treffen Tradition und Gegenwart aufeinander. Zwischen Backstein und Stahl schallen aus den Boxen Minimal-Klänge. Abseits von Designermöbeln und Galerie-Schick stellen mehr als 20 Künstler ihre Werke aus. Ihre Gemeinsamkeit ist Streetart. Und das bedeutet mehr als Graffiti: auch Fotografien, Figuren und Installationen gehören dazu. Ein paar davon sind besonders sehenswert.

Verschleierte Künstler

Gerade in der Graffiti-Szene sind Pseudonyme nicht bloße Eitelkeit: Was Sprayer machen, ist selten legal – klar, dass ein Tag da Abhilfe schafft. Wer bei „Concrete Playground“ nach Informationen zu manchem Künstler sucht, stößt auf Pseudonyme wie „Above“ oder „Fye“. „Fye“ ist Mitglied der „EPSC Crew“ und stellt bei „Concrete Playground“ Bilder von Zügen aus, die er besprüht hat. Wie Trophäen hängt ein Regionalexpress nach dem anderen an der Wand. Da ist es fast schon ironisch, dass die Deutsche Bahn (DB) Sponsor der Ausstellung ist – bedeutet Graffiti für die DB vor allem jede Menge Kosten, um Züge und Bahnhöfe sauber zu halten. „Graffiti ist zu einer anerkannten Kunstrichtung geworden. Ich glaube, die Deutsche Bahn hat das erkannt und versucht, auf Künstler zuzugehen.“, sagt Organisator Marc Röbbecke von „Heimatdesign“. Er hat das Projekt ins Leben gerufen. Zusammen mit Designer Jiri M.R. Katter und „24*7 Graffiti“ hat er über ein Jahr lang an der Ausstellung gearbeitet.

Streetart schwarz auf weiß

Above hält seine Identität geheim. Foto: Concrete Playground

Above hält seine Identität geheim. Foto: Concrete Playground

Martha Cooper ist nicht nur eine der wenigen Frauen, die an „Concrete Playground“ beteiligt sind – sie ist auch eine von denen, die Gesicht zeigen können. Der Grund ist denkbar einfach: Martha Cooper fotografiert das, was andere auf Wänden verewigen. Angefangen in New York als Fotografin für die „New York Post“, fotografiert sie nun seit über 30 Jahren Streetart. Nun fanden ihre Bilder den Weg von Manhattan nach Essen. Auf Großformat präsentiert Martha Cooper die Straße, wie sie sie sieht: Schwarz-weiß Fotografien von Graffiti, Breakdance oder einfach nur Menschen. Dabei hat Martha Cooper auch eine symbolische Bedeutung für die Ausstellung: 1984 veröffentlichte sie ihr „Subway Art“ – das wohl berühmteste Fotobuch der Graffiti-Szene. Darüber hinaus beweist Martha Cooper, dass Streetart nicht an Alter gebunden ist – die mittlerweile 68-Jährige bringt in wenigen Tagen ihren neuen Fotoband „Name Tagging“ heraus.

Die Zusammenarbeit mit den Küstlern war für Marc Röbbecke relativ einfach, wie er sagt. Exzentrische Künstler hat er bei Concrete Playground nicht getroffen: „Die sind alle relativ umgänglich und arbeiten gut zusammen.“

Digitale Kunst

Der Bochumer Matthias Gephart kehrt mit „Concrete Playground“ ins Ruhrgebiet zurück. Der Grafiker und Illustrator zeigt exemplarisch den Wandel von Streetart: Sein Designstudio „Disturbanity“ gründete der Ex-Sprayer direkt nach seinem Studium an der FH Dortmund und zog nach Berlin. Heute designt er T-Shirts, illustriert Magazine und macht CD-Cover für Bands. Bei „Concrete Playground“ zeigt Matthias Gephart großformatige Illustrationen, die durchaus wohnzimmertauglich sind.

Clemens Behr arbeitet mit Mülltüten und Kartons. Foto: Concrete Playground

Clemens Behr arbeitet mit Mülltüten und Kartons. Foto: Concrete Playground

Was bringt „Concrete Playground“?

Die Idee hinter der Ausstellung ist vor allem, Vorbilder für den Nachwuchs zu schaffen. „Wir wollen zeigen, dass man nicht nur Mauern besprühen kann – dass Streetart auch mehr kann. So gesehen leisten wir Jugendarbeit, indem wir zeigen, dass man auch mit Papier oder Installationen arbeiten kann.“, sagt Marc Röbbecke.

„Concrete Playground“ steht für Urbanität:“Die Spielplätze der  Jugendlichen sind vor allem Betonflächen. Graffiti ist Streetart, aber auch Skateboard fahren und Parcour.“, sagt der Organisator.

Die Zeche Zollverein ist vielleicht der Touristenmagnet im Ruhrgebiet und so wundert es nicht, dass auch „Concrete Playground“ von Besuchern über 60 besucht wird.“Viele kommen in die Halle und sehen erst spät, dass zwischen Maschinen und Betonwänden auch Kunst steht. Das Feedback ist insgesamt aber positiv, auch von den älteren Touristen.“, sagt Marc Röbbecke.

Bis Ende September bleibt die Ausstellung noch auf der Zeche Zollverein. Jeder, der Streetart nicht abgeneigt ist, sollte sich „Concrete Playground“ anschauen. Die Ausstellung bringt den Wandel der Kultur und des Ruhrgebiets auf den Punkt gebracht: Kunst ist heute Art, und zwar Streetart. Und die ist manchmal subversiv und kritisch – meistens aber einfach nur gut anzusehen.

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