„Wer bremst, verliert!“

Rampen, Pipes und Kicker. Grinden, Jumpen, Sliden. Was schon bei Skatern spektakulär aussieht, kann man sich bei Rollstuhlfahrern kaum vorstellen. Aber auch für Menschen mit Gehbehinderung ist im Skatepark einiges möglich. Am 11. April 2015 haben Kinder und Jugendliche die Dortmunder Skatehalle erobert und sind über sich hinausgewachsen. 

Von Franziska Weil und Valerie Krall

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Infos zu David Lebuser
David Lebuser ist 28 Jahre alt und lebt in Berlin. Am 28. August 2008 verletzte er sich schwer an der Wirbelsäule nachdem er ein Treppengeländer herunterrutschen wollte und zwei Stockwerke tief gefallen ist. Seitdem ist David Lebuser querschnittsgelähmt. Kurz nach seiner Verletzung hat er angefangen mit dem Rollstuhl zu skaten. Seit 2012 nimmt er regelmäßig an der WCMX (Wheelchair Motocross) Weltmeisterschaft teil, die er 2014 gewinnen konnte. Seit zwei Jahren gibt er Workshops für Kinder und Erwachsene im Rolli-Skaten. 

 

Mehr als nur Sport

Christine steht etwas abseits und guckt skeptisch zu der Menge herüber. Nacheinander bewegen sich die meisten Kinder wagemutig auf die Rampe zu, drehen sich im Kreis und düsen auf der anderen Seite wieder herunter. Das ein oder andere Kippeln ist dabei nicht ausgeschlossen. Christine ist an der Reihe. Entschlossen und trotzdem zurückhaltend umfasst sie den Greifreifen – den Ring parallel zu den Rädern ihres Rollstuhls – und kommt der Rampe immer näher. Nicht zu schnell, aber doch gerade mit genügend Schwung, um auf der ebenen Plattform der Rampe zum Stehen zu kommen. Die Drehung lässt die 18-Jährige aus Meschede erst einmal aus und fährt auf der anderen Seite wieder herunter. Dort wirft sie den Blick zurück. Ein stolzer Blick ist es – denn das erste Hindernis hat sie überwunden. Und schon muss sie den Platz räumen, weil das nächste Rolli-Kind mit wehenden Haaren auf die Rampe zufährt. 

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Christine bei ihrer ersten Übung: Ganz vorsichtig, geht sie die erste Rampe an.

Mit dem Rollstuhl über Rampen und Halfpipes

Christine sitzt seit dreieinhalb Jahren im Rollstuhl. Ein bisschen Laufen kann sie zwar, aber über lange Strecken ist es für sie zu anstrengend. Mit dem Rollstuhl klar kommen – das geht soweit. Sie nutzt ihn täglich im Alltag, kann locker vor- und rückwärts fahren, bremsen und auf den Rädern balancieren. Rampen und Halfpipes hoch- und runter zu fahren – das ist neu für Christine. WCMX nennt sich diese Sportart. Wheelchair Motocross also. Eine Sportart für gehbehinderte Menschen, die im Rollstuhl sitzen.

David Lebuser, Weltmeister im WCMX, bietet regelmäßig Workshops in dieser Sportart an. Bei seinem Workshop in der Skatehalle am Dietrich-Keuning-Haus in Dortmund hat Christine die Chance ergriffen. „Ich finde das schon cool, was David da macht und würde das auch gerne können! Aber viel wichtiger ist mir, im Alltag gut mit dem Rollstuhl klar zu kommen.“ Hohe Bordsteinkanten, Drehtüren in öffentlichen Gebäuden, der Einstieg in Bus und Bahn. Viele Hindernisse gibt es für die 18-Jährige auch im Alltag zu überwinden. Davids Workshop kommt für Christine da gerade recht: „Von dem kann man echt was lernen!“

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Die 18-Jährige ist aus Meschede im Sauerland angereist, um von David Lebuser zu lernen.

Das merkt auch der 7-jährige Jannik schnell. Mit etwas Verspätung trifft er in der Skatehalle ein. „Das ist echt ’ne Herausforderung für mich. Ich habe sowas noch nie gemacht.“ Doch schnell hat er den Dreh raus und wetzt durch die Anlage. Es fehlt nicht viel und seine Reifen quietschen wie bei den Profis. Seinem Vater zeigt er, wie gut es läuft und wie viel Spaß er hat: Daumen hoch! Thilo aus dem Dortmunder Verein für Reha- und Behindertensport (RBG) geht sogar noch einen Schritt weiter. Ganz oben auf der Rampe steht er. Vor ihm geht es bergab, steil hinunter. Seine Vorderräder sind bereits in der Luft. Dann gibt er sich den entscheidenden Ruck und rast die Rampe herunter – so wie David es ihm kurz zuvor gezeigt hatte. Denn ein bisschen Mut braucht man für die Rollstuhl-Sportart, so der WCMX-Weltmeister. „Wer bremst, verliert!“

Übung für den Alltag

Christine geht es etwas ruhiger an. Ihr geht es weniger um Stunts mit dem Rollstuhl. Sie will vielmehr lernen, tagtäglich besser mit dem Rollstuhl klar zu kommen. „Ich würde gerne Treppen herunterfahren können.“ Ein Freund aus ihrer Schule kann das bereits. Umso größer ist ihr Wunsch, bald problemlos neben ihm den Treppenabstieg zu meistern. Solche Herausforderungen hat Christine bislang noch zu Fuß gelöst. Beim Einsteigen in den Bus zum Beispiel: „Dann schiebe ich den Rollstuhl in den Bus und ich eben hinterher.“ Das Laufen ist aber anstrengend.

Gerade für Hindernisse im Alltag sammelt Christine wertvolle Erfahrung.

Gerade für Hindernisse im Alltag sammelt Christine wertvolle Erfahrung.

Bevor sie den Rollstuhl bekam, hatte sie einen Rollator. Weite Strecken damit zurückzulegen – das ist nicht einfach für die 18-Jährige. Zu Hause läuft sie auch mit Stöcken. Dass das im Alltag aber unpraktisch ist, ist klar. In der Mensa in der Schule zum Beispiel. Wie soll sie sich ihr Essen holen, wenn sie sich gleichzeitig auf ihren Stöcken stützen muss? Im Rollstuhl hat sie die Hände für das Tablett frei.

David Lebuser erklärt die nächste Übung. Die Rolli-Kinder sollen mit etwas Schwung ein Hindernis überqueren, auf die Rampe zufahren und an der Schräge einen Pfosten umfahren. Diesmal ist Christine gleich als Vierte an der Reihe. Von der anfänglichen Zurückhaltung ist nicht mehr viel übrig. Souverän bewältigt sie die Aufgabe. Ein Lächeln ist in ihrem Gesicht zu erkennen, als sie ihren Blick zurück wirft. Dass sie so viel lernt in nur wenigen Stunden, hätte sie nicht gedacht. Das Treppenfahren hat Christine heute zwar noch nicht gelernt, bereit für den nächsten Workshop ist sie dafür umso mehr.

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