Wissenswert: Aghet – Völkermord an den Armeniern

Foto: flickr.com/Karen Roe, Rafael Robles L, Lars Kasper, NASA Goddard Photo and Video; Montage: Marc Patzwald, Teaserfoto: flickr.com/poniblog

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Die Leugnung des Völkermordes an den Armeniern im Osmanischen Reich soll in Frankreich unter Strafe gestellt werden. Doch die Regierung der Türkei leugnet diesen Völkermord bis heute, obwohl er als wissenschaftlich erwiesen gilt. Wie kam es zur Vernichtung nahezu eines ganzen Volkes?

Das Osmanische Reich war ein Vielvölkerstaat, der wie viele andere dieser Staaten durch die Nationalismusbewegung im 19. Jahrhundert von innen auseinanderzufallen drohte. Grundlage des Osmanischen Rechtssystems war der Islam – es unterschied ausdrücklich zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen. Dabei waren längst nicht alle Einwohner des Osmanischen Reichs Muslime: Ungefähr 40 Prozent der Einwohner Anatoliens, in etwa das Gebiet der heutigen Türkei, waren Christen.

Dieses Foto zeigt eine armenische Witwe mit ihren Kindern im Jahr 1899. Quelle: George Grantham Bain collection.

Dieses Foto zeigt eine armenische Witwe mit ihren Kindern im Jahr 1899. Quelle: George Grantham Bain collection.

Diese Nicht-Muslime waren für die Muslime, die einen islamischen Nationalstaat anstrebten, nicht akzeptabel. Dass sie seit 1839 rechtlich gleichgestellt waren, machte die Sache für die Muslime damals nur noch unerträglicher.

Nationalismus plus Religion gleich Ideologie

Der Völkermord an den Armeniern war die Konsequenz des ideologischen Plans, eine homogene muslimisch-türkische Heimat zu schaffen – von Istanbul bis an die chinesische Mauer. Der Nationalismus als Gesellschaftsmodell und die Weltanschauung, dass Muslime die besseren Menschen seien – das verhinderte eine Integration in einen gemeinsamen türkischen Nationalstaat.

Hauptsächlich in den Jahren 1915 und 1916, mitten in der Phase der Transformation vom Osmanischen Vielvölkerstaat in einen türkischen Nationalstaat, wurden mehrere Hunderttausend Armenier durch Massaker und Todesmärsche getötet. Sie wurden in ihren Hauptsiedlungsgebieten zusammen getrieben und dann entweder sofort ermordet, oder auf eine Wanderung durch das Gebirge geschickt. Ziel dieser Märsche war nicht die Umsiedlung der Armenier, sondern die Vernichtung des ganzen Volkes.

Schätzungen über die Opferzahlen gehen weit auseinander, da auch die Angaben über die Anzahl der Christen im Osmanischen Reich nicht sicher sind. Die Opferzahlen reichen von 300.000 bis 1,5 Millionen.

Vladimir Iliescu, Geschichtsprofessor und Osteuropaexperte an der RWTH Aachen, rechnet mit ungefähr einer Million Opfern: „Man muss wissen, dass es bereits in den letzten Jahren des neunzehnten Jahrhunderts kleiner Progrome gab.“ Der Großteil der Getöteten sei aber während des ersten Weltkriegs umgekommen. „Da die Armenier christlich-orthodox waren, bezichtigten die Türken sie, die ebenfalls christliche Sowjetunion im Krieg zu unterstützen.“

Das Thema ist längst nicht aufgearbeitet

Bis heute ist das armenische Selbstverständnis stark durch dieses Vernichtungstrauma geprägt. „Sie empfinden sich als verfolgtes Volk“, erklärt Professor Iliescu. Für die Armenier verschlimmere sich das Trauma durch die Leugnung immer weiter. Dadurch setze sich die genozidale Politik fort und den Opfern werde ihre Geschichte genommen. Bis heute kämpfen die Armenier beharrlich um die Anerkennung des Völkermords durch die Türkei. Diese reagierte jedoch negativ auf das neue französische Gesetz, das die Leugnung unter Strafe stellt und legte die Militärbeziehungen mit Frankreich auf Eis.

In der Türkei kann man nämlich sogar dafür bestraft werden, die Vorgänge der Jahre 1915/16 als Genozid zu bezeichnen. „Viele Türken sind sogar aufgrund von falscher Propaganda fest davon überzeugt, dass die Armenier die Türken verfolgt haben und nicht andersherum. Aber das ist falsch“, erläutert Iliescu.

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