Einblicke in fremde Wohnzimmer

Ein Bericht von Ellen Brinkmann

Dicht stand der Rauch im dunklen Keller der Dortmunder Bar Sissikingkong. Einzig die Wände waren hell erleuchtet – denn dorthin projizierten die Bochumer Künstler Alexander Schwegl und Florian Biedermann einige der Dias, die sie seit 14 Jahren kaufen und sammeln.

Neben dem Eingang lachten auf der Projektions-Wand drei ältere Frauen dem Zuschauer entgegen. Während man anfing sich zu fragen, was diese Frauen so zum Lachen gebracht haben mag, war sie da: Die Wohnzimmer-Atmosphäre. Alles erinnerte an einen gemütlichen Foto-Abend mit der Familie.

Musik sollte die Bilder in ihrer Wirkung unterstützen. Foto: Ellen Brinkmann

Musik während der Dia-Show sollte die Bilder in ihrer Wirkung unterstützen. Fotos: Ellen Brinkmann

Seit etwa 14 Jahren sammeln Alexander Schwegl und Florian Biedermann alias „Dunix-Lichtbilder“ bereits Dias. Ihre Quellen sind Flohmärkte und Haushaltsauflösungen. „Was manche Menschen für Bilder von sich verkaufen ist unfassbar“, findet Alexander Schwegl. Insgesamt besitzen sie bereits 20.000 Dias, sortiert nach vordergründigem Motiv. Die doppelte Menge an teilweise ungesichtetem Material liegt noch in Florian´s Keller. „Manchmal sind auch richtige Quatsch-Aufnahmen dabei. In unserer neuen Show haben wir ein Stück, in dem wir nur Dias von Pflanzen in Wohnungen zeigen“, sagt Alexander Schwegl. Aus den Dias produzieren die beiden zusammen Shows, in denen die Bilder mit Musik hinterlegt werden, die ihre Wirkung unterstützen soll. „Dia-Recycling“ nennt Florian Biedermann das.

Aufhören kommt nicht infrage

Angefangen hat alles, als die beiden auf einem Trödelmarkt eine Kiste mit alten Dias entdeckt haben. „Die Faszination ist, dass wir nie wissen, was wir bekommen“, sagt Florian Biedermann. So finde man auch die absurdesten Bilder. „Gerade wenn wir denken, wir hätten alles gesehen, dann kommt der nächste Brüller. Wir rufen uns dann immer an und sagen: ´Jetzt können wir aufhören, jetzt haben wir alles gesehen´“. Doch aufhören komme nicht infrage.

Alexander Schwegl (l.) und Florian Biedermann (r.) dokumentieren seit 14 Jahren den Alltag.

Alexander Schwegl (l.) und Florian Biedermann (r.) dokumentieren seit 14 Jahren den Alltag.

Die neue Show des Duos, die am Dienstag (24.1.) im Sissikingkong gezeigt wurde, trägt den Titel „Damals war auch schon Krise“. Von Blumen in Wohnungen, schiefen Grimassen und wilden Festen ist alles an Motiven vertreten. Dabei geht es den Künstlern offensichtlich nicht darum, außergewöhnliche Motive, sondern das Außergewöhnliche im Alltäglichen zu zeigen. So bekommt man an auch dem Abend eine Chronik des alltäglichen Lebens, angefangen in den 60er Jahren.

Das Gefühl von Voyeurismus bleibt

Spätestens bei dem Teil der Show, in dem die Künstler pornographische Dias zeigten, wurde vielen die Intimität der Bilder bewusst: Das vorherige Lachen über schiefe Grimassen und verdorrte Zimmerpflanzen war nun verstummt. Da beschlich einen schnell das Gefühl von Voyeurismus. Nach 14 Jahren ist dieses Gefühl auch bei den beiden Künstlern nicht komplett verschwunden. „Wir entdecken komplette Familiengeschichten und sehen Kinder zu Erwachsenen werden auf den Bildern. Da fühlt man sich schon komisch“, sagt Alexander Schwegl. „Hinter diesen Bildern stecken ganze Schicksale“, ergänzt Florian Biedermann. Oft frage man sich, was mit den Menschen auf den Bildern geschehen ist.

Die Atmosphäre während der Show erinnert an Foto-Abende im eigenen Wohnzimmer.

Die Atmosphäre während der Show erinnert an Foto-Abende im eigenen Wohnzimmer.

Das zur Schau stellen von fremden Menschen wird spätestens seit dem Boom der Reality-Shows im Fernsehen stark diskutiert. Auch die Show im Sissikingkong zeigte das Intimste aus dem Leben von fremden Menschen. Bei den meisten Bildern hatte man jedoch das Gefühl, dass die Abgelichteten sich heute vielleicht lachend neben einen setzen würden, um diesen Moment mit dem Publikum zusammen noch einmal zu durchleben.

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