Duell am Donnerstag: Containern legalisieren?

Das Duell Nanna Naima


Nach einer Studie der vereinten Nationen werden in Deutschland 20 Millionen Tonnen Lebensmittel jährlich weggeworfen. Lebensmittel von Supermärkten etwa, die oft nur wenige Tage über dem Haltbarkeitsdatum sind oder einfach nicht mehr schön aussehen. Mülltaucher, auch „Dumpster“ genannt, holen sich nach Ladenschluss solche weggeworfenen Lebensmittel aus den Tonnen der Läden. Rechtlich ist das umstritten – wenn die Mülltaucher aber über Zäune klettern oder sich über Umwege Zugang zu den Containern verschaffen, ist das definitiv verboten. Zu Recht? Oder sollte Containern als aktiver Protest gegen Lebensmittelverschwendung erlaubt werden? Ein Meinungsduell.

(Teaserfoto: Davis Schrapel / pixelio.de )

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Wenn sie nachts vom Supermarkt nach Hause kommen, bringen sie ständig Bananen mit. Auch dieses Mal. Etwas fleckig vielleicht, einen Ticken zu reif, aber noch gut essbar. Ähnlich die anderen heiß gewaschenen Sachen in der Spüle: Karotten, Kartoffeln, ein paar Pfirsiche, sogar eine Melone ist da – alles in der Mülltonne des nächsten Ladens erbeutet.

In der Tonne des Supermarkts nach Essbarem zu wühlen, hat längst nicht mehr nur mit mangelndem Geld zu tun. Containern hat mittlerweile einen ideellen Wert. Es ist ein Statement gegen die Wegwerfgesellschaft und die Totalentwertung der Lebensmittel, die sie betreibt.

Das Auge isst mit: Genießbares landet im Müll

Die nächtlichen Streifzüge zum Supermarkt sind nicht nur geldsparend, es ist auch immer ein Erlebnis: Man weiß nie, was man findet. Dieses nicht-planbare Element macht das Kochen viel kreativer, spannender.

Schlecht sind die gefundenen Sachen ja nicht. Denn was ein Verkaufskriterium für Lebensmittel ist, hat nur wenig mit ihrer Qualität zu tun. Die Kriterien sind vor allem für’s Auge: Wer möchte schon die fleckigen Bananen kaufen? Oder nur eine kleine Auswahl vorfinden? Die „Lösung“: Es wird überproduziert. Was nicht mehr schön ist oder nicht mehr lange hält, landet im Müll – obwohl es noch gut ist und schmeckt. Wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht ist, geht es eh ab in die Tonne – obwohl die Lebensmittel danach noch problemlos genießbar sind.

Containern ist mehr als günstiges Event-Kochen. Es ist ein Protest gegen die Perversität des Systems: Während 870 Millionen Menschen hungern, wird mit 1,3 Milliarden Tonnen weltweit etwa ein Drittel aller erzeugten Lebensmittel weggeworfen, so eine Studie der UN-Organisation FAO.

Die Müllberge wirken sich auch gravierend aufs Klima aus; die Überproduktion kostet Unmengen an Wasser und setzt massiv Treibhausgase frei. Würde man den Lebensmittelmüll halbieren, würde das so viele Klimagase vermeiden wie jedes zweite Auto stillzulegen, so die Doku „Taste the Waste“. Auch die biologische Vielfalt leidet: Weil es beispielsweise in der Europäischen Union verboten ist, Speisereste und Supermarktabfälle als Tierfutter zu nutzen, müssen fünf Millionen Tonnen Getreide zusätzlich angebaut werden – Monokulturen verdrängen den Regenwald.

Containern als politischer Protest

Klar, dass Containern nicht die Welt rettet oder das grundlegende Problem löst. Trotzdem ist es aktiver Umweltschutz, politische Aktion. Es ist ein Zeichen gegen gesellschaftliche Missstände, friedlicher Protest, der keinem schadet und nicht mal stört. Man nimmt schließlich nur so viel aus der Tonne, wie man verwerten kann und lässt keinen Dreck zurück.

Muss es da sein, die Tonnen wegzuschließen und das Containern zu kriminalisieren? Durchs Wegwerfen zeigen die Supermärkte deutlich, dass sie die Produkte nicht mehr wollen – wieso soll sie dann kein anderer verwenden? Wir haben sowieso zu viel.

Wer die Lebensmittel aus der Tonne eklig findet, muss sie ja nicht essen. Statt es als Diebstahl und Hausfriedensbruch zu betrachten, sollte man Containern zulassen – oder den Müll von vornherein vermeiden.

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Wenn ich den Deckel zu unserem Müllcontainer im Hinterhof öffne, schlägt mir immer dieser besonders markante, etwas faule Geruch entgegen. Schnell werfe ich dann meinen Müllsack hinein und schlage den Deckel wieder zu. Den Geruch ertrage ich nicht länger als nötig. Dumpster scheinen nicht so ein feines Riechorgan zu haben wie ich. In Nacht- und Nebellaktionen fischen sie in Containern nach Essbarem. Das mag heldenhaft klingen – Wirklich geholfen wird damit aber keinem.

Den Abfall anderer Leute einzusacken ist im Prinzip nicht illegal, über Zäune zu klettern oder Schlösser zu knacken allerdings schon. Viele Mülltaucher ignorieren jegliche Hindernisse und begehen sogar Hausfriedensbruch, um an die verschlossenen Container von Supermärkten zu kommen. Werden sie von Mitarbeitern erwischt, können sie dafür angezeigt werden. Aber sind ein paar mehlige Äpfel wirklich eine Geldstrafe wert?

Mülltauchen ist Diebstahl – und riskant

Die Befürworter des Containerns fordern, das Mülltauchen solle legalisiert werden. Aber kann man Diebstahl guten Gewissens legalisieren? Hausfriedensbruch fördern? Und außerdem, wer geht dann noch im Supermarkt einkaufen? Folge einer Legalisierung könnten kürzere Schlangen vor den Kassen sein und Umsatzverluste für die Supermärkte.

Außerdem: Wird Containern legalisiert, ergibt sich ein Problem mit der Haftung für mögliche gesundheitliche Schäden. Denn wenn die Lebensmittel beispielsweise in der sommerlichen Hitze ungewisse Zeit im Container vor sich hin brutzeln, können sie schnell verderben. Keime bleiben nicht im Container zurück, sondern werden frisch mit in die Küche gebracht und verschwinden auch durch simples Waschen der Lebensmittel nicht.

Ein Festmahl aus dem Container kann so ganz schnell beim Hausarzt enden. Manche Lebensmittel werden auch nicht ganz grundlos weggeworfen, Rückrufaktionen haben schließlich ihren Grund – und könnten zum Gesundheitsrisiko für die Mülltaucher werden.

Es gibt sinnvollere Möglichkeiten des Protests

Klar kann ich den Grundgedanken des Containerns nachvollziehen: Die Lebensmittelverschwendung macht mich genauso wütend wie die Mülltaucher und auch ich würde mich gerne für eine sinnvollere Verwertung einsetzen. Aber was haben Bedürftige oder hungernde Menschen davon, wenn ich nun nachts losziehe und mir selbst ein paar alte Lebensmittel aus dem Container ziehe? Nichts. Der solidarisch-moralische Gedanke ernährt die Bedürftigen ja nun auch nicht.

Wer tatsächlich etwas verändern möchte, hat dafür sinnvollere Möglichkeiten, als fremden Müll zu durchwühlen: Mit den Verantwortlichen sprechen, sich gemeinsam dafür einsetzen, dass Lebensmittel gespendet und nicht weggeworfen werden. Davon haben schlussendlich mehr Leute etwas, als die paar Mülltaucher, die nachts mit moralisch-geschwellter Brust durch die Dunkelheit huschen.

das-duell-feeder Foto: stockxchng/bizior, Montage: Steinborn/Schweigmann

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