Wie klingt Jazz der Zukunft?

Auch das ist Jazz: Elektronische Musik, Improvisation, Störgeräusche. Das Genre nennt sich „Glitch“ – und hört sich genauso ungewöhnlich an, wie der Name klingt. In anderen Ländern sind die Future Sounds schon populär. Zeit, „Glitch“ auch in Deutschland zu etablieren. Die „MA 1.4 Party“ der 17. Internationalen Jazztage war ein erster Versuch.

Elektronische Neuheiten forderten im domicil das Rhythmusgefühl der Besucher. Foto: Fritz Habekuß

Elektronische Neuheiten forderten im domicil das Rhythmusgefühl der Besucher. Foto: Fritz Habekuß

Der Bass steht solide im Raum, die Melodie auch. Zeit für Oliver Thomas Johnson diese Ordnung zu durchbrechen. Hinter dem DJ-Pult hechtet er zu seinem Micro-Korg, einem Mini-Keyboard von einem halben Meter Länge. „Dann schau ich, dass ich mit meinen langen, schlaksigen Fingern Keyboard drüber spiel“, sagt der Wiener. Johnson, der im Club auch auf den Namen Dorian Concept hört, legt im domicil auf – bei einer der Partys der 17. Jazztage in Dortmund. Mit seiner experimentellen Musik fügt sich der Österreicher in die „MA 1.4 Party“ ein, bei der sich die Hörer auf die Suche nach der „Future of Music“ begeben.

Abgemischte Tracks und spontane Keyboard-Salven

Johnson arbeitet zunächst wie jeder DJ, indem er abgemischte Tracks von seinem PC am Mischpult manipuliert. Er bedient sich dabei verschiedener Genres wie Techno, House, oder Hip Hop. Klingt nicht unbedingt nach Jazz. Doch wenn Johnson wieder einmal an sein Micro-Korg hechtet, lebt er den Kerngedanken des Jazz: Die Improvisation. Dann belegt der 26-Jährige seinen Klangteppich mit spontanen Tonsalven, ergänzt oder zerfährt sie, indem er Störgeräusche, so genannte Glitch-Elemente, einsetzt. Das können abrupte Unterbrechungen des Rhythmus‘ durch plötzliche Stille sein. Oder ein hängender Ton, der fortan im Zeitraffer auf die Ohren der Hörer einhämmert.

„Ich denke, der reine, klar aufgenommene Ton kann nur so lange interessant sein, bis jemand hergeht, ihn manipuliert und präpariert, ganz neue Facetten einbringt“, sagt Johnson. „Momentan machen viele junge Leute genau das Gegenteil dessen, was ihnen im Zusammenhang mit Musiksoftware beigebracht wurde und kreieren so ganz neue Klänge. Ich finde Glitch super, weil es selbst relativ freie Genre wie den Jazz weiterdrehen kann.“

Oliver Thomas Johnson hört im Club auch auf den Namen Dorian Concept und sagt: "Ich finde die Spielereien mit Glitch super". Foto: Fritz Habekuß

Oliver Thomas Johnson hört im Club auch auf den Namen Dorian Concept: "Ich finde die Spielereien mit Glitch super." Foto: Fritz Habekuß

Die Vernetzung im Ruhrgebiet ist mangelhaft

Einige der sechs Musiker, die diesen Abend bespielen, setzen auf harte Beats. An Jazz fühlen sich dabei nur wenige Besucher erinnert, denn anders als bei Dorian Concept ist kein analoges Instrument dabei, auf dem improvisiert wird. So wirken die Menschen auf der Tanzfläche teilweise etwas hilflos ob der Tongewalten, die auf sie eindreschen. „Viele Leute in Deutschland kommen noch nicht so gut damit zurecht, dass man in einen Club geht und die Musik nicht durchgängig tanzbar ist“, sagt Maik Ollhoff, Kurator des Abends. In seiner Heimatstadt Wuppertal hat der studierte Musikmanager bereits drei MA-„Future of Music“- Nächte organisiert- mit wechselhaftem Erfolg.

Bisher ist der Glitch eher in Amerika, Großbritannien oder den Niederlanden erfolgreich. Ollhoff glaubt, dass sich viele Deutsche nur schwerlich von ihren Hörgewohnheiten verabschieden können. Besonders im Ruhrgebiet hält Ollhoff die musikalische Vernetzung und damit die Verbreitung neuer Einflüsse für unterentwickelt: „Im Ruhrgebiet steht jede Stadt für sich, weder verschiedene Club-Szenen noch verschiedene Musikportale im Internet vernetzen sich“, sagt Ollhoff. „Aber Städte wie Dortmund, Essen und Wuppertal sind einfach szenetechnisch nicht groß genug, um für sich allein zu stehen. Also gehen musikalische Strömungen an ihnen vorbei.“

Mit seiner Musik-Reihe will Ollhoff dem etwas entgegensetzen. „Bei 18 Millionen Menschen in Nordrhein-Westfalen muss es doch möglich sein, dass es genügend Publikum für einzelne Szenen gibt, auch für abgefahrene elektronische Musik.“ Bei einem Teil der rund 60 Besucher hat Ollhoff an diesem Abend schon etwas erreicht, so auch bei Myriam Hartung: „Sowas gibt es bei uns sonst nicht. Dieses Experimentelle, dieses Ausprobieren ist mutig, aber ich find´s extrem gut.“ Das Dortmunder domicil hält Ollhoff für eine geeignete Plattform, um noch mehr Leute zu erreichen. „Das ist ein etablierter Club für aktuelle Musik, und Glitch ist vielleicht so etwas wie eine aktuelle Form des Jazz. Aber wir wissen es noch nicht. Hier können wir es herausfinden und die Frage stellen: Wie geht es weiter?“ Waldo Riedl, Geschäftsführer des domicil, hat sich fest vorgenommen, Ollhoffs Aktivitäten weiter zu unterstützen. „Wir wollen auch mit 40 Jahren noch ein junger, flexibler Club sein. Solche neuen Strömungen sind für uns eine Chance, uns weiterzuentwickeln.“

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