Science Slam: Wissen macht Ha(ha)!

Beim 4. Dortmunder Science Slam gab es im domicil Wissenschaft und gute Unterhaltung zugleich. Das Konzept der Veranstaltung: Nachwuchswissenschaftler präsentieren das Thema ihrer Doktorarbeit – unterhaltsam und so, dass es jeder Laie im Publikum verstehen kann. Wie bei einem Poetry Slam, bei dem eigene literarische Texte vorgetragen werden, wird das Ganze mit einem Wettbewerb verbunden. Vier Slammer treten gegeneinander an. Am Ende entscheidet das Publikum.

Der Science Slam wurde im November 2010 gegründet. Zu dem Minijubiläum fast ein Jahr später wurde es richtig voll im domicil. Foto: Tanja Denker

Der Science Slam wurde im November 2010 gegründet. Zu dem Minijubiläum fast ein Jahr später wurde es richtig voll im domicil. Foto: Tanja Denker

Der Konzertsaal des Dortmunder Jazzclubs domicil ist kurz vor Beginn des Science Slams bis zum Rand mit Zuschauern gefüllt: Die Sitzplätze sind schon lange alle besetzt, Nachzügler sitzen auf den Stufen oder oben auf der Empore. Dort haben auch Sascha und Jakob Platz gefunden. Sie sind gespannt, was sie bei ihrem ersten Science Slam zu sehen bekommen werden. Der 20-jährige Jakob sagt: „Sonst weiß man eigentlich immer, was einen erwartet. Hier nicht.“ Und Sascha, 21 Jahre alt, fügt hinzu: „Wir lassen uns überraschen. Mal gucken, was passiert.“

Pünktlich um 20:15 Uhr begrüßt Moderator Tim Vogt das Publikum – tatsächlich mit einer Überraschung: Dies ist der erste Science Slam, der per Live-Stream im Internet übertragen wird. Die ganze Veranstaltung ist multimedial: Es gibt einen Backstage-Moderator, der mit Kamera hinter die Bühne und in den Zuschauerraum begleitet wird und Teilnehmer und Zuschauer interviewt. Und es werden immer wieder kurze Filme gezeigt, die für den Science Slam werben. Nachdem Tim Vogt erklärt hat, wie ein Science Slam funktioniert, holt er die vier Teilnehmer auf die Bühne.

„Der Spaß steht im Vordergrund.“

Einer von ihnen ist Benedikt Dercks aus Iserlohn. Er hat Umwelttechnik und Ressourcenmanagement studiert, „weil man da immer was Neues macht und es nie langweilig wird“. Jetzt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Fluidverfahrenstechnik an der Ruhr-Universität-Bochum. Den Science Slam hat er vor ein paar Monaten als Zuschauer kennen gelernt. „Ich war da mit Arbeitskollegen und habe danach großspurig behauptet: ‚Das kann ich doch auch!‘ Das war vielleicht etwas leichtsinnig“, erzählt Benedikt. IDies ist nun aber immerhin schon sein zweiter Science Slam-Auftritt. Die anderen Teilnehmer kannte er schon, von anderen Slams oder aus dem Internet. „Schon backstage, bevor wir auf die Bühne gehen, ist es immer total witzig. Der Spaß steht eindeutig im Vordergrund“, sagt der 27-Jährige.

Benedikt Dercks schreibt seit zweieinhalb Jahren an seiner Doktorarbeit zum Thema Mikro-Destillation. Darüber beim Science Slam in einer anderen Atmosphäre als sonst zu sprechen, macht ihm großen Spaß. Foto: Tanja Denker

Benedikt Dercks schreibt seit zweieinhalb Jahren an seiner Doktorarbeit zum Thema Mikro-Destillation. Darüber beim Science Slam in einer anderen Atmosphäre als sonst zu sprechen, macht ihm großen Spaß. Foto: Tanja Denker

Als erstes ist aber Klaus Schmeh an der Reihe. Der Kryptologe stammt aus Baden-Württemberg und macht seinen Doktor in Gelsenkirchen im Fach Informatik, mit Schwerpunkt Verschlüsselungstechnik. Der 41-Jährige redet langsam, mit tiefer Stimme, über „Das Buch, das niemand lesen kann“, das sogenannte Voynich-Manuskript. Dieses enthält Schriften und Bilder, die keiner entziffern kann. Klaus sagt, es gibt drei Möglichkeiten: Entweder ist es eine unbekannte Schrift, eine Verschlüsselung oder ganz ohne Sinn. Schließlich kommt er zu dem Schluss, dass letzteres stimmt. „Dafür sollte es einen Preis geben: der goldene Guttenberg für das beste Plagiat“, sagt Klaus. Und fügt hinzu: „Manche fragen sich vielleicht: Gibt es denn überhaupt Bücher ohne Sinn? Ja, die gibt es, Dieter Bohlen hat eins geschrieben.“ Die Stimmung im Publikum ist von Anfang an ausgelassen, jeder Witz wird laut belacht. Das Programm kommt an.

Wissenschafts-Nerd-Witze dürfen nicht fehlen

In Benedikts Doktorarbeit und auch in seinem Beitrag zum Science Slam geht es um Mikro-Destillation. Er erklärt, dass man damit zum Beispiel, wenn man Roggen erhitzt, Wodka herstellen kann. „Für den Park, abends am Wochenende.“ Zur Veranschaulichung von Verdampfung und Kondensation hat er ein riesiges Gerät mitgebracht, eine silberne Röhre. „Does size matter?“, fragt er schon in seiner Überschrift. Die Antwort: Nein! „Immer mehr Frauen werden Ingenieure, und die mögen keine Schwanzvergleiche“, sagt Benedikt und erklärt so, warum es heutzutage ganz kleine Geräte zur Mikro-Destillation gibt. „Da kann man den Flachmann zu Hause lassen, und direkt im Park Schnaps brennen.“ Benedikt erwähnt auch wissenschaftliche Begriffe wie den „Break-Even-Punkt“, und gibt den Zuschauern, was sie hören wollen – Wissenschafts-Nerd-Witze: „Das ist jetzt nichts Sexuelles. Erregt aber den BWLer.“

Die Teilnehmer des Science Slams: Klaus Schmeh, Benedikt Dercks, Martin Buchholz und Kai Kühne mit Moderator Tim Vogt. Foto: Tanja Denker

Die Teilnehmer des Science Slams: Klaus Schmeh, Benedikt Dercks, Martin Buchholz und Kai Kühne mit Moderator Tim Vogt. Foto: Tanja Denker

Für die darauffolgende Pause kündigt der Moderator „Wissenschaftstainment“ an: Die Jongleurin Silke Schirok macht sich als Special Guest des Abends „Gedanken zur Heisenberg’schen Unschärferelation“. Wissensvermittlung zwischen fliegenden Bällen. Danach ist Martin Buchholz an der Reihe. Er promoviert in Braunschweig im Fach Physik. Sein Thema: „Energie – Wie verschwendet man etwas, das nicht weniger werden kann?“ Er ist ein routinierter Redner und zieht durch seine fast schauspielerische Art zu reden sofort das Publikum in seinen Bann. Die Zuschauer bekommen vor lauter Lachen kaum die Möglichkeit, Luft zu holen, als Kai Kühne aus Trier auf der Bühne steht. Sein trockener Humor, Comic-Zeichnungen im Hintergrund und platte Wortwitze sind die Zutaten für sein Erfolgsrezept, mit dem er sogar „Politische Arbeitsrechtsprechung“ zum Event werden lässt.

Credits durch Science Slam

Nach einer Zusammenfassung à la Herzblatt durch Moderator Tim Vogt kommt es zur Publikumsabstimmung: Die Zuschauer müssen für jeden Teilnehmer klatschen und der, bei dem es am lautesten war, gewinnt. Es kommt zu einem Stechen zwischen „Energie“ und „Arbeitsrechtsprechung“, aus dem schließlich Kai Kühne als Sieger hervorgeht. Benedikt Dercks Stimmung ist nach dem Slam trotz verpasstem Sieg ausgelassen: „Wenn ich nett gefragt werde, mache ich auf jeden Fall wieder mit. Es macht super viel Spaß. Einfach ein schöner Abend.“ Und Tim Vogt formuliert zum Schluss: „Das schönste Ziel dieser Veranstaltung ist, dass Studenten sich einmal Credits durch Science Slams verdienen könnten – dass Slams vielleicht sogar Teil des Studiums werden.“

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