“Chaos, Rausch, Hysterie und Schweinerei“

Es gibt Bücher, die sollte man nicht lesen, sondern hören. Oder noch besser: sich das Buch direkt selbst vom Autor vorlesen lassen. Heinz Strunk war mit seinem Buch Fleckenteufel gerade auf Lesetour. Alle, die es verpasst haben, sollten sich das Hörbuch kaufen – denn hier liest, singt und flötet der Autor noch selbst.

Der Autor selbst... © by Philipp Rathmer

Der Autor selbst... © by Philipp Rathmer

Er sieht recht sympathisch aus, der Strunk. Gar nicht abgeschmackt oder durchtrieben, wie man vielleicht Dank seines provokanten Buches meinen könnte. Bei seiner Lesung in der Zeche Bochum ist vom Studenten bis zur Hausfrau jeder dabei, Hauptsache der Humor stimmt. Erwartungsvolles Schweigen.

Strunks Keywords für 2009: Chaos, Rausch, Hysterie und Schweinerei

Worum geht es in Fleckenteufel? Die Story scheint ausgelutscht und ist es doch wieder nicht: Ostseebad Scharbeutz – dass hier der Hund begraben liegt, hört man schon am Namen. Hierhin verschlägt es den 16-jährigen Thorsten Bruhn. Thorsten befindet sich auf einer evangelischen Jungenfreizeit und ist – „ohgottohgottohgott“- mitten in der Pubertät. Soweit kommt einem die Story bekannt vor, kennt man sie doch aus tausenden Filmen oder Büchern.

Aber Thorstens Geschichte ist anders, denn das Hauptaugenmerk der Story ist sein extremes Kackproblem. Außerdem ist er sich noch nicht sicher, was er besser findet: Den Riesenschwanz von Klassenkamerad Andreas oder die Glocken von Susanne Bohne. Strunk selbst ruft am Anfang seiner Lesung seine Keywords für 2009 aus, die da heißen: Chaos, Rausch, Hysterie und Schweinerei. Seine Kernkompetenz bezeichnet er als “Pippi-Kacki-Schwuli-Wichsi-Kotzi“. Das Publikum honoriert so viel Ehrlichkeit mit den ersten zaghaften Lachern. Dann zieht sich Strunk auf das „hochliterarische Alpental“ zurück und beginnt zu lesen.

Ist Fleckenteufel nur ein „Feuchtgebiete“ für Männer?

Schon der Anfang provoziert: Thorsten steht vor dem Gemeindehaus und hat so „krassen Arschdruck“, dass er hinter das

Das Cover erinnert verdächtig an ein anderes bekannts Buch.

Das Cover erinnert verdächtig an ein anderes bekannts Buch.

Gemeindehaus gehen muss, um sich zu erleichtern. Ganz so platt ist der Vorfall aber dann doch nicht: Gespickt ist das Ganze mit Thorstens innerem Monolog, aus dem ganz klar hervorgeht, wie peinlich ihm die Sache ist. Ganz besonders deshalb, weil er sich den Hintern aus Mangel an Klopapier mit einem seiner geliebten Lanzerhefte abwischen muss. Aua! Haben wir es hier also einfach nur mit Fäkalienhumor der untersten Schublade zu tun? Eine Fortsetzung von Charlotte Roches Bestseller Feuchtgebiete?

Jeder, der bei Worten wie kacken, Rosette oder Schwanz eine rote Birne bekommt und verschämt auf den Boden starrt, dem ist das Buch sicher zu derbe. Strunk nimmt kein Blatt vor den Mund: Hier ist die Rede von Thorstens schmerzender Rosette, vom Kacken oder davon, wie er sich im Schlafsack einen keult und in seiner Phantasie zwischen Jungen und Mädchen schwankt. Strunk lässt den Leser mit seinen Schilderungen keinen Moment im Unklaren darüber, wie peinlich doch die Pubertät sein kann – oder zumindest für Thorsten ist. Aber genau davon lebt das Buch: Dem unsicheren Thorsten, der mit sich und seiner Umwelt kämpft und sich noch nicht gefunden hat. Strunk paart in Thorstens inneren Monologen gekonnt die versaut-geilen Fantasien eines Pubertierenden mit der noch vorhandenen Unschuld eines Kindes. Was dabei rauskommt, kennt wohl jeder – aber niemand schreibt darüber so offen und witzig. Der Leser ist immer im inneren Kampf, ob er jetzt wirklich über Thorsten lachen kann oder doch eher Mitleid haben soll

Innen hui, außen pfui

Wirklich peinlich dagegen ist nicht das Buch selbst, sondern sein Cover. Deutlicher hätte der Rowohlt Verlag die thematische Nähe an Charlotte Roches Feuchtgebiete wirklich nicht ausdrücken können, als mit einem dem Original nachempfundenen Buchcover. Anstatt dem rosa Umschlag für Mädchen mit einem Pflaster, ist Strunks Buch die blaue Männerversion mit einem Waschlappen darauf. Selbst dem Autor ist diese Gestaltung peinlich, wie er bei seinen Lesungen offen zugibt.

Nicht lesen, sondern lesen lassen

Wer Fleckenteufel selbst liest könnte manche Stellen im Buch platt finden. Als Hörbuch vom Autor vorgelesen entwickelt es aber seine ganz eigene Dynamik. Es ist eines der Bücher, die man hören statt lesen sollte. Denn man versteht nur so den Wortwitz und den besonderen Humor des Autors wirklich.
Hörprobe der Lesung in Bochum:

Text: Julia Hortig
Bilder: Rowohlt Verlag