Interview: Wie beeinflusst das Klima die WM?

Schon im Vorfeld der WM war die Kritik aus den nationalen Fußballverbänden unüberhörbar. Für DFB-Teammanager Oliver Bierhoff sind die Temperaturen eine größere Herausforderung als die Vorrundengegner. Nicht ganz zu unrecht: Liegen doch alle Spielorte in der subtropischen oder tropischen Klimazone. Besonders belastend sind die Bedingungen in den nördlichen, nah am Äquator gelegenen Städten Manaus, Fortaleza und Natal. Aber auch in den anderen WM-Stadien sind Hitze über 30 Grad und eine Luftfeuchtigkeit von bis zu 90 Prozent keine Seltenheit. Welche Auswirkungen haben die extremen Bedingungen auf die Spieler? Wir haben nachgefragt. Der Sportmediziner Dr. Markus de Marées ist Mitglied des WM-Expertenteams der Sporthochschule Köln und erforscht die körperliche Belastbarkeit von Sportlern unter besonderen Umweltbedingungen.

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Dr. Markus de Marées; WM-Experte der Deutschen Sporthochschule Köln zum Thema Körperliche Belastbarkeit unter besonderen Umweltbedingungen. Foto: DSH Köln.

Herr Dr. de Marées, schon vor der WM ist immer wieder von den schwierigen klimatischen Bedingungen im Gastgeberland Brasilien die Rede gewesen. Ist das Klima in Brasilien für unsere Nationalelf wirklich eine entscheidende Belastung – oder dient es nur als Ausrede?

Es ist schon entscheidend. 30 Grad und sehr hohe Luftfeuchtigkeit sind für jeden Menschen eine große Belastung. Wer daran nicht gewöhnt ist, wird von der Hitze regelrecht erschlagen. Man fühlt sich schlapp und ist nicht leistungsfähig. Aber je nach Spielort und Tageszeit sind die Bedingungen sehr unterschiedlich. Spiele im Süden des Landes bei 18 Grad sind natürlich nicht mit denen im Norden vergleichbar, die in der Mittagssonne bei 32 Grad und 90% Luftfeuchtigkeit abgehalten werden.

Wie wirken sich denn Hitze und hohe Luftfeuchtigkeit auf die Körper der Spieler aus?

Beim Sport unter diesen Bedingungen produziert der Körper zusätzlich noch sehr viel Wärme. Kann diese Wärme nicht adäquat an die Umgebung abgegeben werden, dann wird das medizinisch recht problematisch oder gar gefährlich. Damit die Spieler leistungsfähig bleiben, darf ihre Körperkerntemperatur nicht über ein gewisses Maß steigen. Um die Wärmeabgabe zu erhöhen, stehen dem Körper zwei Mechanismen zur Verfügung. Als erstes werden die äußeren Blutgefäße erweitert und damit die Haut besser durchblutet. So kann mehr Wärme an die Hautoberfläche gebracht und abgegeben werden. Das erkennt man z.B. daran dass viele Spieler im Laufe der Partie einen roten Kopf bekommen. 

Die Arena da Amazônia in Manaus liegt in der tropischen Klimazone in unmittelbarer Nähe des Urwalds. Foto: flickr.com/Frank Abreu

Noch weitaus effektiver ist es, wenn man anfängt zu schwitzen. Der Schweiß verdunstet auf der Haut, das ergibt einen starken kühlenden Effekt. Bei hoher Luftfeuchtigkeit ist die Luft aber schon dermaßen mit Wasser gesättigt, dass sie nur noch schlecht zusätzlich Flüssigkeit aufzunehmen kann. Verdunstung findet kaum mehr statt und Schwitzen wird immer ineffektiver. Das kann zu einer gefährlichen Überhitzung führen. 

Gibt es besondere Trainingsmethoden, um mit den klimatischen Bedingungen besser fertig zu werden? Welche werden beim DFB angewandt?

Zu den WM-Vorbereitungen des DFB im Einzelnen, kann ich nichts Genaues sagen. Es ist jedenfalls ratsam, rechtzeitig anzureisen. 9-14 Tage vor dem ersten Spiel sollten genügen, um den Körper an die dort herrschenden Bedingungen zu gewöhnen. Selbstverständlich muss man in diesem Zeitraum auch trainieren, nur in der Wärme herum zu sitzen, brächte nicht viel. Im Laufe der Zeit reagiert der Sportler dann schneller und effektiver auf eine Erhöhung der Körperkerntemperatur. Er produziert mehr Schweiß mit einer anderen Zusammensetzung. Deswegen muss man unbedingt darauf achten, dass man genügend Flüssigkeit zu sich nimmt. Bei den extremen Bedingungen, die z.B. bei den Spielen in der Mittagshitze Brasiliens herrschen, reicht es sicher nicht aus, nur vor und nach dem Spiel zu trinken. Deswegen sollte man auch während des Spiels unbedingt Flüssigkeit nachfüllen. Aber wie bereits gesagt:  Nach den ersten Spielen werden die deutschen Spieler lange genug vor Ort sein, dass sie sich schon gut akklimatisiert haben.

Die meisten Spieler der WM-Favoriten sind bei europäischen Spitzenclubs unter Vertrag und spielen in ihren Ligen unter anderen klimatischen Bedingungen. Haben die Spieler aus Südamerika oder Südeuropa dennoch einen Vorteil, weil sie dort geboren und aufgewachsen sind? Liegt ihnen das Klima vielleicht sogar in den Genen?

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Bei körperlicher Belastung unter großer Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit ist ausreichende Flüssigkeitszufuhr wichtig. Foto: flickr.com/molo

Zu quantifizieren ist dieser Vorteil nicht. Sicher, wenn man dort aufgewachsen ist, kennt man das Klima, man weiß eher, wie man sich unter diesen Bedingungen verhält, wie der Körper reagiert. Möglicherweise liegt das auch zum Teil in den Genen. Aber das wäre schwer zu beziffern. Den Vorteil der südeuropäischer Spieler schätze ich eher gering ein. Die Spielbedingungen in den Ligen Spaniens, Italiens oder Portugals sind im Sommer eher von Hitze geprägt – aber die Luftfeuchtigkeit ist mit der in Brasilien nicht zu vergleichen. 

 Viele Teams hatten einen weiten Flug nach Brasilien und die Spielorte liegen weit auseinander. Leiden die Spieler unter Jetlag?

Die Zeitverschiebung zwischen Mitteleuropa und Brasilien beträgt 5-6 Stunden. Nach einer Woche Aufenthalt vor Ort dürfte der Jetlag aber abgearbeitet sein. Die meisten Spielorte liegen in derselben Zeitzone. Ausnahmen sind Manaus und Cuiabá, mit einer zusätzlichen Stunde, so dass zwischen den Spielen Zeitverschiebung keine große Rolle spielt.

Das größere Problem sind die teilweise großen Entfernungen zwischen den Stadien. Die Spieler sitzen viele Stunden im Flieger – das ist natürlich anstrengend und verkürzt die notwendigen Regenerationsphasen zwischen den Spielen. Der lange Flug, dazu der Bustransfer vom Flughafen zum Stadion und zur Unterkunft – das bringt Unruhe und kostet Kraft. Teams, die davon am meisten betroffen sind, haben einen Nachteil.

In der Gruppenphase gab es bereits Überraschungen, einige Top-Teams sind ausgeschieden – welche Mannschaft ist ihr persönlicher Favorit?

Vor der WM war es ganz eindeutig Belgien, weil die eine sehr gute Qualifikation gespielt haben. Mit ihren vielen jungen Spielern hat die Mannschaft einen guten Eindruck gemacht und ist forsch aufgetreten. Leider zeigt sich, dass Druck auf ihnen lastet und sie nicht ganz so befreit aufspielen. Bis jetzt hat mich am meisten Holland positiv überrascht. Aber natürlich wünsche ich mir, dass Deutschland gewinnt und Brasilien so lange wie möglich im Tunier bleibt. Es wäre für die Brasilianer sicher eine  Katastrophe, wenn ihr Team schon vor dem Finale oder Halbfinale ausscheiden würde.

Herr de Marées, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte pflichtlektuere-Redakteur Bernhard Klouth.

Teaserbild: flickr.com/acmoraes

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