Der Galoppsport in Dortmund und seine Gegner

Ihre Plakate vor der Pferderennbahn in Dortmund erwecken Aufmerksamkeit. Tierschützer haben sich vor dem Gelände versammelt, um auf die Missstände dieses Sports hinzuweisen. Unter anderem wollen sie den Einsatz von Peitschen im Rennen verbieten, um die Tiere zu schützen. Was ist dran an den Vorwürfen der Tierschutz-Aktivisten? Die Pflichtlektüre hat nachgehört.

Ein Protestplakat der Tierschützer

Es erinnert fast an einen Jahrmarkt: Hüpfburgen für Kinder, bunte Clowns und Ponyreiten. Die Schlangen am Glücksrad und an den Wettständen sind lang. Auf den Wiesen vor der Rennbahn tummeln sich Menschen, die auf den Erfolg des Pferdes hoffen, auf das sie gesetzt haben. Für viele sind die Rennen ein gesellschaftliches Highlight. Am Himmelfahrtstag findet auf der Galopprennbahn in Dortmund mit 14.000 Besuchern eines der wichtigsten und bestbesuchte Pferderennen des Jahres statt – Der 40. Sparkassen Renntag. Doch nicht alle, die sich an diesem Tag bei der Gallopprennbahn eingefunden haben, jubeln Pferden und Reitern zu: Es gibt viele Aktivisten, die sich vor dem Gelände versammelt haben, um ihren Protest zu bekunden.

Das Peta Zwei Streetteam

Dazu gehört auch das Peta Streetteam aus Dortmund, das sich dafür einsetzt, dass keine Peitschen mehr im Rennsport eingesetzt werden.

Das Hauptargument der Tierschützer ist, dass die Peitschen, die die Jockeys verwenden, größer als die gewöhnlichen Gerten im Reitsport seien. „Pferde zucken schon, wenn eine Fliege auf ihnen sitzt. Es sind sehr empfindliche Tiere“, äußert Anna-Lena Schroer vom Peta Streetteam, die selbst eine kurze Zeit geritten hat. Die Geldstrafe bei übermäßigem Peitschengebrauch sei laut Peta nicht angemessen, da diese nicht in Relation mit dem Gewinn stünde, der durch den Sieg ausgeschüttet würde.

Der Geschäftsführer der Rennbahn in Düsselsdorf Günther Gudert, der beim Sparkassen Renntag zu Gast war, will davon nichts wissen: „Die Renngerte wird sicherlich auch zum Antrieb eingesetzt, wenn das Pferd mal keine Lust hat. Auf der anderen Seite braucht der Reiter eine Gerte, um das Pferd zu korrigieren, wenn es zum Beispiel zu weit links läuft.“ Er stimmt allerdings den Tierschützern zu, dass die Gerte in der Vergangenheit von einigen Jockeys zu häufig eingesetzt worden sei. Aktuell läuft noch ein Verfahren gegen die Gewinner des letzten Derbys.

Wie ist der Einsatz der Peitsche geregelt?
Der Gebrauch der Peitsche ist im Rennsport streng geregelt. Während eines Rennens sind bis zu fünf Peitschenhiebe des Jockeys erlaubt. Der Gebrauch wird von der Rennleitung überprüft. Bevor die Peitsche genutzt wird, muss sie dem Pferd gezeigt werden. Wird diese Vorgabe überschritten oder ist der Umgang mit der Peitsche unangemessen, können die Reiter mit einer Geldstrafe oder sogar mit einem Reitverbot rechnen. Bei jüngeren Pferden sind die Regeln strenger.

Anna-Lena Schroer von der Peta

Die Tierschützer sind der festen Überzeugung, dass die Pferde aus Angst so schnell rennen, da sie Fluchttiere sind. Sie seien schon vor dem Turnier nass geschwitzt. Laut Günther Gudert seien die Vollblüter extra für das schnelle Laufen gezüchtet und geboren. Das Tier wolle sogar laufen. Dies liege an der Züchtung, da nur die schnellsten miteinander gepaart werden.

Die Pferde sind zu jung für die Rennen

Die Rennpferde nehmen bereits in einem jungen Alter an ihren ersten Rennen teil. Nach einem halben bis drei viertel Jahr verlässt das Fohlen die Mutter und kommt in einen Stall, wo es mit anderen Fohlen auf der Koppel spielen kann. Der Grund dafür ist, dass die Züchter häufig nur wenig Nachwuchs bekommen und die Jungpferde keinen Spielgefährten haben. Nach dem ersten Lebensjahr werden sie dann gewöhnlich auf der Auktion verkauft. Der Preis hängt vom Stammbaum und der Leistung der Eltern ab. Je erfolgreicher die Eltern waren, desto höher sind die Erwartungen an die Einjähringen. Mit zwei Jahren werden die Vierbeiner eintrainiert und in einigen Fällen absolvieren sie schon dann das erste Rennen.

Dies sei laut Peta deutlich zu früh. Als Grund nennen die Aktivisten, dass die Pferde noch nicht ausgewachsen seien und sie sich so deutlich schneller verletzen können. Rechnet man das Pferdealter in Menschenjahre um, wären die Pferde acht Jahre alt. „Es sind quasi noch Kinder“, so Anna-Lena Schroer. An jedem Tag, an dem ein Vollblüter im Stall stehe, koste es dem Besitzer Geld, argumentiert sie. In anderen Ländern nehmen sie häufig deutlich früher am Rennen teil.

Liebhaber des Rennsports sind anderer Meinung: „Viele Besitzer und Trainer lassen die Zweijährigen noch nicht rennen. Im Training wird besondere Rücksicht auf das Wachstum genommen“, sagt Günther Gudert. Der Pferdetrainer Pascal Jonathan Werning, der als Jockey gearbeitet hat, bestätigt, dass nur frühreife Pferde schon mit zwei Jahren an einem Rennen teilnehmen dürfen. „Sobald das Tier geschwächt ist, nimmt es auch nicht am Training teil. Das Tierwohl steht immer im Vordergrund“, so Pascal Jonathan Werning.

Die Pferde werden vor den Wetten im Führring präsentiert.

Verletzungen und Tod im Rennsport

Bei den Pferderennen kann es während des Galopps zu Verletzungen kommen, denn die Pferde bringen während des Rennens Hochleistungen in maximaler Geschwindigkeit. Durch den Stress während der Rennen und der Vorbereitung könne es zu Magengeschwüren kommen, sagt Anna-Lena Schröer. Passiert ein schwerer Unfall, wie zum Beispiel ein Beinbruch, werden die Vollblüter meist noch vor Ort getötet. „Im letzten Jahr haben sich in Deutschland zwölf Pferde bei etwa dreihundert Rennen verletzt, die dann eingeschläfert wurden“, so Günther Gudert. Das könne aber genauso auf der Koppel und bei anderen Pferdesportarten passieren, sagt er überzeugt. Konkrete Zahlen, wie viele bereits vor dem Rennen oder beim Training sterben, gibt es nicht.

Die Zuschauer scheinen sich mit all dem wenig zu beschäftigen. Sie haben nur ihren Wetteinsatz im Kopf und stehen jubelnd am Rennbahnrand. Die Peta fordert mit ihrer Aktion auch dazu auf, Pferderennen nicht mehr zu besuchen oder auf Tiere zu wetten und setzen sich für die Abschaffung der Peitsche ein. Die beiden Standpunkte verdeutlichen, wie umstritten der Rennsport ist.

 

Fotos: Melina Helf

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