Das Leben in der Ballettblase

Jelena Stupar ist eine der wenigen Solistinen des Theater s Dortmund Foto:Megan Bogatzki

Jelena Stupar ist eine der wenigen Solistinnen des Theaters Dortmund Foto:Megan Bogatzki

Grazil und athletisch zugleich, federleicht tanzt sie im schillernden Licht auf den großen Bühnen dieser Welt. Ein durchtrainierter Körper, eine spitzen Technik und eine abgeschlossene Ausbildung. Jelena Ana Stupar weiß worauf es ankommt. Sie hat es geschafft und sich gegen eine Vielzahl von Bewerbern durchgesetzt. Seit 2009 ist sie festangestellt am Theater in Dortmund und in zahlreichen Solorollen zu sehen. Aktuell ist sie wieder im „Traum der roten Kammer“ zu bewundern.

„Ich habe mich von Anfang an in Dortmund wohl gefühlt.” Das glaubt man der 32-jährigen sofort, denn die Atmosphäre in der Maske, vor der Generalprobe, ist sehr familiär. Die zierliche kleine Frau streckt ihre muskulösen Beine vor der Probe noch ein wenig aus, legt sie auf eine der Schminkkisten, die vorher eigens für sie von ihrer Maskenbildnerin frei geräumt wurde. Sogar auf das Bühnen-Make-up darf die Tänzerin ein klein wenig Einfluss nehmen: „Die Augenbraue bitte nicht zu streng, ich möchte nicht böse aussehen.“Es ist ihr wichtig, dass ihre Rolle von den Zuschauern richtig verstanden wird.  Um auf der Bühne eine gute Leistung bringen zu können gehört es dazu sich in seine Rollen hineinzuversetzen. Nur so könne man den Charakter und die Emotionen der Rolle richtig rüberbringen, erläutert die Tänzerin. Nebenbei schaut sie sich immer wieder kritisch im Spiegel an. Sie möchte ihre Rolle perfekt verkörpern.

Foto: Megan Bogatzki Bearbeitung: Judith Wiesrecker

Jelena Stupar in der Maske Foto: Megan Bogatzki

In dem Stück „Der Traum der Roten Kammer“ tanzt Jelena Stupar die Rolle der PaoTschai, welche den Sohn einer der mächtigsten Familien Chinas heiratet. Es gibt  allerdings zwei Kandidatinnen für den Platz an seiner Seite. Beide sind verschleiert. Der Bräutigam muss wählen. Poa Tschai wird von der Familie favorisiert. Für Lin Da Yü hat der Bräutigam tatsächlich Gefühle. Nur aus Versehen wählt er Pao Tschai. „Auf die Zuschauer wirkt das natürlich unsympathisch“, erklärt die Tänzerin, aber ihre Rolle sei trotzdem kein böser Charakter.

Mehr als ein Fulltime -Job

Ein ganz Normaler Tag beginnt für die Tänzerin, um zehn Uhr morgens mit einer anderthalb stündigen Trainingseinheit. Zuerst starten die Tänzer mit Übungen an der Stange. Danach werden dieselben Übungen ohne die Stange als Hilfestellung wiederholt. Am Ende werden noch Sprünge geübt. „Für die Sprünge braucht man schon viel Kraft und Ausdauer“, erzählt Jelena, „das ist schon anstrengend aber wir sind das gewohnt.“Das Training ist allerdings nur die Vorbereitung auf die Proben, hier wird Kondition trainiert und immer wieder an Feinheiten der Tanztechnik gefeilt. Anschließend geht es los mit den Proben, die  meistens bis 17.30 Uhr dauern. Zwischendurch gibt es natürlich auch eine kleine Pause, diese dauert allerdings nur eine Stunde.  Das ist die Routine, meist an sechs Tagen die Woche. Es erinnert an ein Hamsterrad. Viel Freizeit bleibt da nicht. Vor allem in der momentanen Phase – das Stück ist gerade wieder angelaufen. Wenn sie aber Freizeit hat geht die Ballerina am liebsten in die Natur. „Ich mag den Phönix See hier in Dortmund. Da fahre ich gerne mal ein paar Runden mit dem Fahrrad wenn schönes Wetter ist, um nach dem Training den Kopf frei zu bekommen.“ Außerdem zählt sie den Westfalenpark zu ihren Lieblingsorten.  So richtig Ausgehen ist aber eher schwierig, wenn man den ganzen Tag auf den Beinen ist. Deswegen geht die Hochleistungssportlerin lieber ins Kino oder mit ein paar Freunden eine Kleinigkeit essen anstatt abends noch feiern. Nachvollziehbar, denn das alltägliche Arbeitspensum der Profitänzerin  würde wahrscheinlich sowieso kein „normaler“ Arbeitnehmer schaffen.

„Freunde sind Privileg“

Sechs Tage die Woche fast zwölf Stunden, so lange ist Jelena Stupar ohnehin mit ihren Kollegen im Theater zusammen. Für sie ist es ein Glücksfall, auch Freunde außerhalb des Theaters gefunden zu haben.

„Es ist immer schön sich auch einmal über andere Dinge unterhalten zu können. Ich kann mich mit meinen Freunden außerhalb des Theaters auch auf einer anderen Ebene austauschen. Das ist für mich dann manchmal einfach interessanter, weil ich sonst den ganzen Tag mit meinen Kollegen zusammen bin. Da geht es immer um das Theater und was hier passiert. Das kann einem dann auch mal zu viel werden. Man braucht einfach manchmal auch die Abwechslung“, gibt die Ballerina zu.

Es gibt Tänzer die nur in der Ballettblase leben. Wenn die Arbeit eine Passion ist und so fordernd wie das Ballett, dann bleibt nicht viel Zeit um Freunde kennen zu lernen, die nicht im selben Theater tanzen oder zur Crew gehören. Auch das Vereinen von Karriere und Familie ist im Ballett noch schwieriger als in manchen anderen Berufen ohnehin schon. „Ich habe hier in Dortmund keine Familie. Aber nicht, weil ich mich nur auf die Karriere konzentrieren möchte. Es hat sich leider einfach noch nicht ergeben“, erzählt Jelena mit leicht verlegenem Lächeln. Es kristallisiert sich heraus: Die Welt des Tanz ist zwar wunderschön und mindestens genau so hart.  Aber nicht nur der Beruf an sich, sondern auch der Weg dahin ist kein Zuckerschlecken. Vor allem in den Anfängen einer jeden Tänzerkarriere ist das Training der zentrale Punkt. Ein Drittel der Karriere eines jeden Tänzers ist die Ausbildung. „Ich habe mit dreieinhalb Jahren angefangen zu tanzen, mit dreizehn wusste ich dann es wird auf jeden Fall Ballett sein“, erinnert sich Stupar. Trotz bester Tanzausbildung ist eine Festanstellung äußerst selten.

Generalprobe  vom Traum der Roten Kammer Foto: Megan Bogatzki

Generalprobe vom Traum der Roten Kammer Foto: Megan Bogatzki

In Dortmund beispielsweise haben sich im letzten Jahr 4000 Tänzer beworben. Nur 500 wurden zu den Trainings eingeladen. An dieser Stelle wurde knallhart aussortiert. „Entscheidendes Auswahlkriterium ist die Intelligenz“,  erläutert Ballettmanager Tobias Ehinger. Und damit sind nicht gute Schulnoten gemeint. Es geht um die Fähigkeit sich eine Choreographie schon nach einmaligem Proben perfekt anzueignen. Die tänzerische Ausführung und die Schrittfolge müssen hundertprozentig stimmen. Außerdem müssen die Tänzer die Choreographie für mehrere Jahre behalten. Denn nicht selten wird ein Stück nach mehreren Jahren Spielpause wieder aufgeführt. Auch Jelena Stupar hat erst kürzlich, nach mehr als einem Jahr Pause, ihre Rolle im  „Traum der roten Kammer“ wieder aufgenommen. Anzumerken ist ihr dies allerdings nicht. 

Wenn nicht Ballett dann Medizin

Phasen des Zweifels gab es jedoch auch: „Ich komme aus einer Ärztefamilie und hatte immer ein medizinisches Interesse. Wenn nicht Ballett, wäre es wohl Medizin geworden. Das hätte ich mir auch für mein Leben vorstellen können.“ Wenn man die Tänzerin jedoch auf der Bühne beobachtet sieht man ihr die Leidenschaft an. Ungezwungen erkennt man in ihrem Gesicht zahlreiche Emotionen; von strahlendem Lächeln bis hin zu versteinerter Ernsthaftigkeit. Die Profitänzerin hat im Ballett ihre Leidenschaft gefunden.

Bis zum bitteren Ende

Wenn die 32-jährige jetzt ans Aufhören denkt ist sie überzeugt die Bühne am meisten zu vermissen. „Das Gefühl etwas zu leisten, für das Publikum zu tanzen und  mit diesem dann Gefühle und Emotionen zu teilen ist einfach einzigartig. Das wird man später glaube ich nicht mehr haben wenn man einen anderen Beruf macht.“ Auch sei es etwas ganz besonderes, wenn ein Choreograf etwas für sie speziell choreografiert. „Das ist super interessant, dann macht man immer gerne die Proben“, schildert Jelena. Trotz all den wunderbaren Erfahrungen ist das Zwischenmenschliche manchmal schwierig: „Im Ballett gibt es einfach viel Konkurrenz und manchmal Eifersucht. Auch wenn sich das bei den Proben in Grenzen hält, ist das etwas was ich wahrscheinlich nicht vermissen werde“.  Wie lange sie ihren Beruf  noch ausüben wird, kann die Tänzerin nicht sagen. Allerdings kann sie sich nicht vorstellen mit 39 Jahren noch auf der Bühne zu stehen.

Große Körper Belastung: das gesamte Gewicht steht auf den Zehen Foto: Megan Bogatzki

Große Körper Belastung: das gesamte Gewicht steht auf den Zehen
Foto: Megan Bogatzki

Kinder statt Karriere

Im Ballett ist relativ früh, durchschnittlich zwischen 35 und 39 Jahren, die Karriere im eigentlichen Sinne zu Ende. Körperlich ist es dann schlicht nicht mehr möglich die erwarteten Spitzenleistungen zu bringen. Die meisten Tänzer leben dann nur noch von ihrem Namen. Aber Jelena hat schon andere Pläne: „Im November werde ich hoffentlich mein Diplom in Tanzpädagogik bekommen. Ich bin jetzt im zweiten Jahr des Studiums.“ Neben den sechs Tagen Proben von morgens bis abends noch nebenbei ein Studium zu absolvieren gelingt nur einem Organisationstalent.  Balletttänzer haben unglaubliche Disziplin und Energie. Der Satz `In einem starken Körper steck ein starker Geist´ stimmt also. Anders wäre eine solche Balance zwischen Karriere, Freunden und Studium wohl kaum möglich. Erst vor ein paar Tagen hatte Jelena eine Lehrprobe und hat sich deswegen sogar ein paar Stunden frei genommen. Von Ihrem Studium ist die Ballerina sichtlich begeistert. So sehr, dass sie sich durchaus vorstellen kann eher aufzuhören um dann mit Kindern zu arbeiten. „Ich glaube das wird mir sehr viel Freude bereiten, ich freue mich schon darauf und bin bereit dafür“, verkündet die Ballerina strahlend.

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