„Weiter“ gedacht: Studenten gründen Zeitung

Sie grenzen sich bewusst vom Terminjournalismus ab und recherchieren eigenhängig Themen, die kaum eine Lokalzeitung abdeckt: die örtliche Drogenszene, Strompreise, Crossboarder-Leasing. Viel Wert legen Constanze Kretzschmar, Jonathan Fasel, Jan Kröger und Dirk Stascheit auf Genauigkeit: Jeden Artikel lesen sie zwei Mal durch, vorher wird nichts in ihrer selbst gegründeten Zeitung „Weiter“ veröffentlicht. Ein Gespräch mit Constanze Kretzschmar über Mini-GmbHs, Bildungslücken im Studium und die Tücken der Basisdemokratie.

Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, eine eigene Zeitung zu gründen?

Constanze Kretzschmar mit den drei letzten Ausgaben von "Weiter": Mit drei ihrer Kommilitonen hat sie im Oktober 2009 die Zeitung gegründet. Foto: Caroline Biallas

Constanze Kretzschmar mit den drei letzten Ausgaben von "Weiter": Mit drei ihrer Kommilitonen hat sie im Oktober 2009 die Zeitung gegründet.Foto: Caroline Biallas

Wir wollten schon in den ersten Jahren unseres Studiums ein Magazin für Leipzig gründen, weil Leipzig eine wunderschöne Stadt ist, in der es aber nur eine einzige Zeitung gibt.  Da wollten wir ein Ergänzungsangebot schaffen und haben uns mit zehn Leuten zusammengetan und gesagt: „So, wir gründen jetzt ein Monatsmagazin!“ Und wir entscheiden außerdem alles basisdemokratisch. Und das war eine sehr schlechte Idee, weil eine Entscheidung mit zehn Leuten zu treffen, alles andere als einfach ist. Und danach waren wir so genervt, dass wir aufgegeben haben. Aber die Idee hat ein paar von den Leuten aus der Anfangsgruppe nicht mehr losgelassen.

Wie genau sollte eure Alternative zur Leipziger Volkszeitung aussehen?

Die Leipziger Volkszeitung ist eine Tageszeitung und dementsprechend viel Terminjournalismus wird dort gemacht. Aber sie kommt – wie so viele Tageszeitungen –nicht dazu, Hintergründe zu einem bestimmten Termin und einem bestimmten Thema zu liefern. Das wollten wir ergänzen und in Leipzig gründlich recherchieren, auch mal abseitige Themen.

Welche Inhalte greift Ihr in „Weiter“ auf?

Die Hauptressorts sind Politik, Wirtschaft, Gesellschaft – Kultur wird schon von einem recht guten Stadtmagazin abgedeckt. Und Themen, die wir recherchiert haben, waren zum Beispiel die Leipziger Drogenszene und – damit verbunden – wie die Polizei damit umgeht.

Viele Leute kaufen „Weiter“ im Bioladen

Okay, soviel zu eurem Zeitungsmodell. Aber wie finanziert Ihr euch?

Über den Verkauf. Wir haben inzwischen auch ein paar Anzeigen in unserem Blatt. Die erste Ausgabe konnten wir mit einem Druckkostenzuschuss von der Jugendpresse Sachsen drucken. Damit haben wir den ersten Druck finanziert, aber alles was an Druckkosten danach kam, haben wir von den Einnahmen der ersten Hefte finanziert. Wir bezahlen im Moment auch nur den Druck, sonst haben wir keine Kosten. Durch den Artikel, den Spiegel Online über uns geschrieben hat, sind allerdings viele neue Leute auf uns zugekommen – potenzielle Anzeigenkunden, aber auch neue Abonnenten. Wir nähern uns also jetzt ein bisschen dem Ziel, unsere Autoren auch zu bezahlen.

Wie gründet man überhaupt ein neues Medium?

Um neue Leser zu gewinnen, sprechen Constanze Kretzschmar und die anderen Gründer auch mal Passanten direkt auf der Straße an. Foto: Caroline Biallas

Um neue Leser zu gewinnen, sprechen Constanze Kretzschmar und die anderen Gründer auch mal Passanten direkt auf der Straße an. Foto: Caroline Biallas

Wenn man jemanden kennt, der Verlagskaufmann ist oder irgendetwas kaufmännisch gelernt hat, ist das auf jeden Fall von Vorteil. Wir mussten uns alles selber aneignen. Gerade bei einem geisteswissenschaftlichen Studium gehen solche Dinge total an einem vorbei.

Was bei der Gründung beachtet werden musste, lernten die Macher nicht im Studium.

Wir haben uns nach ausgiebiger Recherche für eine Mini-GmbH entschieden: Die kann man schon mit einer Einlage von einem Euro gründen. Und danach ist man verpflichtet, 25 Prozent seiner Gewinne pro Jahr dazu zu zahlen, bis man auf 25.000 Euro kommt und eine GmbH gründen kann.

Das ist jetzt die juristische Form. Aber was muss man sonst noch beachten bei einer Zeitungsgründung?

Zeitungsgründer und Chefredakteure zugleich: Dirk Stascheit, Jonathan Fasel, Constanze Kretzschmar und Jan Kröger (v.l.). Foto: Sören Juckenack

Zeitungsgründer und Chefredakteure zugleich: Dirk Stascheit, Jonathan Fasel, Constanze Kretzschmar und Jan Kröger (v.l.). Foto: Sören Juckenack

Fähiges Personal hatten wir schon, die vielen Journalistikstudenten. Wichtig ist es, die Leute dafür zu begeistern – aber auch das ging ganz von alleine. Diejenigen, die Zeit hatten, haben auch mitgemacht. Wir sind vier Chefredakteure und ein wechselnder Stamm von etwa 25 Autoren. Darunter ganz viele Journalistik-Studenten, was einfach mit unserem Freundeskreis zusammenhängt, aber es sind auch andere Leute. Leute, die zum Beispiel auf uns zugekommen sind, als wir auf der Straße verkauft haben. Die haben dann ganz spontan gefragt, ob wir noch jemanden gebrauchen können. (lacht)

Wieviel Zeit nimmt eine eigene Zeitung in Anspruch?

Viel! (lacht) Alleine das Layouten alle zwei Wochen dauert mindestens einen Tag, eher länger. Auch das Redigieren dauert furchtbar lange. Allein die Recherche für einen Artikel, den wir neulich drin hatten, basierte auf zwei- bis dreiwöchiger Arbeit.

Wie sieht die Zunkunft von „Weiter“ aus? Oder anders gefragt: Gibt es überhaupt eine Zukunft?

Ich denke, es gibt eine Zukunft. Das ganze Projekt wächst immer mehr und wir gewinnen auch Anzeigenkunden, was für eine Zeitung wirklich wichtig ist. Wir bekommen auch immer mehr Leser und Abonnenten, die uns auch in Zukunft garantiert eine Zeitung abnehmen werden. Unser Plan ist es jetzt, erstmal in Leipzig zu wachsen. Das heißt, wir müssen viel bekannter werden und auch irgendeine Form von Marketing betreiben. Wir müssen – wenn wir irgendwann mal das Geld dazu haben – Anzeigen schalten, Aufsteller machen, neue Verkaufsstellen finden. Da gibt es unheimlich viele Möglichkeiten, aber im Moment fehlt uns einfach die Zeit dazu.

1 Comment

  • Patrick sagt:

    Sehr interessant, würde gerne noch mehr dazu erfahren, was man alles machen/beachten muss, um eine eigene Zeitung in den Druck zu geben und sie dann verkaufen zu können.

    Kann mir vielleicht hier jemand weiter helfen ?

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