Dialog mit Pegida?

Sigmar Gabriel, SPD-Parteivorsitzender, auf dem 33. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dresden, Juni 2011

Vize-Kanzler und SPD-Chef Sigmar Gabriel hat sich am vergangenen Freitag mit Teilnehmern der Pegida-Demonstrationen zur Diskussion getroffen. Die Landeszentrale für politische Bildung in Sachsen hatte zum Gespräch geladen. Obwohl Gabriel sagt, er habe als Privatperson teilgenommen, hat seine Anwesenheit in der SPD einen Streit darüber ausgelöst, ob man mit den Islamgegnern einen Dialog führen sollte. Es hagelte reichlich Kritik. Doch Gabriels Herangehensweise ist die richtige.

“Mit Nazis kann man nicht diskutieren.” Dieses Argument hört man in den letzten Wochen häufig, wenn über die selbst ernannten Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes gesprochen wurde. Tatsächlich ist davon auszugehen, dass der Kern bzw. die Gründer der Bewegung allesamt am rechten Rand des politischen Spektrums zu verorten sind.

Befragungen von Pegida-Teilnehmern – sowohl von Wissenschaftlern als auch von Journalisten – legen aber auch nahe, dass es eine nicht unerhebliche Anzahl von Mitläufern gibt. Viele von ihnen geben an, wegen politischer Enttäuschung und Abneigung gegenüber der politischen Elite mitzumarschieren. Es ist kein Zufall, dass die Demonstrationen im strukturschwachen Osten, wo der Lebensstandard durchschnittlich noch immer niedriger ist als im Westen, am meisten Zulauf finden.

Miteinander reden lohnt sich immer

Es sind gerade diese Mitläufer, mit denen wir ins Gespräch kommen müssen. Es ist nachvollziehbar, dass sich Deutsche mit Migrationshintergrund einem Dialog mit einer Gruppe verwehren, die für Ressentiments gegenüber Ausländern steht, so zum Beispiel auch SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi. Wenn aber eine Landeszentrale für politische Bildung einlädt, darf man wohl gewiss sein, dort überwiegend auf Bürger mit Gesprächsbedarf zu treffen, nicht auf Radikale. Denn es stimmt, mit Nazis kann man nicht diskutieren. Das wollen sie auch gar nicht, und deswegen bleiben sie solchen Veranstaltungen erfahrungsgemäß fern.

Dass das Phänomen Pegida in einer Region auftritt, in der die Islamisierung in etwa so weit entfernt ist wie der Borussia Dortmund vom Gewinn der Meisterschaft, lässt darauf schließen, dass es sich nicht nur um latente Fremdenfeindlichkeit handeln kann. Weitere Indikatoren dafür sind etwa die große Akzeptanz für Pediga in der Wählerschaft der Partei „Die Linke“ und ein großer Zulauf bei anderen Demonstrationen wie dem Friedenswinter, wo gegen die angebliche Kriegstreiberei gegenüber Russland demonstriert wurde.

Demonstranten der Pegida-Bewegung halten ein Plakat mit der Aufschrift "(Irre) Leitmedien demaskieren! Für Meinungsvielfalt."

Pegida-Demonstranten fordern die Enttarnung der „Lügenpresse“. Foto: blu-news.org/flickr.com

Das alles deutet darauf hin, dass es in der Mittel- und Unterschicht nicht nur einen großen Vertrauensverlust gegenüber der “Lügenpresse”, sondern auch der Politik allgemein gibt. Das mag daran liegen, dass viele Entscheidungen der Politik in den letzten Jahren als alternativlos dargestellt wurden. Aber deswegen in einen “Dialog mit Pegida” eintreten? Vielleicht kann man es anders formulieren: Wir sollten versuchen mit den Menschen zu reden, die zwar bei Pegida mitlaufen, nach ein wenig Aufklärung aber merken würden, wie unsinnig die Forderungen der Veranstalter sind. 

„Klare Kante“ gegen Ausländerfeindlichkeit

Im Kampf gegen die Ressentiments von Pegida ist es richtig und wichtig, öffentliche Zeichen zu setzen. Die vielen Demonstrationen für Vielfalt und gegen Fremdenfeindlichkeit, die momentan in der ganzen Bundesrepublik stattfinden, sind großartig. So lange Pegida und seine Ableger weiterhin Tausende mobilisieren können, ist es wesentlich für unsere Gesellschaft, für ein Deutschland der Vielfalt auf die Straße zu gehen und unseren nichtdeutschen Mitbürgern zu zeigen, dass sie hier willkommen sind.

Bei einer Demonstration für Vielfalt hält ein kleines Kind ein Plakat mit der Aufschrift "München ist bunt!" hoch.

Tausende demonstrieren in München für Vielfalt. Foto: Giovanni Bassista/flickr.com

Das schließt allerdings einen Dialog mit Leuten nicht aus, denen diese Vielfalt anscheinend Angst macht. Klare Kante gegen Ausländerfeindlichkeit – warum nicht gleich im direkten Gespräch? So können eigene Argumente ohnehin besser vermittelt werden. 

Der Schaden wird durch einen Dialog nicht größer

Und auch irrationale Ängste – wie wir mittlerweile alle wissen, machen Muslime in Sachsen nur 0,1 Prozent der Gesamtbevölkerung aus – können den Leuten im persönlichen Kontakt besser genommen werden. Vielleicht schafft man es, Muslime dazu zu bringen, an solchen Treffen teilzunehmen. Möglicherweise stellt man dann auch fest, dass es sich bei einigen Menschen weniger um latente Ausländerfeindlichkeit handelt als vielmehr um Angst vor Veränderung und dem Unbekannten handelt. Sollte dies nicht so sein: Es ist nur schwer vorstellbar, dass das Bild Deutschlands dadurch noch mehr Schaden nimmt, als ohnehin schon entstanden ist.

Beitragsbild: Medienmagazinpro/flickr.com

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