Gleich und doch irgendwie anders

Sarah und Miriam sind WG-Genossinnen. Sie rudern zusammen in einem Zweier im U 23-Bundeskader.  Sie haben die gleiche Stimme. Würde Sarah sich nicht die Haare blondieren, man könnte sie nicht auseinanderhalten. Sarah und Miriam sind eineiige Zwillinge. pflichtlektüre.com erklärt, warum die beiden sich trotzdem voneinander unterscheiden.

Foto: flickr.com/Romana Klee

Das Wort "Zwilling" bedeutet: Was doppelt vorkommt. Dabei sind Zwillinge unterschiedlicher, als man denkt. Foto: flickr.com/Romana Klee, Teaserbild: Rosa Thoneick

Seit jeher sind Wissenschaftler von Zwillingspaaren fasziniert: Warum gibt es trotz gleichen Erbmaterials große Unterschiede? Zwillingspaare sind ideal, um eine wichtige Frage zu untersuchen: Was macht den Menschen mehr aus – seine Gene oder seine Lebenswelt?

Wer einem Zwillingspaar gegenübersteht, denkt oft, zweimal denselben Menschen vor sich zu sehen. Davon zeugt schon der Ursprung des Wortes Zwilling: „Was doppelt vorkommt“.  Dabei hat sich Sarah schon im Kindergarten geärgert, wenn jemand sie und Miriam in einen Topf warf.  Forschungsergebnisse der letzten Jahre geben ihr Recht: Zwillingspaare sind unterschiedlicher, als es scheint.

Unterschiedliche Fingerabdrücke

Das fängt schon bei Äußerlichkeiten an. Sollten Miriam und Sarah beide eines Verbrechens beschuldigt werden, eine DNA-Analyse würde nichts helfen. Nur die Fingerabdrücke könnten die Ermittler auf eine richtige Spur führen. Trotz gleichem Gen-Code sind die Fingerabdrücke von Zwillingen unterschiedlich, denn die Struktur der Fingerkuppen entwickelt sich im Mutterleib – und bleibt dem Zufall überlassen.

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Die Fingerabdrücke von Zwillingen unterscheiden sich, ihre DNA dagegen nicht. Foto: Dominik Speck

Wenn Miriam sagt, Sarahs Augen seien ein wenig anders als ihre, ebenso ihre Nase, dann mag das zunächst verblüffen. Doch tatsächlich: Zwar teilen Zwillingspaare die Augenfarbe, nicht aber die Struktur der Iris. Und die genaue Lage der Nase, ihr Abstand zu Oberlippen und Augenbrauen, kann bei Zwillingen verschieden sein – wenn auch nur um Nuancen.

Wer eineiige Zwillinge kennt, weiß, dass sie auch ganz verschiedene Charakter haben können. Der eine ist vielleicht fleißiger als der andere. Auch Essvorlieben und Hobbies können voneinander abweichen. Sarah und Miriam sind hier nicht gerade das beste Beispiel: Beide rudern aus Leidenschaft.

Entscheidend ist, welche Gene aktiviert werden

Der Schlüssel zur Verschiedenartigkeit ist die Epigenetik. Diese Disziplin der Biologie befasst sich damit, warum und wann welcher Teil unseres Erbguts aktiviert wird. In jeder menschlichen Zelle steckt das gleiche Erbmaterial. Lange Zeit ging man davon aus, dass allein die Steuer-Gene in der DNA entscheiden, welche Gene aktiv werden. Seit einigen Jahren weiß man, dass auch so genannte Steuermoleküle  eine mindestens ebenso wichtige Rolle spielen. Sie sitzen außerhalb der DNA „am Hebel“ und können Gene ein- und wiederausschalten, oder sogar langfristig sperren.

Studien haben ergeben, dass die Aktivität dieser Steuerelemente bei eineiigen Zwillingen erheblich voneinander abweicht. Das heißt: Sarah und Miriam haben zwar die gleichen Gene – doch ein Gen, das bei Sarah schlummert, kann bei Miriam Marathon laufen.

Welches Gen aktiviert wird, ist von äußeren Einflüssen abhängig. Zum Beispiel vom Klima, der Ernährung oder den Bewegungsgewohnheiten. Die Wissenschaft geht davon aus, dass auch Faktoren wie persönliche Erfolge oder Misserfolge und der soziale Status eine Rolle spielen.

Epigenetische Unterschiede prägen sich im Laufe der Zeit aus, sie sind bei älteren Zwillingspaaren größer als im Kindesalter, weil sich die Zwillinge dann meist in ihrer Umgebung und ihren Gewohnheiten weiter auseinander entwickeln.

Nicht alles ist doppelt

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Den Zwillingen Sarah und Miriam (v.l.) ist es wichtig, ihre eigenen Lebenswelten zu haben. Foto: Rosa Thoneick

Doch selbst bei der Geburt unterscheiden sich Zwillinge schon epigenetisch. Das hat in diesem Jahr ein australisches Forscherteam herausgefunden, das 22 eineiige Zwillinge nach der Geburt auf an- und abgeschaltete Gene untersucht hat. Schon nur um Nuancen unterschiedliche Umweltbedingungen in der Gebärmutter führten zu einer unterschiedlichen Epigenetik, schließen die Wissenschaftler. Das könnte erklären, warum bei gleichem Genmaterial trotzdem nur ein Zwilling an Herzerkrankungen oder Diabetes leidet.

Im Mikrokosmos der Familie bleiben die epigentischen Unterschiede trotzdem geringer – auch wenn die Eltern wie etwa bei Sarah und Miriam darauf achten, dass ihre Kinder nicht in dieselbe Klasse gehen. Das Ergebnis einer spanischen Studie ist daher kaum überraschend: Zwillinge, die länger voneinander getrennt gelebt haben, sind epigentisch unterschiedlicher als solche, die immer zusammenwohnen.

Sarah und Miriam wohnen zwar zusammen, sind aber froh, verschiedene Freundeskreise zu haben. Es ist ihnen wichtig, etwas für sich alleine zu haben. Sie kommen eben nicht nur doppelt vor.

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