„Wie die große Klassenfahrt der Slam-Szene“

„Das Rhinozeros, es klingelt.“ Ein Text über einen absurden Zoobesuch machte Jan Philipp Zymny 2013 in Bielefeld zum bisher jüngsten Deutschen Meister im Poetry Slam. Nun will der gebürtige Wuppertaler, der in Bochum Theaterwissenschaften studiert, seinen Titel in Dresden verteidigen. Dort starten am Dienstag die 18. deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaften. Am Samstag steht dann fest, wer der beste Slammer 2014 ist. Im Interview spricht Jan Philipp Zymny über seinen Vorjahressieg, Vorbereitungen in Videoform und die Woche, in der ihm Julia Engelmann tausend neue Facebook-Fans bescherte.

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Tagsüber studiert Jan Philipp Zymny, 21, Theaterwissenschaften in Bochum. Abends steht er meistens auf Bühnen – als Teilnehmer bei Poetry Slams oder mit seinem Soloprogramm „Bärenkatapult“. Fotos: Ricarda Dieckmann

Was hat sich für dich im vergangenen Jahr durch den Titel verändert?

Als in den ersten zwei, drei Monaten nach den Meisterschaften alle wissen wollten, ob sich was verändert hätte, habe ich geantwortet: „Nö!“. Aber dann habe ich eine Agentur gefunden und mir ein Soloprogramm zusammengebaut, weil auf einmal eine größere Nachfrage danach bestand. Insofern hat sich alles ein wenig professionalisiert.

Ist auch die mediale Aufmerksamkeit größer geworden?

Das brauchte auch ein wenig Zeit, obwohl ich nach dem Finale direkt zu einigen Interviews geschleift wurde, zum Beispiel bei WDR 2 in der Zugabe, wo ich nachts nach Köln musste. Die Aufmerksamkeit ist aber auf jeden Fall gestiegen, auch weil man Poetry Slam gut in den Medien präsentieren kann. Sonst ist er ja eher eine Rand-Sportart. 

Anfang des Jahres tauchte die „Rand-Sportart“ Poetry Slam groß in den Medien auf – ausgelöst durch das Video von Julia Engelmann, das in sozialen Netzwerken tausendfach geteilt wurde. Wie erklärst du dir den Hype um ihren „One day/reckoning text“?

Ich glaube, dass der Text den Leuten gefühlsmäßig einfach etwas gegeben hat. Viele konnten sich damit identifizieren und haben sich darin wiedergefunden. Das mag für oder gegen die Qualität des Textes sprechen, die Entscheidung liegt bei jedem Einzelnen. 

Konntest du selbst mit der Zeile „Eines Tages, Baby, werden wir alt sein…“ etwas anfangen?

Nö, nicht so sehr. Einfach, weil die Philosophie, diese adaptierte, aktualisierte Form von „Carpe Diem“, die diesem Text zugrunde liegt, nicht meine eigene ist. Aber nur, weil die Aussage nicht meiner persönlichen Meinung entspricht, heißt das nicht, dass ich den Text nicht für seine Kunstfertigkeit und das, was er ausgelöst hat, wertschätzen kann. Ich finde also gut, was da passiert ist. Denn, ganz ehrlich: Ich habe ja direkt davon profitiert.

Das heißt?  

Zwei meiner Videos sind in der Rubrik „Ähnliche Videos“ relativ weit oben unter Julia Engelmanns Auftritt aufgetaucht und da haben sehr viele Leute geklickt. Und in der Woche, in der das Video ganz heiß war, habe ich auf einen Schlag tausend neue Likes auf Facebook bekommen. Der Hype um Julia Engelmann hat die Reichweite des Poetry Slam schon sehr vergrößert.

Die Deutschen Meisterschaften haben aber schon vorher tausende Zuschauer angezogen. Jetzt geht’s wieder los. Schläfst du in den Nächten vorher unruhiger?

Ich bin schon aufgeregt. Die Stimmung ist natürlich eine ganz andere als bei einem Durchschnitts-Poetry-Slam. Schlechter schlafe ich aber deswegen aber nicht. Ignoranz hilft. 

Ein absurder Zoobesuch: Mit diesem Text gewann Jan Philipp Zymny die Deutschen Meisterschaften 2013

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Du steckst ja längst in den Vorbereitungen und dokumentierst die auf ungewöhnliche Weise… 

Seit Beginn des Monats mache ich eine Video-Reihe bei Facebook und Youtube, die aber komplett ironisch gemeint ist. Es ist einfach ein Spaß und außerdem eine Möglichkeit, Aufmerksamkeit auf den Slam 2014, also auf die Deutschen Meisterschaften, zu lenken. Davon profitieren ja alle Slammer.

Wie sieht’s mit deinen Texten aus?

Einen will ich noch schreiben – auch wenn das sehr kurzfristig ist. Ansonsten sind die Deutschen Meisterschaften mehr ein Jahres-Best-Of, eine Jahresabschlusspräsentation, auf der man zeigen kann, was man in dem Jahr Cooles gemacht hat. Und natürlich eine große Klassenfahrt der Slam-Szene.  

 Jan Philipp Zymny wird Deutscher Meister 2014, weil …

… weil irgendwas schiefgelaufen ist. (lacht) Nein, das habe ich ja nicht in der Hand. Ich mache einfach nur die Texte, auf die ich Lust habe und dann entscheiden die Leute. Die Wahrscheinlichkeit, den Titel nochmal zu gewinnen, ist ja auch sehr gering. Aber immerhin: Zwei Slammern ist das schon gelungen.

Die 18. deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam