QR-Codes leisten Toten Gesellschaft

QR-Codes und Gräber passen nicht zusammen – oder? Heike Kollakowski, Christina Steuer und Katharina Hülscher, die das Projekt Guidyon“ gestartet haben, sehen das anders. Sie wollen denkmalgeschützte Gräber mit QR-Codes bestücken und damit den Friedhof beleben – einen Ort, der von den Toten lebt.

Ein Smartphone scannt den QR-Code von Henriette Davidis Grab ein. Fotos und Teaserbild: Lea von der Mosel

Ein Smartphone scannt den QR-Code von Henriette Davidis Grab ein. Fotos und Teaserbild: Lea von der Mosel

Der Dortmunder Ostenfriedhof wirkt verlassen. Nur eine Spaziergängerin ist unterwegs und schlendert mit ihrem Smartphone an den Gräbern entlang. Vor einem denkmalgeschützten Grab kommt sie zum Stehen und zückt ihr Smartphone: Das Klicken der Handykamera unterbricht die vorige Stille, die den Friedhof umgab. Das Motiv des Fotos ist jedoch nicht etwa das Grab, sondern der QR-Code, der in eine nebenstehende schwarze Steinstele eingraviert ist. Das Smartphone liest den quadratischen Code ein und verrät schließlich: Hier liegt Henriette Davidis begraben – eine bekannte Kochbuchautorin des 19ten Jahrhunderts. Sogar ein Rezept für Schinkenkartoffeln von Henriette Davidis zeigt das Smartphone an.

Mithilfe der QR-Codes die Geschichte Dortmunds erschließen

QR-Codes auf dem Friedhof? Das klingt erst einmal wie ein schlechter Scherz – ausgerechnet mithilfe von Smartphones sollen wir etwas über die auf dem Friedhof begrabenen historischen Persönlichkeiten lernen, die von Handys wahrscheinlich nicht einmal zu träumen gewagt hätten. Die Historikerinnen Christina Steuer und Katharina Hülscher sowie die Diplom Designerin Heike Kollakowski sind jedoch von ihrem Projekt „Guidyon“ überzeugt. Der Projektname ist eine Kombination aus dem englischen Wort „guide“ (zu Deutsch: Führer) sowie aus dem Namen des walisischen Hüters der Seelen „Gwydwyon“. Ziel ist es die denkmalgeschützten Gräber des Ostenfriedhofs mit QR-Codes auszustatten und damit Hintergrundinformationen zu dem historischen Persönlichkeiten zu liefern. „Im Grunde genommen nehmen wir den Friedhof als Anhaltspunkt, um die Geschichte Dortmunds über QR-Codes noch ein wenig zu erschließen“, erklärt Christina Steuer.

Heike Kollakowski (links) und Christina Steuer gehören zu den Projektträgern von Guidyon.

Heike Kollakowski (links) und Christina Steuer gehören zu den Projektträgern von Guidyon.

Auf die zunächst ungewöhnliche erscheinende Idee für das Projekt ist die Designerin Heike Kollakowski gekommen, da sie in der Nähe des Ostenfriedhofs wohnt und von einem Artikel in der Zeitung gehört hatte, der über QR-Codes auf dem Friedhof berichtete. Identisch sind die Projekte jedoch nicht: „Was bei uns neu ist, ist die historische Information, die über die QR-Codes abzugreifen ist.“, sagt Heike Kollakowski. Ganz so trocken sehen es die Erfinder dann aber doch nicht: Die mit dem Smartphone abzurufenden Texte sollen sowohl unterhaltend als auch informierend sein. „Es soll Spaß machen“, findet Heike Kollakowski.

Ausweitung auf private Gräber möglich

Auch wenn die Idee umstritten scheint – auf wirkliche Kritik sind die drei Trägerinnen des Projekts noch nicht gestoßen. „Was aber bemerkt worden ist, dass die Stele wohl hässlich ist“, meint Christina Steuer. Die eigentliche Grundidee – mit dem Smartphone über den Friedhof zu laufen – sei aber nicht kritisiert worden. „Das tun die Leute sowieso, da fördern wir also nichts“, fügt sie hinzu. Insgesamt scheint das Projekt auf dem Ostenfriedhof also positiv anzukommen und wird sogar von der Friedhofsverwaltung unterstützt: „Die waren hellauf begeistert, dass wir so etwas in Angriff nehmen wollen und dementsprechend stehen uns – zumindest auf dem Ostenfriedhof – die Türen dafür offen.“ Dennoch gilt dies natürlich nur für die denkmalgeschützten Gräber, die der Stadt gehören. Gegen die Idee, das Projekt bei Erfolg auszuweiten und QR-Codes auch an privaten Gräbern anzubringen, hat Heike Kollakowski nichts einzuwenden: „Das würden wir natürlich auch machen. Klar, sicher.“

Das Projekt Guidyon ist noch in der Testphase. Diese Steinstele vor Henriette Davidis Grab mit dem darin eingravierten QR-Code ist die Erste dieser A

Das Projekt Guidyon ist noch in der Testphase. Diese Steinstele vor Henriette Davidis Grab mit dem darin eingravierten QR-Code ist die Erste dieser Art.

„Wir haben uns überlegt bis zu hundert Gräber auf dem Friedhof zu bestücken“

Momentan befindet sich „Guidyon“ allerdings noch in der Testphase. Die Steinstele neben Henriette Davidis Grab ist die Erste mit einem funktionierenden QR-Code auf dem Ostenfriedhof. Die drei Frauen hinter dem Projekt haben jedoch Fördergelder bei der Stiftung NRW und der Leo Beack-Stiftung beantragt. Dafür haben sie sich mit der „multilaeral academy ggmbh – mla“ zusammengetan, die ehrenamtlich arbeitende Jugendliche in die Recherchearbeiten integrieren wollen. Falls es mit der Finanzierung klappt, haben die Christina Steuer, Katharina Hülscher und Heike Kollakowski Großes vor: „Wir haben uns überlegt bis zu hundert Gräber auf dem Friedhof zu bestücken“, sagt Heike Kollakowski.

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