Neonazi-Angriff in Dortmund

rathaussturm_dortmund_rechtsradikale1Ein Angriff einer Wahlparty im Dortmunder Rathaus, der für blankes Entsetzen sorgt und an Deutschlands dunkelste Stunden erinnert: Statt eines normalen Abschlusses des Wahltages erlebte ein Filmteam von do1 einen Vorfall, über den bundesweit berichtet wurde. Rechtsextreme versuchten unter Rufen wie “Deutschland den Deutschen – Ausländer raus” vergangenen Sonntag das Rathaus zu stürmen und verletzten mehrere Menschen. Vorangegangen war, dass die rechtsextreme Partei „Die Rechte“ einen Prozent der Wählerstimmen erhielt und somit in den Stadtrat gelangen wird. Ihr Kandidat, der mehrfach vorbestrafte Neonazi Siegfried Borchardt, war auch bei dem Überfall des Sonntagabends zugegen.

Die Chronik eines skandalösen Vorfalls:

Kurz vor 22 Uhr: Die letzten Wahlkreise sind ausgezählt, erste Endergebnisse werden in der großen Halle des Dortmunder Rathauses auf die Leinwand geworfen. Einige Politiker und Bürger starren auf die Bildschirme, teils erfreut, teils emotionslos. Plötzlich rennen ein paar junge Leute quer durch das Foyer nach draußen. Irgendwo in der Menge sind Satzfetzen wie „Die Nazis kommen“ zu hören. Vor dem Rathaus haben sich bereits etwa ein Dutzend Bürger und Politiker versammelt, die rasant Unterstützung bekommen. Hunderte Leute strömen auf die Treppen vor dem Rathaus, erste Trillerpfeifen sind zu hören, grüne „Nazis-Raus“-Banner werden ausgerollt.

Aus einer Seitenstraße des Friedensplatzes sind Nazi-Parolen zu hören. Eine Gruppe von etwa zehn schwarz-gelb gekleideten Männern und zwei Frauen kommt auf das Rathaus zu. Einige Augenblicke lang scheint die Stimmung zwar aufgeheizt, aber soweit friedlich. Neo-Nazis und Nazi-Gegner stehen sich bloß gegenüber. Trillerpfeifen und rechte sowie linke Provokationen erfüllen den Friedensplatz. Die schwarz-gelben Männer bekommen nun Zulauf aus den anderen Richtungen des Platzes, eine Gruppe aus ca. 25 Rechtsradikalen versammelt sich vor den Treppen des Rathauseingangs. Plötzlich: Eine Glasflasche zersplittert, Menschen schreien auf. Die Fronten gehen gewaltsam aufeinander los. Einer der Rechtsextremen schreit auf und schlägt sich die Hände vor das Gesicht. Eine Frau geht nach dem Schlag eines bulligen Mannes im gelb-schwarzen T-Shirt zu Boden. Das Geschehen wird von einigen Menschen beobachtet, die auch aus den Seiteneingängen des Rathauses strömen. Einige reden bereits impulsiv auf ihr Telefon ein. Wir vermuten, dass sie die Polizei alarmieren. Viele Bürger, die eigentlich zum Feiern ins Rathaus gekommen waren, beobachten fassungslos die Gewaltszenen. Einige suchen bereits panisch das Weite. Rechtsextreme verfolgen flüchtende Bürger und offensichtliche Pressevertreter.

rathaussturm_dortmund_rechtsradikaleEin Mann aus dem Nazi-Block reißt unseren Kameramann zu Boden und tritt auf ihn ein. Dieser kauert auf dem Boden und versucht sich und seine Ausrüstung zu schützen. Irgendwann lässt der Mann im gelb-schwarzen T-Shirt von ihm ab und geht auf einen brüllenden Nazi-Gegner los. Vor dem Rathauseingang bildet sich eine Menschenkette, die versucht, die Neonazis vom Eindringen in das Haus abzuhalten. Gerade als sich unser Kameramann erholt hat, erblickt uns ein anderer Mann aus dem rechten Block und rennt auf uns zu. Wir fliehen in verschiedene Richtungen und finden schließlich Zuflucht in der Küche des Rathauses, dessen Hintertür einen Spalt offenstand. Ein Koch lässt uns in die große Halle des Rathauses. Hier rennt eine junge Frau hysterisch hin und her. Immer wieder ruft sie aufgeregt: „Das Rathaus ist verschlossen und da draußen werden Leute von uns verprügelt. Tut doch was!“ Eine Mischung aus Fassungslosigkeit und Panik ist den paar Übriggebliebenen in der Halle anzusehen.

22:10 Uhr: Noch vor der Polizei treffen draußen zwei Krankenwagen am Rande des Platzes ein. Zwei schwarz-gelb gekleidete, bullige Männer laufen auf den Wagen zu und schreien um Hilfe. „Bitte, sie müssen mir helfen. Mein Freund kann nichts mehr sehen“, ruft der Eine während er den Anderen stützt, der sich die Hände vor das Gesicht hält. Die Sanitäterin mahnt, ruhig zu bleiben und weist die zwei Rechtsextremisten an, vorerst zu warten. Mehrere Menschen stürmen nun auf den Krankenwagen zu.

22:15 Uhr: Ein paar Streifenwagen treffen auf dem Friedensplatz ein. Etwa ein Dutzend Polizisten stürmen auf die Treppen und trennen die beiden Lager. Die Situation bleibt jedoch unübersichtlich – die Beamten scheinen zu dünn besetzt, um die beiden Fronten klar voneinander zu trennen. Rechte und Linke brüllen sich über die Köpfe der Polizisten hinweg an und beleidigen sich. Abwechselnd hört man die Rufe „Deutschland den Deutschen. Ausländer raus.“ und „Siamo tutti antifascisti“ (deutsch: „Wir sind alle Antifaschisten“). Mal dominiert die eine dann die andere Parole. Keine der beiden Seiten lässt jedoch locker. Eine junge Polizistin redet aufgeregt auf die Gegendemonstranten ein, die Rechtsextremen nicht weiter zu provozieren, um die Lage zu beruhigen. Ohne Erfolg.

22:20 Uhr: Mittlerweile sind weitere Polizeikräfte eingetroffen und immer mehr Krankenwagen und Polizeiwagen kreisen den Friedensplatz ein. Den Polizisten gelingt es nun, die Rechtsextremen einzukesseln, die Gegendemonstranten werden von einer Polizeikette abgeschirmt. Ein Hubschrauber kreist über den Platz und eine Hundestaffel ist eingetroffen. Das beißende Kläffen der Polizeihunde und der Motor des kreisenden Hubschraubers können das Pfeifen der Anti-Nazi-Demonstranten jedoch nicht übertönen.

Die Lautstärke auf und um den Platz lockt immer mehr Menschen an, mittlerweile sind viele Journalisten, Fotografen und Kamerateams aufgetaucht. Viele der Journalisten tragen gelbe Warnwesten mit der Aufschrift „Presse“. Ein Kameramann trägt sogar eine kugelsichere Weste.

22:30 Uhr: Die Lage beruhigt sich ein wenig, die Rufe der beiden Fronten verfliegen. Einzelne Neonazis machen sich über die sie einkreisenden Polizisten lustig. Andere der Eingekesselten diskutieren aufgeregt. Einige Antifaschisten sind vermummt. Sie wollen weder erkannt werden noch ein Statement in die Kamera abgeben. Keiner kann so recht einordnen was passiert. Einige Polizisten besprechen sich, andere scheinen ratlos über das weitere Vorgehen zu sein. Nach einer halben Stunde werden nach und nach die Eingekesselten unter Applaus der Gegendemonstranten abgeführt und ihre Personalien aufgenommen. Nachdem der letzte Pulk Neonazis abgeführt wird, beruhigt sich die Situation. Der Platz leert sich schnell. Ein SPD Politiker erklärt die Wahlveranstaltungen für beendet und lässt das Rathaus schließen. Die Fernsehteams und Radioreporter scharren sich um einige Gegendemonstranten, die bereit sind ein Interview zu geben.

Um 23.30 Uhr ist der Platz so gut wie leer. Letzte verbliebene linke Demonstranten diskutieren noch mit einer Polizistin. Wir sind die Letzten auf dem Platz. Überwältigt von den Bildern von einem Wahlabend, den wir nicht so erwartet hätten.

Video zu dem Überfall auf das Dortmunder Rathaus

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10 Comments

  • Dennis sagt:

    Der hier geschilderte Zeitablauf entspricht nicht der Wahrheit. Um 22:15 war noch kein Streifenwagen wie verschiedene Augenzeugen und aber auch Videos beweisen vor Ort, diese trafen erst ab 22:25 Uhr ein, zeitgleich mit auch einem RTW welcher am stadtgarten parkte. Gegen 22:33 Uhr trafen weitere Einsatzkräfte und RTW’s ein Ferner wurden auch der LNA (leitende Notarzt) alarmiert, welcher um 22:40 kam.

  • Paula sagt:

    Paula,

    Ich könnte noch mehr kritisieren, will aber nur noch darauf hinweisen, dass die Neonazis einen Angriff gestartet haben und keine Demonstration angemeldet oder durchgeführt haben. Dementsprechen sind die Wahlparty-Besucher_innen auch nicht als Gegendemonstranten zu bezeichnen. Die Wortwahl verharmlost doch den Angriff der Neonazis. Genauso wie das „Die Fronten gehen aufeinander los“.

  • Paula sagt:

    Wie kann es sein, dass die pflichtlektüre und do1-tv die Ereignisse nicht in Zusammenhang setzen? In anderen Berichterstattungen ist davon die Rede, dass ein Hausverbot gegen die Neonazis ausgesprochen worden ist. Die Gäste der Wahlparty, die sich vor die Tür stellten, wollten dieses doch offensichtlich nur friedlich durchsetzen und wurden dann, das sieht man auf den Bildern, von den Nazis angegriffen, unter anderem mit Pfefferspray und Flaschen.
    Man beachte auch die gemeinen Beleidigungen gegen die Nazis („Wir sind alle Antifaschisten“). Lest Ihr Eure Berichte eigentlich auch mal selbst? Die Nazis singen die erste Deutschlandliedstrophe, hetzen gegen „Ausländer“ und die diejenigen, die das Rathaus und andere Menschen schützen provozieren…indem sie, was genau machen, „Wir sind alle Antifaschisten“ in einer anderen Sprache rufen? Das kann ja nicht euer Ernst sein.
    Schön auch die von der Polizei übernommene Extremismustheorie, nach der ja Links und Rechts beidermaßen schon mit ihrer Anwesenheit provozieren. „Eine junge Polizistin redet aufgeregt auf die Gegendemonstranten ein, die Rechtsextremen nicht weiter zu provozieren, um die Lage zu beruhigen. Ohne Erfolg.“ Genau, alle mal schön die Fresse halten, wenn die Nazis Leute und die Presse angreifen, ansonsten wird es nur noch schlimmer. Die Geschichte hat gezeigt, wie wichtig es ist, eben nicht das Maul zu halten, sondern sich aktiv gegen menschenverachtende Politik und Gewalt zu stellen.
    Obligatorisch ist dann nur noch der Hinweis auf Leute, die nicht gefilmt werden wollen. Was habt Ihr für ein Problem damit? Gerade die Dortmunder Neonazis sind bekannt dafür, sich auch Mühe mit „Anti-Antifa“-Arbeit zu geben. Wegen solcher „Outings“ mussten ganze Familien aus Dortmund wegziehen, Leute mehrmals den Wohnort und die Arbeitsstelle wechseln. Aber Vermummte einfach mal nicht zu kritisieren würde ja bedeuten, einen solchen Angriff in größere Zusammenhänge zu setzen.
    Besonders schlechte Recherchearbeit bekommt allerdings das Video von do1-tv. Es fängt an mit „mutmaßlich Rechtsextreme“…genau, war ja auch nicht an den T-Shirts zu erkennen, wo „Weg mit dem NWDO-Verbot“ drauf stand. NWDO, eine vom Innenminister verbotene, rechtsextreme Organisation. Die anwesenden Neonazis alle namentlich bekannt, jede_r kann nachlesen, was die schon auf dem Kerbholz haben. Der einzige Interview-Partner hat gar keine Ahnung und faselt was davon, dass „sowas“ (was denn überhaupt??) halt „schnell ausartet“ und irgendwer sich dann gegenseitig haut. Hä? Naja, hauptsache „gegenseitig“, denn: Als nächstes wieder der höchst provokante Spruch „Wir sind alle Antifaschisten“ auf italienisch. Klar, im Sinne der Extremismustheorie muss man ja jetzt sagen, dass „die Antifa“ auch irgendwie scheiße gebaut hat. Und wenn das nicht der Fall ist, dann sagen wir eben, dieser Spruch auf italienisch war eine Provokation.

  • Jenni sagt:

    Hey,

    das Video funktioniert nicht. Also zumindest bei mir.. Sonst sehr guter Beitrag.

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