Emanzen an der Uni? Gender Studies an der RUB

Zwischen Germanistik, Medizin und E-Technik schlummern an den Unis auch ein paar Exoten: Der Master-Studiengang Gender Studies der Ruhruni Bochum zum Beispiel. Emanzen in lila Latzhosen sucht man hier jedoch vergeblich.

Gender Studies: bloß Mädchenkram?

Gender Studies: bloß Mädchenkram? / Foto: Robert Babiak/Pixelio

„Ich hatte am Anfang ein Problem damit, zu sagen`Ich bin Feministin`. Oft wird man einfach als Emanze abgestempelt“, sagt Stephanie Sera. Stephanie studiert Gender Studies an der Ruhruni Bochum und kann mittlerweile selbstbewusster damit umgehen. „Es geht nicht darum, Männer unterzubuttern. Es geht darum, soziale Ungleichheiten zu bekämpfen, egal in welchem Bereich. Ob du eine Frau oder ein Mann bist, schwarz oder weiß, körperlich behindert oder kerngesund.“

Wozu noch Gleichberechtigung?

„Ich studiere Gleichberechtigung.“ Dieser Satz ist für viele so abstrakt wie die Zahl Pi oder der Klimawandel. Aber genau wie man den Klimawandel am Abschmelzen von Eisbergen erkennen kann, so gibt es Ungleichbehandlungen, die jeden Tag sichtbar sind. Wenn zum Beispiel die Ehefrau trotz akademischem Abschluss zu Hause bleibt, um die Kinder großzuziehen. Das Grundgesetz verbietet zwar eine Benachteiligung aufgrund der Rasse und des Geschlechts, die gängige Praxis der Chancengleichheit sieht jedoch anders aus: Frauen verdienen bei einer vergleichbaren Ausbildung, Berufserfahrung und in einer vergleichbaren Position 12 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Eine weibliche Expertin ist bei politischen Talkshows oft die Moderatorin oder eben die sogenannte Quotenfrau. Das Ziel von Gender Studies ist es, die Rollenbilder unserer Gesellschaft zu überwinden. Doch wenn die Praxis schon so aussieht, was kann Theorie schon ändern? Und was lernt man, wenn man Gender Studies studiert?

Interdisziplinärer Ansatz

Der Lehrplan von Gender Studies spiegelt in erster Linie die Geschichte der Emanzipation wider. Es geht um die Frauenbewegung im 19. Jahrhundert, aber auch um Frauenbilder im Christentum und Islam bis hin zum Wandel der Männlichkeit. Der Studiengang beschränkt sich nicht auf die deutsche Geschichte, sondern betrachtet die Thematik im internationalen Vergleich. Über den Tellerrand schauen zu können, ist wohl die wichtigste Voraussetzung für den Master in Gender Studies. Dem entspricht auch der Aufbau des Studiengangs: Gender Studies ist ein interdisziplinärer Studiengang, der von den Fakultäten der Sozialwissenschaften, Philologie und Geschichtswissenschaften der Ruhruni getragen wird. Zusätzlich können Veranstaltungen aus der Sportwissenschaft, Psychologie oder zum Beispiel der Orientalistik belegt werden. Der Zwei-Fach-Master dauert vier Semester und umfasst fünf Module.

Stephanie Sera studiert Gender Studies / Foto: C.Hahn

Stephanie Sera studiert Gender Studies / Foto: C.Hahn

„Ich finde es wichtig, dass man die Wahl hat, sein Leben selbst zu gestalten. Wenn jemand Hausfrau werden möchte, nur zu. Man sollte niemanden verurteilen.“, sagt Stephanie. Passend dazu schreibt sie ihre Master-Arbeit über Intersexualität. Denn darum geht es bei Gender Studies – nicht in althergebrachten Rollenbildern zu denken und die Grenzen unserer Gesellschaft nicht als unüberwindbar hinzunehmen.

Angenehmes Lernklima

Statt anonymen Vorlesungen in überfüllten Hörsälen gibt es bei Gender Studies Veranstaltungen im kleinen Kreis. Aktuell gibt es 49 Studenten – immerhin vier davon sind Männer. Denn auch sie sind Stoff der Vorlesungen von Gender Studies. „Das Geschlecht ist unserer Auffassung nach sozio-kulturell konstruiert. Dazu gehört auch die Frage ‚Wie wird Männlichkeit konstruiert?‘. Wenn Sie als Mann Erziehungsurlaub nehmen wollen, können Sie das gesetzlich machen. Ihre Kollegen werden Sie in vielen Fällen trotzdem schief von der Seite angucken.“, sagt Julia Figdor, Koordinatorin und Studienfachberaterin von Gender Studies. Sie beobachtet vermehrtes Interesse am Studiengang, doch bisher konnte jeder Interessent ein Studium  anfangen. Nachfrage und Angebot halten sich in diesem Studienfach die Waage.

Wann ist ein Mann ein Mann? Auch das ist Thema der Gender Studies / Foto: Pixelio, SimannJo

Wann ist ein Mann ein Mann? Auch das ist Thema der Gender Studies / Foto: Jo Simann/Pixelio

„Ich hab die Seminare als sehr diskussionsfreudig erlebt. Das sind oft Themen, bei denen man nicht mit seinem Kaffee in der letzten Reihe ruhig sitzen bleiben kann. Da muss man einfach mitreden.“, sagt Stephanie Sera. Warum ist man als weißer Mensch in unserer Gesellschaft privilegiert? Wie beeinflusst „Germany´s Next Topmodel“ das Rollenbild der Frau? Und wie geht die Gesellschaft mit Behinderungen um? Das sind nur einige der Fragen, die an der Ruhruni behandelt werden.
Im Wintersemester 2005/2006 wurde der Zwei-Fach-Master an der Ruhruniversität zum ersten Mal angeboten. Während an den Unis in Hannover und Göttingen seit der Bologna-Reform die Mittel für Gender Studies zusammengestrichen werden, hat die Umstellung auf Bachelor/Master den Studiengang in Bochum erst ermöglicht.

Wohin nach dem Master?

Gender Studies ist durch den Zusatz „Kultur, Kommunikation, Gesellschaft“ breit gefächert und betrachtet die Gender-Thematik aus verschiedenen Perspektiven. Dementsprechend richten sich die Berufsperspektiven stark nach dem 2. Fach. Mit Politik- oder Geschichtswissenschaften kombiniert, haben einige Studenten schon Erfahrungen im Bundestag gesammelt. Diversity Management oder Personalabteilungen sind ebenso mögliche Arbeitsfelder genau wie Jugendarbeit oder Erwachsenenbildung.
Die Relevanz von Gender ist keine Ideologie, sondern vielmehr ein politisches Feld. Ende der Neunziger Jahre wurde das Konzept des Gender Mainstreaming von der Europäischen Union beschlossen. Das Ziel ist es, geschlechtsspezifische Ungleichheiten zu beseitigen.
Eine kritische Sicht auf die Verhältnisse unserer Gesellschaft und den Willen, diese zu überwinden, ist die Kernkompetenz dieser Ausbildung, ebenso wie Toleranz.
Stephanie Sera möchte nach ihrem Studium weiter an der Uni bleiben und hier arbeiten: „Da Gender noch nicht so alt ist wie andere Disziplinen, sehe ich noch viel Forschungspotenzial.“