Tausenden Lehramt-Studis droht der Uni-Rauswurf

In Nordrhein-Westfalen zittern tausend Lehramtstudierende vor der Zwangsexmatrikulation. Symbolbild. Foto: Universität Wien

In Nordrhein-Westfalen zittern tausende Lehramtstudierende vor der Zwangsexmatrikulation. Symbolbild. Foto: Universität Wien/flickr.com

Das Ziel eines Studierenden ist ganz klar ein Abschluss. Doch was geschieht, wenn plötzlich das gesamte Studienmodell abgeschafft wird? Rund 13.000 Studierenden des alten Lehramtstudiums in Nordrhein-Westfalen droht im nächsten oder übernächsten Jahr die Zwangsexmatrikulation, sollten sie ihr Studium zum Sommersemester 2016 (Grund-, Haupt-, Realschullehrer) oder zum Sommersemester 2017 (Gymnasium, Gesamtschule, Berufskolleg) nicht beendet haben.

Ein Rauswurf mitten im Studium – ganz ohne universitären Abschluss.

Grund dafür ist das auslaufende Studienmodell mit einem Staatsexamen als Abschluss. Der einzige Ausweg: ein Wechsel in das neue System von Bachelor und Master. Doch wie vielen der betroffenen, angehenden Lehrern droht hier im Ruhrgebiet das Aus? Die pflichtlektüre hat sich an den Ruhr-Universitäten umgehört und die Lage in Duisburg-Essen, Bochum und in Dortmund gecheckt. Im Rheinland formiert sich derweil Protest vonseiten der Studierendenschaft. Wir haben mit den Initiatoren einer Petition gesprochen.

Universität Duisburg-Essen: Bis zu 2000 Betroffene - Vorstoß an Ministerium
Etwa 2000 Lehramtstudierende des alten Systems könnten an der Universität Duisburg-Essen (UDE) nach ersten Schätzungen der Hochschule umsonst studiert haben. „Die Universität Duisburg-Essen hat jedoch einen Vorstoß in Richtung des Schulministeriums des Landes gewagt, um die Härtefallregelungen weicher zu gestalten“, sagt UDE-Sprecherin Beate Kostka auf Anfrage der pflichtlektüre. Eine endgültige Entscheidung könne allerdings nur durch eine gesetzliche Regelung des Landes getroffen werden.

„Wird ein Student nicht rechtzeitig zum Ablauf des Studienmodells mit seinem Studium fertig, muss für jeden Einzelfall eine individuelle Regelung für ein Wechsel in das Bachelor-Master-System getroffen werden“, sagt Kostka. Die UDE habe die betroffenen Studierenden frühzeitig nach der gesetzlichen Änderung des Studienmodells im Jahr 2009 über die Fristen informiert.

Ruhr-Universität Bochum: Wenige Betroffene
 Weniger weitreichend ist die Bedrohung in Bochum. Mit heute 40 Lehramtstudierenden im alten Staatsexamen-System gehört die Ruhr-Universität zu den Hochschulen mit nur wenigen Betroffenen. „Die RUB hat bereits vor der gesetzlichen Änderung mit einem ersten Modellversuch im Jahr 2002 auf ein Bachelor-Master-System umgestellt“, erklärt Jens Wylkop, Sprecher der Ruhr-Universität. Daher gebe es derzeit nur noch wenige von einer potentiellen Zwangsexmatrikulation betroffene Studierende. „Mit einer großen Welle an Studenten, die in das Bachelor-Master-Modell wechseln wollen, rechnen wir an der RUB also nicht“, beruhigt Wylkop.

Doch was geschieht mit diesen Ausnahmen? Ein Wechsel in das Bachelor-Master-System gelingt nur unter gewissen Voraussetzungen: Wylkop: „Nur, wenn es die Fächerkombination in beiden Systemen gibt und die erbrachten Leistungen von der Qualität und der Menge mit den Anforderungen des Bachelor-Master-Systems übereinstimmen.“ Bei einer nicht mehr vorhandenen Fächerkombination müsse der Studierende sich mindestens für ein neues Fach im üblichen Zulassungsverfahren bewerben.

Technische Universität Dortmund: Info-Abend organisiert
  Ähnlich die Situation für die Lehramtstudierenden im Staatsexamen-Modell in Dortmund. Bereits im Jahr 2005 hat die TU Dortmund mit einem Wechsel in eine gestufte Lehrerausbildung ein Pilotprojekt initiiert. Dabei handele es sich um ein Bachelor-Master-Studium, dessen Abschluss dem eines Staatsexamens entspreche, beschreibt TU-Sprecherin Eva Prost der pflichtlektüre das damalige Modell.

Eine genaue Anzahl an Studierenden, deren Studium durch die Zwangsexmatrikulation gefährdet ist, nannte die TU Dortmund nicht. Dass es diese Studierenden gibt, ist aber offensichtlich. Die Hochschule hat bereits eine Info-Veranstaltung für alle Studierenden des Modellversuchs anberaumt. Am 6. Mai (18-20 Uhr, Hörsaal H1, EF50) informiert die Universität die Studierenden über Wechselmöglichkeiten.

Protestbewegung gegen Zwangsexmatrikulation

Große Proteste lösen die nahenden Fristen für die Zwangsexmatrikulation an der Universität zu Köln aus. Mit rund 6000 Studenten, die noch im Staatsexamen-Modell studieren, stellen sie den Großteil der 13.000 unter Zeitdruck stehenden Studenten in NRW.

Besonders im Lehramt braucht es die Zeit und die Muße sich kritisch und ausgiebig mit Themen zu befassen. Nur so kann man die Schüler später im Lehrerberuf zu streitbaren Demokraten ausbilden.

Zu dieser Gruppe zählt auch Agnes Kamerichs. Die Lehramtstudentin im alten Staatsexamen-Modell studiert im 16. Fachsemester an der Uni Köln. Zum Ende des Sommersemesters 2017 droht die Zwangsexmatrikulation. Ein Umstand, mit dem sich Kamerichs nicht einfach abfinden will. Seit Oktober 2014 setzt sie sich für eine Verlängerung der Fristen ein. Zuletzt initiierte sie gemeinsam mit den Lehramt-Fachschaften aus NRW, der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW Studis) und dem freien Zusammenschluss von StudentInnenschaften (fzs) eine Petition. Mit der Kampagne wollen sie die Landesregierung von einer Fristverlängerung überzeugen.

 „Es ist nicht Sinn eines Lehramtsstudiums, möglichst schnell fertig zu werden. Besonders im Lehramt braucht es die Zeit und die Muße sich kritisch und ausgiebig mit Themen zu befassen. Nur so kann man die Schüler später im Lehrerberuf zu streitbaren Demokraten ausbilden“, sagt Agnes Kamerichs im Gespräch mit der pflichtlektüre.

Foto: Gruber/Haigermoser/flickr.com

13.000 Studiernde sind betroffen. Foto: Gruber/Haigermoser/flickr.com

Schulministerium prüft Fristverlängerung

Bisher stellen sich die Verantwortlichen jedoch quer. Das Schulministerium NRW teilte mit, jedem Studierenden seien über die Regelstudienzeit hinaus vier zusätzliche Semester eingeräumt worden, um das Studium zu beenden. Zumindest eine Modifikation der Fristen werde geprüft, eine generelle Aufhebung sei hingegen nicht möglich.

Tausende Betroffene in
Paderborn, Siegen, Aachen, Bielefeld

Neben den genannten Universitäten trifft die Umstellung noch weitere Standorte des Landes. In Münster sind etwa 600 Studierende von der Zwangsexmatrikulation betroffen. Dasselbe gilt für jeweils 1000 Studierende an den Universitäten in Aachen und Bielefeld, sowie für 1500 an der Universität Siegen und für rund 3000 in Paderborn.