Studieren als Vollzeitjob

„Die Studentenzeit war die beste meines Lebens“, ein typischer Satz von Uni-Absolventen der älteren Generationen. Gerne erzählen sie, wie viel Freizeit sie damals hatten und schwelgen in Erinnerungen. Doch das Studentendaseins als Langzeiturlaub gehört längst der Vergangenheit an. Die in Berlin vorgestellte 19. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (DSW) beweist, dass mittlerweile 44-Stunden-Wochen das Unileben prägen und Studenten tatsächlich studieren.

Studieren als Vollzeitjob.

Studieren als Vollzeitjob. Foto: Florian Hückelheim

Alle drei Jahre erscheint die Studie des DSW und liefert Informationen über die finanzielle Lage der Studenten in Deutschland, ihren Studienverlauf und Zeitaufwand. Die neuste Erhebung aus dem Jahr 2009 enthält unter anderem Antworten auf die Fragen, wie sich die flächendeckende Umstellung auf die Bachelor- und Masterstudiengänge und die Einführung der Studiengebühren auf die Studenten ausgewirkt haben.

Bachelor bedeutet nicht generell mehr Arbeit

So scheint die 19. Sozialerhebung der Kritik der Studenten, die im vergangenen Winter zahlreich gegen die Bologna-Reformen auf die Straßen gezogen sind und die überfrachteten Studiengänge und die vielen Prüfungen beklagten, teilweise Recht zu geben. 19 Prozent der Studenten empfinden die zeitliche Belastung im Bachelor als zu hoch. Doch im Vergleich mit Diplom- und Staatsexamensstundenten müssen sie mit 37 Stunden reiner Studienzeit pro Woche nur ein wenig mehr leisten als die Diplomstudenten und um einiges weniger als Studenten, die als Abschluss ein Staatsexamen anstreben.

Doch nimmt man die Gesamtarbeitszeit, die sich aus Studium und Nebenjob ergibt, müssen 66 Prozent der Studenten eine 44-Stunden-Woche bewältigen. Nahezu jeder Dritte kommt sogar auf eine wöchentliche Gesamtbelastung von 50 Stunden. Der zusätzlichen Zeitaufwand geht in etwa gleichem Umfang zu Lasten des Studiums und der Freizeit, wobei verglichen mit der letzten Erhebung 2006, die Studenten häufiger ihre verbliebende freie Zeit für das Jobben opfern.

Studiengebühren belasten nicht alle Studenten gleichermaßen

Die Studiengebühren, die in der Regel zwischen 300 und 500 Euro im Semester liegen, zahlt in Deutschland fast jeder zweite Student. Die übrigen sind entweder von den Beiträgen nicht betroffen oder durch landesspezifische Ausnahmen, wie die Geschwisterregelung, von der Zahlung befreit.

Rolf Dobischat, Präsident des Deutschen Studentenwerks

Rolf Dobischat, Präsident des Deutschen Studentenwerks. Foto: Pressestelle UDE

Inwiefern und für wen der Beitrag eine Belastung darstelle, sei abhängig aus welcher sozialen Schicht man komme, sagt Rolf Dobischat, Präsident des Deutschen Studentenwerks. So ist die finanzielle Unterstützung der Eltern in einkunftsstärken Schichten höher. Für mehr als die Hälfte der Studenten zahlen beispielweise Mama und Papa die Studiengebühren. Studenten aus ärmeren Verhältnisse müssen dagegen häufiger arbeiten, um sich ihren Lebensunterhalt, zu verdienen. Sie gehören zu den 30 Prozent, die ihr Studium aus eigener Tasche bezahlen. Nur 11 Prozent wagen sich an einen Studienkredit. Vor allem Studenten aus einkommensschwachen Haushalten wollen sich nicht verschulden und meiden die Darlehen. „Schafft es ein Kind – trotz Selektion im Schulsystem – als einziges aus einer bildungsfernen und einkommensschwächeren Familie an die Hochschule, dann steht es schon wieder vor einer neuen Hürde! „, beschreibt Dobischat die Situation.

Auch das im Herbst 2008 erhöhte BAföG konnte diesbezüglich keine Abhilfe schaffen. Die BAföG-Geförderten erhielten zwar im vergangenen Jahr im Schnitt 50 Euro mehr, jedoch blieb die Quote der Studenten, die die Unterstützung in Anspruch nahmen, auf demselben Niveau wie im Jahr 2006. Laut Dobischat ist Deutschland daher weiterhin „von sozial offenen Hochschulen weit entfernt“. Ob ein Kind studiere, hänge immer noch ganz entscheidend vom Bildungsstatus der Eltern ab. Zwar verzeichnet die aktuelle Sozialerhebung einen leichten Rückgang der Immatrikulationen von Akademikerkinder, doch studieren sie immer noch fast viermal so häufig wie Arbeiterkinder. „Die grundlegende soziale Selektion ist weiterhin erschreckend stabil“, sagt Dobischat.

Eltern stoßen an finanzielle Belastungsgrenze

Nicht nur das Geld muss stimmen. Auch das Drumherum ist wichtig.

2009 hatten die Studenten etwas mehr im Portemonnaie als im Jahr 2006. Foto: stock.xchn

Das monatliche Einkommen der Studenten ist leicht angestiegen. Ein lediger Student im ersten Semester, der nicht zu Hause wohnt, hat im Schnitt 812 Euro im Monat zur Verfügung. Ein Fünftel muss mit weniger als 600 Euro monatlich auskommen und ein weiteres knappes Fünftel besitzt über 1.000 Euro. Die drei wichtigsten Einnahmequellen bilden dabei nach wie vor die finanzielle Unterstützung durch die Eltern, der eigene Verdienst sowie das BAföG, wobei die individuelle Gewichtung sehr unterschiedlich ist. Knapp 90 Prozent der Studenten werden mit durchschnittlich 445 Euro im Monat von den Eltern unterstützt. Diese Gelquelle ist jedoch im Jahr 2009 erstmals seit 1991 leicht zurückgegangen. Für Dobischat befinden sich die Eltern mittlerweile „am Rande ihrer finanziellen Möglichkeiten“. Die durchschnittlich zweitwichtigste Geldquelle der Studenten ist das eigene Gehalt. Zwei von drei Studenten gehen zusätzlich arbeiten und verdienen im Durschnitt 323 Euro im Monat. Nur 29 Prozent von ihnen nehmen Unterstützung in Form des BAföG in Anspruch.

Ein gutes Drittel der Einnahmen geben Studenten für ihre Miete samt Nebenkosten aus. Durschnitlich sind das 281 Euro, je nachdem, in welcher Stadt sie wohnen. So sind die monatlichen Mietpreise mit etwa 348 Euro in München am höchsten und in Chemnitz mit 210 Euro am niedrigsten. Auch die Wohnsituation ist abhängig vom Einkommen. Viele der Studenten ziehen daher die kostengünstigeren Wohnformen, wie die Wohngemeinschaft oder das Wohnheim, der eigenen Wohnung vor, weshalb die Anzahl allein lebender Studenten zurückgegangen ist. Derweil lebt fast jeder vierte Student bei seinen Eltern. Laut Studentenwerk entscheiden sie sich jedoch häufig nur für „Hotel Mama“, weil sie offenbar keine andere Möglichkeit gefunden haben.

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