„Der Pott filmt“: Filmemacher des Ruhrgebiets im Portrait

Von Kohle zu Kultur: Die Filmreihe „Der Pott filmt“ will an 24 Abenden mit 12 Programmen die Lebensweisen, Moden, Stimmungen, politischen und wirtschaftlichen Geschehnisse der letzten 50 Jahre abbilden. Dazu zeigen 16 ansässige Regisseure ihre Arbeiten aus dem Ruhrpott.

Das Bochumer Kino Endstation: Eines der vier Filmkunst-Kinos der Filmreihe

Das Bochumer Kino Endstation: Eines der vier Filmkunst-Kinos der Filmreihe

Vier Filmkunst-Kinos im Ruhrgebiet zeigen bis November Filme mit anschließenden Diskussionen. Die Persönlichkeit und Arbeit des Regisseurs wirkt sich dabei auf die Gestaltung der Filmabende aus. Das Publikum hat im Anschluss jeder Vorstellung die Möglichkeit mit dem Regisseur über die gezeigten Arbeiten zu diskutieren. pflichtlektüre-Reporterin Miriam Otterbeck war bei der Premiere im Bochumer Endstation Kino dabei. Kino-Leiterin und Planerin der Filmreihe, Anke Teuber, erzählt was für Filme gezeigt werden und wieso sich ein Besuch lohnt:

Kulturhauptstadt 2010 – war das der Anlass für die Filmreihe?

Wir verstehen es eher als kulturelle Ergänzung dazu. Die Filmreihe läuft nicht innerhalb des Kulturhauptstadt-Programms,  sondern wird durch die Filmstiftung NRW gefördert. Die Idee ein Filmprogramm zu machen, wo ansässige Regisseure aus dem Ruhrgebiet, die hier schon jahrzehntelang arbeiten, mit Film und in Filmgesprächen persönlich vorgestellt werden, hatten wir letztes Jahr. Da hat das mit der Kulturhauptstadt natürlich super gepasst.

Ist es die erste Filmreihe über Filme aus dem Ruhrpott?

In der Breite und der Vielfalt ja. Das Besondere bei dieser Reihe ist, dass es nicht nur Dokumentarfilme sind, sondern auch Spielfilme und Filme aus dem Avantgarde- und Experimentalbereich.

Nach welchen Kriterien wurde das Programm zusammengestellt, wurde nach Filmen oder nach Regisseuren ausgewählt?

Wir haben die Regisseure ausgewählt. Uns war es wichtig, dass die Filme was mit dem Ruhrgebiet zu tun haben, also es im Inhalt thematisieren und dass sie hier gedreht sind und dass die Regisseure auch noch im Ruhrgebiet leben.

Was für Filme werden gezeigt?

Der älteste Film ist von Reinhard Schnell aus dem Jahr 1964 bis hin zu ganz aktuellen, wie der Premiere eines Dokumentarfilms über die Sanierung von Wohnungsbau von Adolf Winkelmann. Thematisch liegt der Schwerpunkt auf dem Strukturwandel,  dazu haben wir viele dokumentarische Arbeiten aus den 70er und 80er Jahren.  Vor allem also Zeitgeschichte – wie die Industrie und die Arbeit zurück gedrängt wird und die Schließung wird thematisiert. Trotzdem sind die Filme total unterschiedlich.

Ist der Ablauf bei jedem der 16 Abende identisch?

Zu jedem Bild eine Geschichte: Der Live-Charakter schafft Wohnzimmeratmosphäre

Zu jedem Bild eine Geschichte: Der Live-Charakter schafft Wohnzimmeratmosphäre

Nein, die Veranstaltunegn sind ganz unterschiedlich. Es gibt aber immer den Regisseur und eine Moderation. Im Anschluss findet immer ein Filmgespräch stattt. Horst Herz wollte zum Beispiel was machen, das vor Ort entsteht, verbunden mit Live Musik, also mit improvisierten Charakter. Dabei steht die Performance im Mittelpunkt. Wenn ein Spielfilm gezeigt wird, ist das natürlich ne ganz andere Sache. Das Programm ist je nach Regisseur unterschiedlich.

Was ist ihr persönliches Highlight?

Ich entdecke auch noch ne Menge.  Es sind Filme dabei, die man sonst nur relativ schwer zu sehen bekommt, die nicht im normalen Kinobetrieb laufen. Zu meinen Highlights zählen die Abende, die sich vor Ort entwickeln. Also zum einen die Collage von Horst Herz und der Abend mit Robert Bosshard, die beide Live-Charakter haben. Aber ich freue mich auch auf die experimentellen Filme, wie die von Dore O. Und ich bin natürlich sehr gespannt, wie es mit Helge Schneider wird – er hat damals das Kino eröffnet, als Stummfilmbegleiter am Klavier. Eigentlich freue ich mich auf alles!

Ist die Filmreihe nur etwas für Menschen aus dem Ruhrgebiet oder wer sollte sie sich anschauen?

Die Reihe ist für jeden geeignet, ganz egal wo man herkommt. Man kann eine Menge entdecken und dabei gleichzeitig das Ruhrgebiet durchqueren. Dadurch das die Reihe an vier Orten stattfindet und bis auf wenige Ausnahmen andere Filme gezeigt gezeigt werden, kann man jedes Mal was neues entdecken.

Wie sehen sie das Ruhrgebiet im Jahr 2010, wie hat es sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt?

Die Kultur hat viele Orte erschlossen, an denen früher Industrie angesiedelt war. Von Landschaftsparks in Duisburg oder Gebäude, die für kulturelle Ereignisse genutzt werden, wie die Jahrhunderthalle in Bochum. Es passiert ne Menge, auch schon vor der Kulturhauptstadt.

Am ersten Filmabend im Kino Endstation wurde die Filmcollage „Nomadsland“ von Horst Herz gezeigt. Der Dortmunder Regisseur arbeitet seit über 30 Jahren als Kameramann, Drehbuchautor und Produzent von Dokumentarfilmen für Kino und TV im Ruhrgebebiet. Im Interview beschreibt er, wie er das Ruhrgebiet wahrnimmt, was er in seinen Arbeiten festhalten will und was es in seiner Collage zu sehen gibt:

Seit über 30 Jahren dokumentiert Horst Herzer Geschehnisse im Ruhrgebiet

Seit über 30 Jahren dokumentiert Horst Herz Geschehnisse im Ruhrgebiet

Woraus setzt sich die Filmcollage „Nomadsland“ zusammen?

Aus Filmausschnitten, Fotographien und einer Diashow. Teilweise begleitet von Live Musik. Thematisch bezieht sich alles auf das Ruhrgebiet. Ich mache seit 30 Jahren Filme, viele davon im Ruhrgebiet. Daraus hab ich Sachen gesucht, die zusammen passen und die die Geschichte des Ruhrgebiets abbilden. Das Material bezieht sich auf die Region und speziell auf Bochum, um für die Zuschauer Anknüpfungspunkte zu schaffen. Es ist eine neue Arte der Kinovorführung, bei der man auf das Publikum oder das Kino speziell eingeht und verschiedene Materialien zeigen kann.  Auch unfertige Sachen, kleine Premieren oder Bilder, Töne und Filme, die nicht in einem professionellen Verwertungskontext stehen. Also keine Auftragsproduktion oder Fernsehproduktion, sondern einfach auf Wanderungen oder Recherchen gesammelte Materialien.

In welcher Form wird das Material dann gezeigt?

Das läuft nicht nach Plan ab. Ich hab zwar schon ne Vorstellung im Kopf, aber ich will, dass die Bilder wirken. Meine Bilder,  sind ganz stark von der Fotographie her geprägt. Ich komme ja aus der Ecke, also nicht vom Journalismus, sondern von der Fotographie und hab auch Film studiert in Dortmund. Dadurch fühl ich mich eher wie ein Ethnologe. Wenn ich unterwegs bin beobachte ich, wo Gefühle ablaufen und andere non-verbale Kommunikationsformen,  wie Körpersprache. Das bearbeite ich dann in der Montage und versuche genau das heraus zu arbeiten und auf den Punkt zu bringen. Was mich immer interessiert sind Forschungsgebiete wie die Love Parade oder die Jugendmesse „You“ in Essen. Dabei interessiert mich, was für Formen des Umgangs untereinander ablaufen oder was sich über Codes vermittelt, z.B. übers Tanzen oder bestimmte Handbewegungen. Da gucke ich gerne genau hin und verdichte das bei der Montage dann.

Ausschnitt der Collage "Nomadsland": Ein verlassenes Gebäude in Dortmund

Ausschnitt der Collage "Nomadsland": Ein verlassenes Gebäude in Dortmund

Bietet das Ruhrgebiet auch nach 30 Jahren noch genug Themen?

Das Ruhrgebiet ist ja riesig mit 5,4 Millionen Einwohnern. Es ist eine große Region mit ähnlichen Strukturen. Die Städte haben ähnliche Probleme, aufgrund der gemeinsamen Geschichte und diese Probleme äußern sich in ganz bestimmten Problemfeldern. Ob das jetzt ne hohe Arbeitslosigkeit  oder Armut ist, aber auch Probleme, wie man mit den ehemaligen Industrieanlagen umgeht. Das ist ein Thema, das mich nach wie vor interessiert auch im Kontext der Kulturhauptstadt 2010. Die Umstrukturierung ist aber nichts neues. Sie gibt es schon seit mindestens 15 Jahren,  zumindest in der besonderen Veräußerlichung durch z.B. die Jahrhunderthalle oder das Gasometer. Mal sehen, ob die Kulturhauptstadt einen weiteren Schub bringt in die Richtung zu denken, dass die Menschen hier ein Heimatgefühl im positiven Sinne entwickeln können. Durch solche Industriedenkmäler, die von den Menschen genutzt werden können und gleichzeitig vielleicht auch Erinnerungen wachrufen.

Hat das Ruhrgebiet den Wandel von Kohle zu Kultur erfolgreich geschafft?

Das ist natürlich nur ein Aspekt der Problematik. Man kann aber sagen, dass es was Positives ist durch Kultur was bewegen zu wollen. Die verschiedenen Ansätze das ist ja auch was Verbindendes, das heißt Menschen treffen sich vor Ort, reden miteinander und feiern Feste zusammen. Das ist ein guter Ausgangspunkt um über andere Dinge zu sprechen und nicht einfach nur depressiv zu werden.

Fazit:

Ein Kino-Erlebnis der etwas anderen Art: Das unkonventionelle Material und die improvisierte Vortragsweise ist sicher nicht etwas für Freunde von Hollywoodstreifen. Für Kunst- und Filminteressierte bietet die Filmreihe die Möglichkeit den Regisseur kennenzulernen und im anschließenden Filmgespräch das Gesehene zu diskutieren. Ein ungewöhnliches Programm, mit ungewöhnlichen Regisseuren für einen überraschenden Kinoabend!


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