Der Weltverbesserer: Patrice

Der Musiker Patrice beweist aktuell seine Qualitäten als Allrounder: von analoger Aufnahme mit klassischen Orchestern bis hin zur Produktion vielversprechender Kulturprojekte. pflichtlektüre hat den 31-jährigen Kosmopoliten während seiner „ONE“-Tour in Dortmund getroffen und mit ihm über Publikumsnähe, die Zukunft der Musikindustrie und Integration in Deutschland gesprochen.

"Ich will mit meiner Musik die Welt verändern!" Foto: Sebastian Schaal

"Ich will mit meiner Musik die Welt verändern!" Foto: Sebastian Schaal

Patrice lächelt verschmitzt, als er unseren mitgebrachten Glückskeks öffnet. „Du wirst dieses Jahr mehr reisen als in der Vergangenheit“, liest er vor. Selten lag ein Glückskeks weiter daneben als in diesem einen Fall. „Ich bin gerade auf Tour, das heißt, ich bin schon sehr viel gereist, das stimmt. Aber ich habe auch noch einige Reisen vor mir.“ Streng genommen gleicht Patrice‘ gesamtes Leben einer beeindruckenden Expedition. Als Jugendlicher tourt er mit Lauryn Hill und den Black Eyed Peas, später spielte er sowohl mit Dancehall Soundsystems als auch für diverse Reggae-Legenden. Zudem produzierte er unter anderem für Cee-Lo Green von Gnarls Barkley oder Xavier Naidoo. 2008 wählte Barack Obama Patrice als Vorprogramm für seinen Besuch in Berlin aus.

Patrice, du hast bereits allerhand erlebt und zeigst musikalisch eine gewaltige Vielfalt und Kreativität, sowohl als Sänger als auch als Komponist und Produzent. Wohin geht deine Reise noch?

Patrice: Ich denke, sich auf eine gewisse Art und Weise kreativ auszudrücken, ist der Sinn des Lebens. Neben anderen Produktionen würde ich gern nach Kinshasa (Kongo) fahren, um dort mit einem Streichorchester zu arbeiten. Die Leute sagen dann: ‚Was? Ein klassisches Streichorchester im Kongo? Killer!‘ Ich liebe halt Anti-Klischee-Geschichten. Sachen, die kein Mensch erwartet.
Nebenher drehen meine Crew und ich gerade eine Doku-Reihe, die wir dann im Internet laufen lassen. Viele kleine Filmchen, die uns bei der Arbeit zeigen und eine Geschichte erzählen. Dafür haben wir gerade in Paris gedreht. Und natürlich werde ich noch weitere Singles von „ONE“ rausbringen. Das Album wird ein langes Leben haben, daran werde ich noch viel arbeiten. Demnächst erscheint die Platte auch in England und den USA – da bin ich gespannt. Im Sommer stehen dann die Festivals an.

Ein straffes Programm steht dem Weltmusiker bevor, der jüngst zum zweiten Mal Vater geworden ist. Neben der Betreuung der eigenen Familie steht noch ein weiteres Projekt auf dem Plan: Die musikalische Untermalung einer Dokumentation – live.

Was planst du da genau?

Patrice

"Offenheit spricht für Intelligenz". Foto: Sebastian Schaal

Patrice: Wir wollen J.R.s Film ‚Women are Heroes‘ auf einer Großleinwand zeigen und von einem Orchester begleiten lassen. So wie früher im Stummfilm, als der Pianist auf die Bilder gespielt hat. Dazu sollen weitere Mitwirkende auftreten, wie die Trip Hop-Pioniere Massive Attack. Das wird killer, ist aber auch ein großes Vorhaben.

J.R. ist ein französischer Street Art-Künstler, der auch das Cover von Patrice‘ neuesten Album „ONE“ gestaltet hat, das er gerade auf Tour vorstellt. Die beiden arbeiteten in Frankreich zusammen, der neuen Wahlheimat des gebürtigen Kölners.

Welche Bedeutung hat der Titel „ONE“ für dich?

Patrice: ‚ONE‘ stellt für mich die Einheit dar, das Zusammenkommen aller Kulturen und Stile.

Wie sollte sich deiner Meinung nach die in Deutschland lebende Jugend verhalten, damit die Integration leichter und besser verläuft?

Patrice: Sie sollte unbefangener und vor allem offener auf andere Menschen zugehen, jeder Einzelne. Jeder sollte sich seine eigene Meinung bilden und sich die anderen Kulturen genauer anschauen. Deutschland hat ein großes Kulturerbe im Sinne der Dichter und Denker. Es gab hier krasse Geister – nur leider sinkt das Niveau immer mehr in Deutschland. Offenheit spricht für Intelligenz. Du kannst den Leuten natürlich nicht sagen: ‚Los, jetzt mag den!‘ Das ergibt sich mit der Zeit.  Aber wenn du nicht offen bist, besteht keine Möglichkeit, dass so etwas entstehen kann.

"Ich habe viel Basisarbeit in Frankreich geleistet". Foto: Sebastian Schaal

"Ich habe viel Basisarbeit in Frankreich geleistet". Foto: Sebastian Schaal

Das gilt doch aber nicht nur für Deutsche?

Patrice: Nein, natürlich nicht. Das sag ich zu Jedem; zu Deutschen und auch den in Deutschland lebenden Ausländern. Alle müssen offen aufeinander zugehen. In Amerika beispielsweise steht selbst der letzte Mexikaner mit gebrochenem Englisch da und fühlt sich als US-Bürger. Die Amerikaner haben es geschafft, dass die Leute stolz sind, an dieser Nation teilzuhaben. Ich glaube, dass das in Deutschland auch mehr passieren muss, egal ob das Türken oder Araber sind – so dass die Leute sich das auch mehr auf die Brust schreiben können: Ich bin deutsch!
Ich bin kein Fan von Nationalismus, es ist keine Leistung, als Deutscher geboren zu sein –  man sollte sich aber nicht dafür schämen müssen, aus einem bestimmten Land zu kommen. Je mehr Gutes an Kultur – wie Musik beispielsweise – aus Deutschland kommt und auch im Ausland bekannt wird, desto mehr werden sich die Leute auch integrieren wollen und damit brüsten: ‚Ja, ich komme auch aus Deutschland‘.

Patrice versucht selbst, mit gutem Beispiel voranzugehen. Dies gelingt ihm vor allem in Frankreich, wo der Wahlpariser wie ein Superstar gefeiert wird. Über 8.000 Besucher kommen dort zu seinen Shows, kreischende Mädchen an vorderster Front. Hierzulande hingegen ist die Zahl kleiner. In Dortmund kamen nur gut 1.000 Fans zu seinem Konzert.

Wie kommt es, dass du in Frankreich so einen immensen Status hast, während es in Deutschland bisher kaum zu kommerziellem Erfolg gereicht hat?

Patrice: Ich habe viel Basisarbeit in Frankreich geleistet. Ich bin mit einem Sprinter in jedes Dorf gefahren und hab dort gespielt. Meine erste EP „Lions“ (2000) hat dort die Volksseele und den Style angesprochen. Einfache World/Singer-Songwriter-Musik und ihre Botschaft. Das hab ich dann durch weitere Konzerte und Kontakt zu den Menschen immer weiter ausgebaut.

Ist das in Deutschland nicht der Fall gewesen?

Patrice: Nicht direkt. In Deutschland bin ich der Prophet im eigenen Land, obwohl viele wohl nicht wissen, dass ich Deutscher bin (lacht). Eine gesunde Basis, die mich als Künstler mag und unterstützt ist zwar da, aber mein Erfolg hängt von meiner jeweils letzten Single ab. Was letztlich aber Erfolg ist, auf den man nicht bauen kann, da die Leute nicht immer da sind. Daher arbeite ich lieber auf ein gutes Album hin.

Gab es da nicht mal Druck vom Management, nach dem Motto: „Pass mal deinen Stil an, sonst verdienen wir kein Geld?“

Patrice liest die frohe Botschaft. Foto: Sebastian Schaal

Patrice liest die frohe Botschaft. Foto: Sebastian Schaal

Patrice: Nein, ich mach nur das, was ich will. Das richtet sich nicht nach kommerziellen Maßgaben. Natürlich muss man etwas kommerziellen Erfolg haben, damit ich meine Alben produzieren kann, klar – aber auf der anderen Seite, wenn ich ein Album mache, muss es absolut mit dem kompatibel sein, woran ich glaube und was ich machen will. Früher gab’s auch große Singles und Künstler, die sowohl musikalisch gut waren als auch als Künstler erfolgreich. Wenn, dann will ich das so erreichen. Ich mach Musik, um die Welt zu verändern, nicht um für jeden Preis Erfolg zu haben. Man muss für etwas stehen.

Diese Bodenständigkeit möchte Patrice Bart-Williams, so sein bürgerlicher Name, auch in der digitalen Welt zeigen. Mit vielen Live-Gigs vor kleinem Publikum, einem Studio-Blog, einem Tour-Blog und diversen Seiten in der Social Media-Welt bietet er Patrice zum „anfassen“.

Du wirkst wie ein sehr greifbarer Star. Ist das die Zukunft für Musiker, sich so seine Fanbasis zu wahren, wenn man mit CDs kein Geld mehr verdienen kann?

Patrice: Ich denke schon. Ich bin niemand, der viel auf Social Networks abhängt, aber ich habe die Wichtigkeit dieser Interaktion erkannt. Wenn man irgendwann gar kein Geld mehr mit Platten verdient, muss man dafür gesorgt haben, dass man direkten Zugang zu den Fans erhält. So erfahren sie, wo sie gegebenenfalls die Musik beziehen können. Das wird dann wohl direkt über die Websites passieren, physisch eher nur noch über Special-Boxen mit Goodies für Liebhaber und Sammler. Die neue Generation funktioniert eben komplett anders. Die digitale Welt wird ein immer größerer Teil im Alltag – wir müssen halt mit der Zeit gehen.

Zum Abschluss überreichen wir ihm einen zweiten Glückskeks, in der Hoffnung, dass diesmal etwas Brauchbareres dabei rumkommt. „Du bekommst ein großes Haus und viel Liebe“, ruft er feierlich. „Endlich!“ Naja, hätte ja klappen können.

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