Zwei Stunden Zeit… Fahrrad reparieren

Dicke Bücher belasten den Rücken, im Kino zahlt man für Überlänge drauf. Zeit ist Geld – im wahrsten Sinne. Wofür also die knappe Freizeit verwenden? Wir lesen, spielen und schauen für euch – nach zwei Stunden hören wir auf. Entweder, weil wir fertig sind oder weil die Zeit um ist. Heute wird das Fahrrad repariert. Wird auch mal Zeit. Dafür geht es in die VeloKitchen in der Dortmunder Nordstadt. Der Wecker ist gestellt, los geht’s:

In der VeloKitchen gibt es Werkzeug und Hilfe kostenlos. Foto: Pflichtlektüre/Lawall

Als Student im Sommer ohne Fahrrad? Undenkbar. Doch um seinen Drahtesel auf Vordermann zu bringen, fehlt es dann meistens am Know-How, dem richtigen Werkzeug oder einfach am Geld für die Werkstatt.

In der VeloKitchen gibt es Werkzeug und Know-How. Kosten tut das ganze nichts. Nur um eine Spende für die benutzten Teile und Werkzeug wird gebeten: „Soviel, wie du denkst, dass wir nächste Woche noch hier sein können“. Jeden Montag von 18 bis 21 Uhr kann man hier unter Anleitung der ehrenamtlichen Profischrauber sein Rad flott machen. Seit sechs Jahren gibt es die VeloKitchen schon. Der Vermieter des Wohnblocks fand das Projekt so gut, dass er die Garage im Innenhof und die dazugehörige 2-Zimmer Wohnung samt Küche zur Verfügung stellt. Hier gibt es für hungrige Tüftler auch Abendessen. Natürlich vegan und auch gegen eine Spende.

Als ich um 19 Uhr dort ankomme, ist viel los. Ich mache mich gleich ans Werk, denn in zwei Stunden wird hier wieder dicht gemacht. 

Schnelldurchlauf

Das Ziel: aus meinem Rennrad soll heute ein Singlespeed werden. Also nur noch ein Gang statt sechzehn. Außerdem brauche ich auch noch eine neue Kette. Dafür brauche ich Spezialwerkzeug. Und vor Allem: Ahnung. Die habe ich nämlich nicht. Wer einmal Hand an sein Rad anlegt, wird merken, dass das eine Wissenschaft für sich ist. 

Foto: Pflichtlektüre/Lawall

Anfangs irre ich etwas verloren durch die Werkstatt. Alle haben zu tun und ich kann nicht genau zuordnen, wer sich hier auskennt und wer nicht. Ich versuche erst einmal, nicht im Weg zu stehen und mir mein Werkzeug selber zu suchen. Ohne Erfolg. Zehn Minuten sind vergangen ehe ich anfange, mich durchzufragen. Mit dem richtigen Werkzeug ist der alte Zahnkranz ruckzuck abgeschraubt. In der Garage finde ich die passenden Distanzringe für das neue Zahnrad. Neben mir lernen zwei Jungs vom Profi, wie man einen Achter aus seiner Felge bekommt. Gar nicht so schwierig eigentlich. Man braucht nur die nötige Geduld. Mittlerweile haben schon mehrere Kenner mein Projekt begutachtet und einige wichtige Ratschläge gegeben. Und wenn zwei Hände mal nicht ausreichen, ist immer auch eine dritte, vierte oder auch fünfte hilfsbereite Hand zur Stelle. „Essen ist fertig“, höre ich aus Richtung Küche. Ich habe aber keine Zeit zum Essen.

Jetzt muss noch die neue Kette drauf und ich kann endlich wieder fahren. Aber wie bekommt man eigentlich eine Fahrradkette zusammen und wie fest muss sie gespannt werden? Ich frage nach. Die Antwort ist ausführlich. Ein freundlicher Mann montiert die Kette und erklärt. Er ist eigentlich keiner von den ehrenamtlichen Mitarbeitern hier. 

Momentaufnahme

„Da hat doch einer gepfuscht“, höre ich über meiner Schulter, als ich mein Hinterrad ausbauen möchte. Natürlich bin ich gemeint. Das Rad ist ein paar Millimeter breiter als es der Rahmen erlaubt. Bisher hat das mit ein wenig Gewalt immer funktioniert. Es dauert natürlich nicht lange, da steht auch schon eine Kommission von Sachkundigen um mein Fahrrad, um mögliche Lösungen zu verhandeln.

Langatmig

Jeder hat einen Vorschlag, wie mein übergroßes Hinterrad wieder in den Rahmen passt. Foto: Pflichtlektüre/Lawall

Mir bleibt nichts übrig als zu warten bis das Schrauber-Tribunal sich geeinigt hat. Alle schildern, wie sie selbst schon mal dieses Problem bezwungen haben. Die geballte Fachkompetenz präsentiert mehrere Wege, die mein Hinterrad in den Rahmen zurück bringen könnten. Irgendwann einigen sie sich dann auf die komplizierteste der Methoden. Achse kürzen, einen Abstandsring an der Nabe entfernen. Dann braucht es noch längere Speichen, um das Rad wieder zu zentrieren. Ich schaue auf die Uhr. Noch eine Dreiviertelstunde. Die ausufernde Hilfsbereitschaft bringt mich aus dem Konzept. Die Experten entfernen sich langsam wieder und ich baue alles auf die Ausgangs-Pfusch-Konfiguration zurück.

Kurzweilig

Neben dem pragmatischen Ziel, der Fahrradmontage, erlebe ich die Zeit in der VeloKitchen auch als sehr lehrreich. In etlichen Gesprächen werde ich in die edle Wissenschaft des Fahrrads eingeführt. Der Austausch über die Räder und wie man sie richtig zusammenschraubt, bringt eine willkommene Abwechslung zum bloßen Schrauben und die Zeit verfliegt. Die eigentliche Arbeit ist am Ende doch schneller erledigt als geglaubt. Zwanzig Minuten vor Ultimo ist die neue Kette montiert und auch alle anderen Kleinigkeiten sind behoben. Und ich finde sogar noch jemanden, der mir meine Hinterradkonstruktion glaubhaft als absolut alltagstauglich bestätigt.

Zeit Um

Meine Hände sind schwarz, das Fahrrad fährt und ich weiß ein bisschen mehr als heute morgen beim Aufstehen über Fahrräder. Optimale zwei Stunden also. Mittlerweile ist der Hof fast leer. Ein paar Leute sitzen noch in der Küche und unterhalten sich über fahrradferne Themen. Das Essen ist leider schon aufgegessen. Das heißt wohl, dass es geschmeckt hat. Ich verabschiede mich von allen und trete stolz in die Pedale. 

Mein Fazit: Wer ein Problem mit seinem Fahrrad hat, sollte unbedingt zuerst in der VeloKitchen vorbei schauen. Wer kein Problem mit seinem Fahrrad hat, kann auch hingehen – es wird bestimmt eines entdeckt…

Fotos: Pflichtlektüre/Pablo Lawall