Voll bratzige Musik

Am Montagabend ging es im Bahnhof Langendreer laut und schnell zur Sache:  „Zu klugen Texten kopflos tanzen“ war Programm der Hamburger Elektropunk-Duo Bratze, die ein chilliges und zugleich tanzfreudiges Publikum mit gesellschaftskritischen und philosophischen Lyrics und elektronischer Musik begeisterten.

Synthesizer, Gitarre und tiefsinniger, deutschsprachiger Gesang. Foto: Louise Seidenstücker

Bratze - das sind Synthesizer, Gitarre und tiefsinniger, deutschsprachiger Gesang. Foto: Louise Seidenstücker

Von 15 bis Mitte 40 war alles dabei: Die drei Schülerinnen Jenny Henke (15), Nadine Betzholz (16) und Charlotte Schwab (17) sind begeisterte Anhänger der Band: „Wir haben die schon auf mehreren Festivals gehört“, sagte Jenny.

Die zwei Hamburger Jungs Kevin Hamann und Norman Kolodziej sind schon lang kein Geheimtipp mehr in der Fan-Community des Elektro-Punks. „Die sind nicht so Mainstream und man kann einfach super zu der Musik tanzen“. Außerdem ist bei denen immer gute Stimmung“, fügt Charlotte hinzu. Bratze sei das „Gegenstück zu Schlager“, findet Nadine.

Bandgründung beim Grillen

Kevin und Norman tiefenentspannt vor ihrem Auftritt. Foto: Louise Seidenstücker

Kevin und Norman tiefenentspannt vor ihrem Auftritt. Foto: Louise Seidenstücker

2006 haben die beiden Musiker das Elektropunk-Projekt Bratze gegründet. Beide kamen vorher bereits aus dem Umfeld des Labels Audiolith Records und kannten sich durch gemeinsame Touren. „Irgendwann beim Grillen haben wir uns dann überlegt, ach komm‘, wir machen das mal! Unser Label-Chef meinte dazu „ihr spielt doch bestimmt voll bratzige Musik“, so ist dann unser Name entstanden, erinnert sich Kevin, der Leadsänger des Duos. „Unser erstes Album hat er veröffentlicht, ohne es sich vorher angehört zu haben.“ Die Resonanz auf ihren ersten gemeinsamen Song „Jean Claude“ war im Vorfeld so enorm, dass der Labelchef vollstes Vertrauen in die zwei Musiker setzte.

Kevin Hamann und Norman Kolodziej sind hauptberuflich Musiker. Neben „Bratze“ sind sie auch solo unterwegs oder mit anderen Projekten beschäftigt: Norman ist bereits seit 23 Jahren im Musikbusiness. Er ist Rapper in einer Band – „völlig talentfrei“, wie er selbst sagt – und hat kürzlich eine Jazzplatte rausgebracht, „obwohl er davon null Ahnung hat“ und produziert auch andere Bands. „Da geb‘ ich mir dann richtig Mühe“, sagt der 35-Jährige. Kevin (32), der gelernter sozialpädagogischer Assistent ist, hatte sein erstes Konzert 1994. Er findet es wichtig, „seinen Horizont zu erweitern, indem man sich zum Beispiel auch mal mit anderen Musikern austobt“.

Musikalisches Schmankerl

Die Stimmung vor dem Konzert war chillig und entspannt. Foto: Louise Seidenstücker

Die Stimmung vor dem Konzert war chillig und entspannt. Foto: Louise Seidenstücker

Mit Titeln wie „Ohne das ist es nur noch laut“, „Strafplanet“ oder „Die auswendigen Muster“ rockten die zwei selbst bezeichneten „alten Hasen“, die aktuell auf Deutschlandtour sind, 75 Minuten lang die Bühne und sorgten mit Synthesizer und Gitarre ordentlich für Stimmung. Heiko Schwegmann vom Bahnhof Langendreer bezeichnet die außerhalb der Bühne eher tiefenentspannten Künstler als „musikalisches Schmankerl“ aus einer Reihe namhafter elektonischer Acts, die bis April 2013 im Bochumer Kulturbahnhof noch auftreten werden.

Obwohl die zwei Hamburger sich selbst nicht allzu ernst nehmen – ihre Musik und die deutschsprachigen Texte sind nicht völlig sinnfrei –  soll man sie ergründen und nicht „platt Parolen in den Orbit brüllen“. Kevin erklärt: „Unsere Texte schreibt meistens das Leben – auch wenn sie manchmal voll dada sind“, sinniert er, der laut eigener Aussage „eigentlich nur seine Konzerte spielen, mal ´ne Shisha rauchen und sonst seine Ruhe haben will“.

Aber egal ob es 80 oder 250 Leute sind – auf der Bühne geben Kevin und Norman immer alles. Denn obwohl sich der angeschlagene Kevin am Montag nur mit Medikamenten auf den Beinen halten konnte, hat er erst ein einziges Mal ein Konzert abgesagt. Auch ans Aufhören denkt das Duo noch lange nicht: „Da kommen wir so schnell nicht mehr raus“, stellt Kevin fest. Darüber werden Bratze-Fans sich sicher sehr freuen. Und sehen kann man das Elektropunk-Duo in den nächsten vier Monaten in 40 weiteren Shows in ganz Deutschland.