Brennpunkt Griechenland – Medien unter der Lupe

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Wie „einäugig“ ist die deutsche Medienberichterstattung zu Griechenland? – Zu dieser Frage luden die Fakultät für Kulturwissenschaften und das Institut für deutsche Sprache und Literatur der TU Dortmund am 26. Juni zur Diskussion ein. Sechs Vorträge sorgten im Internationalen Begegnungszentrum für rege Debatten.

Als Anspielung auf Hart aber Fair trug der erste Vortrag den Titel „Pleite, Beleidigt, Dreist – Müssen wir diese Griechen retten?“. Nicht nur zugespitzt, sondern auch ernst gemeint seien die Themennamen der Polit-Talksendungen, die sich mit Griechenland beschäftigen, sagten Matthias Thiele, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für deutsche Sprache und Literatur an der TU Dortmund, und Rainer Vowe, Medienwissenschaftler an der Ruhr-Universität Bochum. Dazu zeigten sie in ihrem Vortrag Ausschnitte aus politischen Talkshows.

Sie kritisierten Diskussionsrunden wie Anne Will, Maybrit Illner oder Hart aber Fair, sowohl auf inhaltlicher als auch auf bildlicher Ebene. Als Beispiel wurde unter anderem das bekannte Video des Mittelfingers Varoufakis‘ angesprochen. Nach Thiele und Vowe agieren die Moderatoren parteilich statt objektiv und bemühen sich nicht um Vermittlung und Lösungen. Das Fernsehpublikum erhält keine ausreichende Informationen und ist daher in seiner Meinungsbildung eingeschränkt.

„Es wird sich lustig gemacht über die neue griechische Regierung.“

Stattdessen würden Politiker wie der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis von den Medien als „Halbstarker“ dargestellt, seine Partei Syriza sei schon vor den Parlamentswahlen im Januar lächerlich gemacht worden.

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Bekanntes Symbol in den Medien: Die Griechenlandflagge. Foto: Gerd Fischer / pixelio.de

Griechenland – „Die griechische Kuh, die es vom Eis zu schieben gilt“ – ist für Thiele und Vowe ein „Sprechbild“ der Medien, ähnlich dem medialen Bild von Lehrern und „griechischen Schülern“, die ihre Hausaufgaben machen sollen. Politik und Journalismus sind von Bildern und Symboliken dieser Art abhängig. Jürgen Link, Literaturwissenschaftler, sprach in seinem Vortrag in diesem Zusammenhang von einem „symbolischen Rahmen“.

Elementar ist dabei die „Wir-Sie-These“. „Wir“, das sind die Deutschen, manchmal auch die Europäer. „Sie“, das sind die Griechen. Dieser Sprachgebrauch spiegelt sich in den deutschen Medien insbesondere in den Schlagzeilen wider. „Und DIE wollen UNSER Geld?“ titelte zum Beispiel Bild.de am 20.06.2011. Das „wir“ steht für Normalität, das „sie“ für das Abnorme. Dadurch entstehen laut Link unterschiedliche Normalitätsklassen. Link kritisiert, dass es als „normal“ angesehen werde, dass Griechenland „sich nach unten korrigieren und sich an Armut gewöhnen solle“ – während es unvorstellbar wäre, wenn diese Forderung sich an Deutschland richten würde.

Die rund 40 Zuhörer reagierten zum Teil emotional auf die Vorträge. So war eine Zuhörerin geplättet von der „gewaltigen Gewalttätigkeit der Talkshows, die man jetzt voll in die Fresse bekommt.“ Eine andere Zuhörerin berichtete, dass sie Polit-Talkshows als „Körperverletzung“ wahrnehme.

Die Vortragenden appellierten, dass die deutsche Medienlandschaft nicht nur ihr „deutsches Auge“ benutzen, sondern auch ihr „griechisches Auge“ öffnen soll, um eine fairere Berichterstattung über Griechenland gewährleisten zu können.

Teaserfoto: S. Hofschlaeger / pixelio.de

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