Wenn die Spannung zu groß wird: Herzinfarktrisiko beim Fußballgucken

Deutschland spielt gegen Ghana um den Einzug ins Achtelfinale. Wir schreiben die 26. Minute: Mesut Özil hat gerade eine Großchance vergeben, da bekommt Ghana auf der Gegenseite einen Eckstoß. Asamoah flankt in die Mitte, Neuer greift voll am Ball vorbei, Phillip Lahm rettet auf der Linie.

Während eines Fußballspiels gilt für Rettungsdienst und Kardiologie höchste Alarmbereitschaft. Foto: pixelio

Während eines Fußballspiels gilt für Rettungsdienst und Kardiologie höchste Alarmbereitschaft. Foto: Arno Bachert /pixelio

Es gibt Momente im Fußball, da bleibt einem das Herz stehen. Jeder Fan kennt dieses Gefühl, wenn der Körper in kurzer Schockstarre verharrt, bevor das Gehirn die Geschehnisse auf dem Platz verarbeitet hat und sich große Erleichterung oder tiefe Enttäuschung ausbreitet. In diesem Fall zum Glück Ersteres.

„Der Ball ist rund und das Spiel dauert 90 Minuten“, hat Sepp Herberger einmal haarscharf analysiert und in diesen 90 Minuten erleben Fans so manches Auf und Ab. Besonders Spiele, bei denen es um etwas geht, rufen großen emotionalen Stress hervor. Und bei der WM gibt es fast nur Spiele dieser Sorte.

Steigendes Herzinfarktrisiko

Aber kann solch emotionaler Stress gefährlich für die Gesundheit werden? Eine Studie, die im Rahmen der WM 2006 durchgeführt wurde, zeigt, dass emotionaler Stress während eines Fußballspiels Herzprobleme verursachen kann. Forscher der Uniklinik München haben über den Zeitraum der Weltmeisterschaft rund um München und in den Stadien alle klinisch relevanten Ereignisse registriert, die das Herz- und Gefäßsystem betrafen. Dazu gehörten Herzrhythmusstörungen, notwendige Reanimationen oder auch Herzinfarkte. Diese Daten verglichen die Spezialisten mit Daten aus demselben Zeitraum der vorangegangenen Jahren. Das Ergebnis ist deutlich: An Spieltagen mit deutscher Spielbeteiligung war die Anzahl der Zwischenfälle dreimal so hoch wie der Durchschnitt. Vor allem Männer mit vorher bekannten Herzproblemen mussten häufiger behandelt werden.

Überraschend war dieses Ergebnis nicht. „Es gab bereits vorher Studien, die zeigen, dass das Risiko von Herzinfarkten in Stresssituationen steigt“, erklärt Dr. med. Jochen Müller-Ehmsen, Oberarzt in der Kardiologie der Uniklinik Köln. So belegte bereits in den 1990er Jahren eine Studie das erhöhte Herzinfarktvorkommen im Zusammenhang mit einem schweren Erdbeben in Los Angeles. „Erstaunlich ist jedoch, dass auch ein vermeintlich harmloser, alltäglicher Stress, wie er beim Fußballgucken vorkommt, zum Infarkt führen kann“, sagt Müller-Ehmsen. Und er stellt fest, dass sich das Ergebnis der Münchener bei der laufenden WM zu bestätigen scheint: „Einer unserer Patienten erlitt einen Infarkt unmittelbar nachdem Lukas Podolski den Elfmeter gegen Serbien verschossen hatte.“

Fußballgucken ist „nicht unrisikoreich“

Ist der psychische Stress während eines Fußballspieles also so groß, dass das einfache Zugucken ein gesundheitliches Risiko darstellt? Um es mit Karl-Heinz Rummenigges Worten zu sagen: Es ist zumindest „nicht unrisikoreich“. „Vor allem Herzpatienten sollten vorsichtig sein“, warnt der Experte Müller-Ehmsen. Neben emotionalem Stress erhöhen auch das Rumsitzen auf der Couch und fettiges Essen das Infarktrisiko. Menschen mit bekannten Herzbeschwerden sollten deshalb besser auf das traditionelle Nervenberuhigungsmittel Currywurst-Pommes verzichten.

Doch auch gesunde Herzen machen während eines WM-Spiels einiges mit. Dr. Müller-Ehmsen hat das am eigenen Leib getestet: Während des Viertelfinalspieles 2006 Deutschland gegen Argentinien machte er bei sich selbst ein Langzeit-EKG und sah seine Herzfrequenz im Laufe des Spiels kontinuierlich steigen. „Beim Elfmeterschießen war ich bei einer Frequenz von 110 angelangt.“ Die Gefahr eines tatsächlichen Infarkts ist bei Herzgesunden jedoch nicht gegeben.

Trotzdem tut jeder seiner Gesundheit einen Gefallen, wenn er sich vom König Fußball nicht zu sehr stressen lässt. Dabei hilft wohl am besten ein alter Trick: Einfach immer daran denken, dass es am Ende eben doch nur Fußball ist; wie Gary Lineker nach Englands Halbfinal-Aus gegen uns bei der WM 1990 feststellte: „Ein Spiel von 22 Leuten, die rumlaufen und den Ball spielen. Und am Ende gewinnt immer Deutschland.“ Wenn das keine beruhigenden Aussichten für das Achtelfinale sind.