Die Vorrunde: Viel Spanisch, wenig Tore

Die Gruppenphase ist vorbei, ab heute geht es im K.o.-Modus um den WM-Titel. pflichtlektüre blickt zurück auf die ersten 48 Spiele. Mit dabei: jede Menge Torwartfehler, ein Fünf-Tage-Weltmeister und zwei Revolutionen.

Es dauerte 55 Minuten, bis die WM so richtig begann. Im Eröffnungsspiel gegen Mexiko lief Südafrikas Tshabalala, der Mann mit dem Namen wie ein Fangesang, allein aufs Tor zu. Im Strafraum zog er ab – ein Strich in den Winkel. Die Gastgeber kassierten kurz darauf den Ausgleich, Mphela traf in der Nachspielzeit den Pfosten. Eine Fußball-Weltmeisterschaft hatte schon schlechtere Auftaktpartien gesehen.

Und täglich grüßt das Streitobjekt: Über die Vuvuzelas wurde in der Vorrunde viel diskutiert. Foto: pixelio.de/User khv24

Und täglich grüßt das Streitobjekt: Über die Vuvuzelas wurde in der Vorrunde viel diskutiert. Foto: pixelio.de/User khv24

Doch es sollte dauern bis zum nächsten Paukenschlag. Während das sportliche Niveau eher in eine Rezession hineinschlitterte, hatte eine hitzige Debatte Hochkonjunktur. Es ging um eine Tröte, die Vuvuzela, weder verwandt noch verschwägert mit Deutschlands Sturmlegende Uwe Seeler. Die Welt hielt sich die Ohren zu. Tinnitus-Patienten ballten die Faust in der Tasche, weil endlich jeder mitbekam, wie qualvoll ein permanentes Dröhnen in den Ohren sein kann. Computertüftler entwickelten einen Filter, um zumindest die Fernsehzuschauer zu befreien. Beschwichtigend stellte das Organisationskomitee ein Vuvuzela-Verbot in Aussicht, sollten Fans die Tröte als Wurfobjekt benutzen. Und wenn sich niemand findet, dann tröten sie noch heute…

Das Ende des „Hausfrauen-Tipps“

Der erste Spieltag lebte vor allem von haarsträubenden Torwartfehlern. Englands Keeper Robert Green setzte dem Versagen die Krone auf. Gegen die USA ließ er einen Schuss von Clint Dempsey passieren, den ein jeder Kreisligatorwart selbst nach einem rauschenden Mannschaftsabend sicher entschärft hätte. Die Welt rollte sich ab, ganz England lief rot an. Ein 19-Jähriger aus Laatzen bei Hannover stellte den Patzer mit Legofiguren nach und verdiente sich seine YouTube-Meriten.

Soccer City, das Finalstadion in Johannesburg: Noch 16 Mannschaften können hin, zwei werden es schaffen. Foto: flickr.com/ User Shine 2010

Soccer City, das Finalstadion in Johannesburg: Noch 16 Mannschaften können hin, zwei werden es schaffen. Foto: flickr.com/ User Shine 2010

Doch selbst die Fehler der Keeper konnten eine mehr als dürftige Torbilanz nicht kaschieren. Nur vier der 32 Mannschaften erzielten in ihrer Auftaktpartie mehr als einen Treffer. Ein 2:1 ist in Tipprunden bekanntlich als „Hausfrauen-Tipp“ verschrien. Wer häufig darauf setzte, lag nur einmal richtig. Zum König der Ergebnisse schwang sich das 1:0 auf, gleich sechsmal in den ersten 16 Spielen.

Nicht viele glaubten daran, dass ausgerechnet die deutsche Nationalmannschaft zwischen all den Enttäuschung brillieren könnte. Doch der Glaube kam zurück, mit 126 Stundenkilometern. Lukas Podolski traf bereits nach fünf Minuten. Klose, Müller und Cacau machten das 4:0 gegen Australien perfekt. Ein Auftakt nach Maß, der die Beobachter außerhalb Deutschlands applaudieren ließ. Hierzulande starrten die Menschen entweder ungläubig auf den Fernseher oder posaunten ein euphorisches „Wir sind wieder wer!“ hinaus.

Französisches Chaos

Ein anderer Favorit stand bereits im zweiten Spiel mit dem Rücken zur Wand. Frankreich, Finalist von 2006 und Weltmeister von 1998, brauchte gegen Mexiko einen Sieg, um das Achtelfinale nicht aus den Augen zu verlieren. Die Mexikaner gewannen mit 2:0. Stürmer Nicolas Anelka beleidigte seinen Trainer Raymond Domenech zwar so, dass es für uns im Französischen noch immer nach einem schmeichelhaften Kompliment klang. Doch dort, wo man der Muttersprache der „Equipe Tricolore“ mächtiger ist, stand die Beleidigung bald darauf in der Zeitung. Anelka musste nach Hause fliegen. Die Mannschaft boykottierte das Training. Kapitän Evra prügelte sich beinahe mit dem Fitnesstrainer. Der Teammanager warf hin und Trainer Domenech musste eine Erklärung der Spieler öffentlich verlesen. Chaos in Frankreich – nur ein paar Tage nach dem Rauswurf von Anelka machte sich wieder ein Flieger mit französischen Nationalspieler an Board auf in die Heimat. Frankreich war raus. Und mit der „Grande Nation“ auch Südafrika, als erster Gastgeber der WM-Geschichte schon in der Vorrunde.

Blick nach vorne: 36.000 Augenpaare schauten sich Deutschland gegen Ghana an. Foto: Jannik Sorgatz

Kollektives Zittern auf dem Friedensplatz: Gegen Ghana kamen 18.000 zum Public Viewing. Foto: Jannik Sorgatz

Nicht annähernd so schlimm kam es für die deutsche Mannschaft im Spiel gegen Serbien. Trotzdem war die Ernüchterung nach dem 0:1 groß. Der „Fünf-Tage-Weltmeister“ kam auf dem harten Boden der Tatsachen an. In Hälfte eins war noch der Schiedsrichter der Sündenbock. Alberto Undiano aus Spanien hatte in 17 Ligaspielen dieser Saison gleich elf Platzverweise verteilt. Sein erstes WM-Opfer wurde Miroslav Klose, der nach zwei Allerweltsfouls vorzeitig zum Duschen musste. Deutschland lag 0:1 hinten, als Lukas Podolski vom Elfmeterpunkt den Ausgleich auf dem Fuß hatte. Der Kölner schrieb Geschichte und verschoss als erst dritter Deutscher bei einer Weltmeisterschaft. Zuvor waren Uli Hoeneß und Uli Stielike gescheitert. Nun eben Lukas „Uli“ Podolski.

Während die DFB-Elf gegen Ghana ein kleines Endspiel, eine Art Sechzehntelfinale absolvieren musste, stand England gegen Slowenien mit dem Rücken zur Wand. Ein 1:0 brachte den „Three Lions“ nach zwei Unentschieden den ersten Sieg – Platz zwei in der Gruppe C, wo die USA mit einem Last-Minute-Treffer gegen Algerien noch den Sprung ins Achtelfinale schafften. Am selben Abend zitterten knapp 30 Millionen Menschen vor dem Fernseher ums Weiterkommen der deutschen Nationalmannschaft. Trotz vieler Abwehrfehler stand am Ende die Null – weil Manuel Neuer die Nerven behielt. Trotz eines ideenlosen Auftritts in der Offensive gewann Deutschland mit 1:0 – weil Mesut Özil nach zig vergebenen Chancen auf die schwierigste Art und Weise traf. Dropkick in den Winkel. Aufatmen in Deutschland.

Favoritensterben: Auch Italien fährt nach Hause

Am Tag darauf traf es nach Frankreich den nächsten Favoriten. Früher reichten den Italienern schon einmal drei Unentschieden in der Vorrunde zum Weiterkommen, zum Beispiel beim Titelgewinn 1982. Auch diesmal hätte es genügt. Doch gegen die Slowakei löste die „Squadra Azzurra“ mit einem 2:3 das Ticket nach Hause. Dabei galt die Gruppe mit den Slowaken, Paraguay und Neuseeland als Geschenk für den amtierenden Weltmeister. Der amtierende Europameister Spanien erreichte nach einer Auftaktniederlage gegen Ottmar Hitzfelds Schweizer durch ein 2:1 gegen Chile noch die nächste Runde.

Italiens Tifosi feiern: Offensichtlich ein Bild von 2006. Foto: flickr.com/User Reza Vaziri

Italiens Tifosi feiern: Offensichtlich ein Bild von 2006. Foto: flickr.com/User Reza Vaziri

Gleich zwei Revolutionen hat der Fußball in dieser Vorrunde erlebt. Erstens: Es fallen so wenig Tore wie noch nie. 99 waren es in den ersten 48 Spielen, gerade einmal zwei pro Partie. Damit haben die Angriffsreihen bislang sogar den Minusrekord der WM in Italien, der Heimat des „Catenaccio“, unterboten, wo 1990 im Schnitt 2,21 Tore fielen. Das torreichste Spiel sahen die Zuschauer beim 7:0 der Portugiesen gegen Nordkorea, sechs Partien endeten torlos.

Die zweite Revolution: Europa hat seine Vormachtstellung eingebüßt. Nur sechs von dreizehn Teams haben das Achtelfinale erreicht. Nun treffen sie in drei rein europäischen Duellen aufeinander, schicken sich gegenseitig nach Hause. Noch vor vier Jahren war selbst das Halbfinale eine kleine Europameisterschaft. Die Nase vorn hatten diesmal die Amerikaner. Neben den USA und Mexiko sind noch Brasilien, Argentinien, Chile, Paraguay und Uruguay dabei. Afrika schaut auf Ghana, das wie schon 2006 als einziges Team vom schwarzen Kontinent die Gruppenphase überstand. Asien ist mit den WM-Gastgebern von 2002, Japan und Südkorea, noch im Rennen.

Vuvuzelas, Torhüter, Schiedsrichter – das Diskussionspotenzial dieser Vorrunde war groß. Getrötet wird noch immer. Der Ball und die Nerven der Keeper flattern weiterhin. Und die Referees zücken weiter rote Karten, wie es ihnen gerade passt. Frankreichs Gourcuff oder Behrami aus der Schweiz flogen für Lappalien vom Platz. Spaniens Villa durfte einem Honduraner durchs Gesicht wischen, gleich mehrere Brasilianer hatten gegen die Elfenbeinküste Glück, das Spiel einigermaßen heil zu beenden, und Slowakei-Keeper Mucha boxte einem Italiener ins Gesicht – gesperrt wurde keiner.

Wer beim Spiel Deutschland gegen England die Hauptrolle spielen wird, zeigt sich am Sonntagnachmittag. Vielleicht ist es bei dieser bislang niveauarmen WM ausnahmsweise einer der Spieler. Fest steht, wie Franz Beckenbauer einst das Duell beider Mannschaften auf der Insel umschrieb: „In Germany, we call it a ‚Klassiker‘.“

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