Das Rennen nach Rio

Überglücklich im Ziel: Rio ruft!

Überglücklich im Ziel: Rio ruft!

Die Teilnahme an den Olympischen Spielen gilt in der Leichtathletik als Krönung einer Karriere. Der Journalistik-Student der TU Dortmund Hendrik Pfeiffer kann sich diesen Traum schon mit 23 Jahren erfüllen. Beim Düsseldorf Marathon gelang ihm die Qualifikation für die Spiele in Rio de Janeiro und das gleich beim Debüt über die „Königsdistanz“ des Langstreckenlaufs. Für uns berichtet er über den Triumph in Düsseldorf und den Weg dorthin.

Das Leben als Langstreckenläufer besteht vor allem aus einer Sache: Training. Sehr viel Training. Im Gegensatz zu Fußballspielern, die fast jedes Wochenende ein Spiel haben, bereitet man sich als Marathonläufer monatelang auf einen großen Höhepunkt vor. Alles ist auf diesen einen Tag ausgerichtet. Wird die Form punktgenau da sein? Spielt das Wetter mit? Und vor allem: Wird sich die ganze harte Arbeit im Vorfeld auszahlen? Diese Fragen hatte natürlich auch ich bei meiner Vorbereitung auf den Düsseldorf Marathon im Kopf.

Vor allem aber überwog eine Sache: Die Vorfreude auf ein Highlight meiner Karriere. Mein Marathon-Debüt! Das erste Rennen über die legendäre Distanz von 42,195 Kilometern. Nicht umsonst haben viele Menschen einen Marathon auf ihrer Liste der Dinge, die man einmal im Leben gemacht haben muss, stehen. Doch ich hatte noch einen weiteren Hintergedanken. Nachdem der Deutsche Leichtathletik Verband die Olympianorm aufgrund der weltweiten Dopingproblematik von 2:12:15 auf 2:14:00 Stunden korrigiert hatte, witterte ich meine kleine Chance auf ein Ticket nach Rio de Janeiro. Klar bin ich mit meinen 23 Jahren noch nicht im besten Marathonalter, aber ich brenne für diesen Sport. Warum soll mir also nicht der ganz große Coup gelingen?

Showdown in Düsseldorf 

Der Start ins Abenteuer Marathon.

Der Start ins Abenteuer Marathon.

So war also plötzlich ein ganz großer Traum geboren und in Düsseldorf sollte es nun zum Showdown kommen. Drei deutsche Läufer haben die Olympianorm in den vergangenen Monaten bereits erfüllt, drei Läufer werden maximal nominiert. Das bedeutete für mich, dass es nicht ausreichen würde, „nur“ die Olympianorm zu erfüllen, sondern ich musste noch schneller sein, als die Nummer drei der Setzliste. Nachdem alle anderen deutschen Mitstreiter, die sich ebenfalls Hoffnung auf die Olympianorm machten, durch Verletzungen und Krankheiten ihren Start am Rhein abgesagt hatten, blieb nur noch einer übrig: Ich.

Und so geriet ich plötzlich völlig alleine in den Medienfokus. In Deutschland hat der Marathon einen ganz besonderen Stellenwert und diese Wucht des öffentlichen Interesses traf mich mit ihrer ganzen Macht. Schon in der Woche vor dem großen Tag häuften sich Pressetermine, Interviews und Artikel in überregionalen Zeitungen. Je näher der Marathon rückte, desto voller wurde mein Terminkalender! Mit jedem Interview schraubte sich die Erwartungshaltung ein Stück höher und wirkte meiner Marschroute, möglichst unbekümmert ins Rennen zu gehen, entgegen.

Eine Mischung aus Stolz über das große Interesse, aber gleichzeitig dem unangenehmen Gefühl falsche Vorschusslorbeeren zu erhalten, prägten die letzten Tage vor dem Marathon. Hinzu kam zu allem Überfluss auch noch eine Verletzung am Schienbein, die meinen Start bedrohte, von einer schlechten Wetterprognose für den Tag des Laufes ganz zu schweigen. War ich überhaupt ausreichend vorbereitet? Immerhin bin ich im Vorfeld nur einmal über 40 Kilometer gelaufen und habe auch das regelmäßige Trinken während des Laufens selten üben können.

Mit Selbstbewusstsein durch den Medienrummel 

Wie soll ich mit dieser Situation umgehen? Zum Glück hatte ich mit meinem Freund und Trainingspartner Tom Gröschel einen ganz wichtigen Unterstützer an meiner Seite. Nicht nur, weil er für mich als Tempomacher und Windblocker in der ersten Rennhälfte fungieren sollte, sondern vor allem als mentale Stütze. Ich besann mich wieder auf meine Stärken: Das Laufen. Nicht ohne Grund habe ich mich für diesen Start entschieden. Die Chance auf die Olympischen Spiele war da, auch wenn sie eher gering war. Mit diesem Selbstbewusstsein vergingen die Pressekonferenzen des Düsseldorf Marathons wie im Flug, obwohl auch hier galt: Es war absolutes Neuland. Bisher kannte ich solche Konferenzen eher als Journalist auf der anderen Seite des Rednerpultes.

Eine völlig neue Erfahrung, aber anders als ein paar Tage zuvor, lernte ich, Kraft aus diesen Terminen zu schöpfen. Ich wandelte den medialen Druck in positive Energie und Glücksgefühle um und erlangte die Unbekümmertheit zurück. Als der Renndirektor des Marathons am Abend vor dem Rennen mit Nachdruck betonte, dass ich einfach erfolgreich sein muss, weil ich dann sogar in den Tagesthemen vorkommen würde und extra ein Kamerateam des WDR für mich nach Düsseldorf kam, empfand ich es nicht mehr als Bürde. Die Leute glaubten an mich!

Mit Vorfreude zum Start

Hendrik Pfeiffer und Tom Gröschel (r)

Hendrik Pfeiffer und Tom Gröschel (r.).

Mit dieser Energie starteten Tom und ich in den alles entscheidenden Tag. Zum Glück beginnen die großen Straßenläufer meistens früh morgens, sodass das quälende Warten wegfällt. Um fünf Uhr morgens klingelte der Wecker. Noch vier Stunden bis zum Start und es gab noch alle Hände voll zu tun. Vom schnellen Wettercheck, das deutlich besser war, als die Prognosen vorhergesagt hatten, über ein ausgiebiges Auffüllen der Kohlenhydratspeicher bis hin zur Abgabe der Getränkeflaschen, die wir während des Rennens alle fünf Kilometer entgegennehmen durften, verging die Zeit wie im Flug.

Dann wurde es richtig ernst. Schon auf dem Weg vom Hotel zum Start schien mein Körper begriffen zu haben, dass er heute etwas Großes leisten muss. Ein ganz besonderes Gefühl der Anspannung und Vorfreude ergriff mich. Das Kamerateam des WDR begleitete mich auf Schritt und Tritt beim Warmmachen, doch das verstärkte dieses Gefühl nur noch. Immer wieder erblickte ich Freunde, Familie und Bekannte, die extra nach Düsseldorf zum Anfeuern kamen. Wenn es klappt, dann hier und heute!

Mit dieser Entschlossenheit, die ich in dem Maße noch nie bei mir selbst beobachtet habe, schaltete der Körper nach dem Startschuss in den Autopilot. Energie sparen – das war die Devise auf den ersten Kilometern. Mein Tempomacher Tom lief wie ein Uhrwerk, sodass ich mich vorerst nicht mit der Uhr befassen musste. Wir kennen uns in und auswendig und ich wusste: Ihm kann ich voll und ganz vertrauen. Drei Minuten und zehn Sekunden pro Kilometer war das angestrebte Tempo und er wachte mit Argusaugen über dieses Tempo. So passierten wir die ersten Verpflegungsstationen wie im Leerlauf und selbst nach der Halbmarathonmarke fühlte sich alles sehr locker an.

Mit wertvollen Tempomachern durch den Wind

Auf der Strecke.

Auf der Strecke.

Wie geplant begleitete mich Tom bis Kilometer 23 und hielt mir den bremsenden Wind sehr gut vom Leib. Zum Glück verpflichtete der Veranstalter einen weiteren Tempomacher. Daniel da Silva aus Brasilien. Genau wie Tom lief er wie ein Uhrwerk. Meine anfangs noch recht große Gruppe schrumpfte nach 30 Kilometern auf drei Mann zusammen und ich war froh, ihn als Mitstreiter bei mir zu haben. Doch ich fühlte mich immer noch unglaublich gut. Wo blieb nur der berüchtigte Einbruch auf dem letzten Drittel, vor dem so viele Marathon-Veteranen warnen? Der Gedanke, dass plötzlich „der Stecker gezogen wird“ beschäftigte mich plötzlich. Irgendwie fühlte sich das Olympia-Tempo zu gut an, trügerisch gut.

Doch zum Glück konnte ich den Gedanken recht schnell wieder verdrängen, als wir die psychologisch wichtige 35 Kilometer-Marke passierten. Ich hatte schon einen beträchtlichen Puffer auf die so wichtige Zeit von knapp unter 2:14 Stunden herausgelaufen und so festigte sich ein wunderbares Gefühl: Die Gewissheit in wenigen Minuten Geschichte zu schreiben. So konnte ich tatsächlich die letzten Kilometer genießen, obwohl meine Beine schon sehr schmerzten. Das Gefühl auf der Ziellinie war unbeschreiblich. Ich habe mir einen Traum erfüllt. Die Qualifikation für die olympischen Spiele.

Lust auf Bewegtbilder von Hendriks Lauf nach Rio? Der WDR hat einen Beitrag über ihn beim Düsseldorf Marathon gedreht. Er ist in der Mediathek hinterlegt.

Fotos: Klaus Pfeiffer

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