Wissenswert: Rhythmusgefühl

Foto: flickr.com/Karen Roe, Rafael Robles L, Lars Kasper, NASA Goddard Photo and Video; Montage: Marc Patzwald, Teaserfoto: S. Hofschlaeger / pixelio.de

Foto: flickr.com/Karen Roe, Rafael Robles L, Lars Kasper, NASA Goddard Photo and Video; Montage: Marc Patzwald, Teaserfoto: pixelio.de / S. Hofschlaeger

Wie ein starres Brett habe ich mich gefühlt, umgeben von lauter Perpetuum Mobiles: Als ich einige Zeit im westafrikanischen Ghana verbrachte, fiel ich nicht nur durch meine helle Haut, sondern auch durch meinen für afrikanische Verhältnisse seltsamen Tanzstil auf. Komplizierte Rhythmen, zu denen die Einheimischen Beine und Arme taktgenau schüttelten, lösten bei mir unkoordiniertes Trampeln aus. Woher rührt so ein miserables Rhythmusgefühl? Bin ich komplexe Rhythmen einfach nicht gewöhnt oder habe ich einen genetischen Defekt?

Fakt ist, dass tatsächlich genetische Defekte existieren, die es für den Betroffenen unmöglich machen Rhythmen zu erkennen. Bezeichnet wird diese Störung als Amusie. Unter Amusie zu leiden bedeutet in vielen Fällen allerdings nicht nur kein Rhythmusgefühl zu haben, sondern keinerlei musikalische Töne wahrnehmen  zu können.

Musik spielt im Leben der Amusiker deshalb keine Rolle. Egal ob „Chabos Wissen Wer der Babo ist“ oder „Die Zauberflöte“: Ein von Amusie betroffener Mensch kann ein musikalisches Stück nicht von einem Geschirrklirren unterscheiden. Wenn wir die neuesten Hits im Autoradio hören, dann klingt das für einen Amusiker als würden wir nonstop durch einen frequenzstörenden Tunnel fahren.

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So tanzen kann nicht jeder – ein schlechtes Rhythmusgefühl lässt viele starr auf der Tanzfläche aussehen Fotos: Gordon Wüllner

Ein prominentes Problem des Nervensystems

So einen Härtefall von Amusie stellt man natürlich nicht fest, wenn man, wie ich, lediglich Probleme hat, afrikanische Rhythmen zu erkennen. Unter den zwölf unterschiedlichen Typen von Amusie, die Experten unterscheiden, gibt es allerdings auch eine bloße Rhythmustaubheit. Che Guevara soll etwa ein Mensch mit so einer Rhythmustaubheit gewesen sein. Eine Erzählung besagt, dass er einen Mambo auf Tango-Musik getanzt haben soll. Dass neben Che Guevara auch viele weitere Personen der Weltgeschichte, wie etwa Sigmund Freud oder Vladimir Nabokov, von Amusie betroffen waren, ist kein Wunder: Auch heute schätzt man, dass ganze vier Prozent der Bevölkerung irgendeine Form von Amusie aufweisen.

Viele unter diesen vier Prozent haben die Störung geerbt, manche wurden durch Schlaganfälle oder Verletzungen an dem auditiven Cortex, dem Hörzentrum der Großhirnrinde, zu Amusikern. Menschen, bei denen die Amusie genetisch bedingt ist, haben in der Regel eine dickere Rinde am auditiven Cortex als andere Menschen. Das heißt, dass sich bei Betroffenen bedeutend mehr graue Substanz als weiße Substanz in den Gegenden des Hirns befindet, die für die Entschlüsselung von musikalischen Tönen zuständig sind.

Die weiße Substanz stellt die neuronale Verdrahtung im Hirn dar. Bei der Wahrnehmung von Musik sind die Verdrahtungen besonders bedeutend, da Geräusche von vielen unterschiedlichen Bereichen im Gehirn analysiert werden, um aus ihnen musikalische Töne wahrnehmen zu können. Ein Teil analysiert etwa die Lautstärke, während ein anderer den Rhythmus analysiert. Wenn die Ergebnisse nicht komplett zusammengeführt werden können, dann kann ein musikalischer Ton nicht als solcher wahrgenommen werden. Die Amusie ist also ein rein neuronales Problem und hat nichts mit Defekten der Sinnesorgane zu tun.

Rhythmusgefühl lässt sich lernen

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Viele afrikanische Kinder wachsen mit komplizierten Trommelrythmen auf. Foto: flickr.com/kaylarjones

Selbstverständlich muss aber nicht jeder Mensch mit miesem Rhythmusgefühl direkt von Amusie betroffen sein. Es kann auch einfach sein, dass man nie versucht hat sein Gefühl für Rhythmus zu trainieren. Rhythmusschwierigkeiten lassen sich überwinden und Rhythmusgefühl lässt sich erlernen. Nicht umsonst gibt es in der Musiklehre Fachbücher über Rhythmik-Lehre.

Bücher, die die Einheimischen aus Ghana nicht mehr nötig haben. Denn bei vielen afrikanischen und auch südamerikanischen Menschen hat die Rhythmusförderung schon sehr früh angesetzt. In Ghana hört man komplexe Trommelrhythmen an jeder Ecke, sei es in der Kirche oder auf dem Marktplatz. So fangen ghanaische Kinder bereits an verschachtelte Polyrhythmen nachzuspielen, bevor sie überhaupt richtig laufen können. Viele Europäer dagegen sind solche Rhythmen nicht gewöhnt. Der Großteil der europäischen Musik ist rhythmisch weniger überladen. Wahrscheinlich sehen deshalb nicht nur ich, sondern auch viele andere Europäer, völlig schusselig aus, wenn sie mit Südamerikanern oder Afrikanern auf der Tanzfläche stehen.

2 Comments

  • Da ich mehrfach gebeten wurde, das Prinzip der Strebetendenz-Theorie auf eine Weise darzustellen, so dass sie auch ein Laie mühelos nachvollziehen kann, füge ich dem obenstehenden Artikel eine solche Erklärung bei. Sie ist unter folgendem Link kostenlos abrufbar:
    http://www.willimekmusic.de/erklaerung-strebetendenz-theorie.pdf
    Bernd Willimek

  • Musik und Emotionen
    Das größte Problem bei der Beantwortung der Frage, wie Musik Emotionen erzeugt, dürfte die Tatsache sein, dass sich Zuordnungen von musikalischen Elementen und Emotionen nie ganz eindeutig festlegen lassen. Die Lösung dieses Problems ist die Strebetendenz-Theorie. Sie sagt, dass Musik überhaupt keine Emotionen vermitteln kann, sondern nur Willensvorgänge, mit denen sich der Musikhörer identifiziert. Beim Vorgang der Identifikation werden die Willensvorgänge dann mit Emotionen gefärbt. Das gleiche passiert auch, wenn wir einen spannenden Film anschauen und uns mit den Willensvorgängen unserer Lieblingsfigur identifizieren. Auch hier erzeugt erst der Vorgang der Identifikation Emotionen.
    Weil dieser Umweg der Emotionen über Willensvorgänge nicht erkannt wurde, scheiterten auch alle musikpsychologischen und neurologischen Versuche, die Frage nach der Ursache der Emotionen in der Musik zu beantworten. Man könnte diese Versuche mit einem Menschen vergleichen, der einen Fernsehapparat aufschraubt und darin mit einer Lupe nach den Emotionen sucht, die er zuvor beim Ansehen eines Films empfunden hatte.
    Doch wie kann Musik Willensvorgänge vermitteln? Diese Willensvorgänge haben etwas mit dem zu tun, was alte Musiktheoretiker mit „Vorhalt“, „Leitton“ oder „Strebetendenz“ bezeichnet haben. Wenn wir diese musikalischen Erscheinungen gedanklich in ihr Gegenteil umkehren (der Ton strebt nicht fort, sondern ich will, dass der Ton bleibt), dann haben wir im Prinzip den Willensinhalt gefunden, mit dem sich der Musikhörer identifiziert. In der Praxis wird dann alles noch etwas komplizierter, so dass sich auch differenziertere Willensvorgänge musikalisch darstellen lassen.
    Weitere Informationen erhalten Sie über den kostenlosen Download des fünfteiligen Artikels „Warum klingt Moll traurig? Die Strebetendenz-Theorie erklärt das Gefühl in der Musik“ des Onlinemagazins „musik heute“ unter dem Link:
    http://www.musik-heute.de/tags/strebetendenz-theorie/
    oder über den kostenlosen Download des E-Book der Universität München „Musik und Emotionen – Studien zur Strebetendenz-Theorie“:
    http://ebooks.ub.uni-muenchen.de/26791/
    Bernd Willimek

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