Wahlkampf im World Wide Web

Wer hat als Student schon noch Zeit, zwischen Hausarbeit und Referatsvorbereitung zu Wahlkampfveranstaltungen zu hetzen oder sich ellenlange Parteiprogramme durchzulesen? Da ist es doch viel einfacher, sich bei der täglichen Surfsession kurz über Rüttgers, Kraft und Co. zu informieren.

Doch wie fit sind die Politiker, wenn es um Wahlkampf im World Wide Web geht? Wir haben uns die Aktivitäten im Netz für euch angeschaut.

1. Homepage

Vielversprechend klingt Jürgen Rüttgers’ Begrüßung auf seiner Internetseite: „Sie finden hier viel über meine politische Arbeit und meine Ziele. Mich interessiert aber genauso, was sie bewegt. Nutzen Sie diese Plattform zum Dialog mit mir.“

Leider kommt der amtierende Ministerpräsident (CDU) genau diesen Versprechen nicht nach. Denn möchte man sich hintergründig über die politischen Ziele des CDU-Spitzenkandidaten informieren, wird man kaum fündig. Nach ganzen acht Zeilen voller Floskeln à la „die Krise als Chance begreifen“ sitzen wir genauso schlau wie vorher vor dem PC.

Seine politischen Ziele handelt Jürgen Rüttgers in acht kurzen Sätzen ab.

Seine politischen Ziele handelt Jürgen Rüttgers in acht kurzen Sätzen ab.

Da erscheint es sinnvoll, das Angebot zum Dialog mit Rüttgers anzunehmen. Doch auch nach einer Woche Warten auf eine Antwort zu unserer Frage nach der CDU-Bildungspolitik, ist unser E-Mailpostfach immer noch leer.

Gelungen ist hingegen die übersichtliche Seitenstruktur. Und dank vieler Fotos und Videos sowie Links zu Rüttgers’ Facebook- und meinVZ-Profil ist für Abwechslung gesorgt.
Doch unsere Enttäuschung über die fehlenden Informationen können auch die Pluspunkte der – aus unerfindlichen Gründen in blau-weiß gehaltenen – Website nicht schmälern.

Zumindest farblich passender gestaltet zeigt sich die Homepage von SPD-Spitzenkandidatin Hannelore Kraft: Auf gedecktem Beige dominieren die Parteifarben Rot und Weiß. Allerdings fehlt es dieser Seite etwas an Übersicht, die Navigation ist am oberen Bildrand versteckt, außerdem ist schon die Startseite ein wenig überfüllt.

Auch konkrete politische Ziele suchen wir hier leider vergeblich, einzig ein Link zum kompletten Wahlprogramm der NRW-SPD ist vorhanden. Auf unsere gezieltere Nachfrage per E-Mail antwortet zwar ein Mitarbeiter der 48-Jährigen, der uns aber nur auf das offizielle Parteiprogramm verweist.

Einen Blick ins private Fotoalbum gewährt Hannelore Kraft.

Einen Blick ins private Fotoalbum gewährt Hannelore Kraft.

Positiv ist zu vermerken, dass sich Kraft als transparente Politikerin präsentiert. Sie gewährt dem Leser Einblicke in ihren Werdegang. Wer den sehr anschaulich gestalteten Lebenslauf durchliest, versteht, wie ihre Herkunft die politischen Ansichten der SPD-Landeschefin geprägt hat. So heißt es dort zum Beispiel: „Wenn es damals schon Gebühren gegeben hätte – ich hätte mir das Studium nicht leisten können.“

Ein zusätzlicher Service: Wer von der Website der Politikerin nicht genug kriegen kann, hat die Möglichkeit, sich einen „Hannelore-Kraft-Bildschirmhintergrund“ runterzuladen – wahlweise für PC oder iPhone.

Was ihre Kollegen aus den großen Parteien versäumt haben, macht Sylvia Löhrmann von den Grünen besser. Sie nimmt auf ihrer Homepage detailliert zu verschiedenen Aspekten ihrer Politik Stellung. So spricht sie zum Beispiel den Klimawandel, die Globalisierung und den Demographischen Wandel an.

Auch was den direkten Kontakt angeht, sticht die Fraktionsvorsitzende heraus: Sie antwortet schon nach vier Tagen persönlich und ausführlich auf unsere Anfrage. Außerdem sind frühere Fragen von Interessierten und ihre Antworten darauf auf der Seite veröffentlicht.

Sylvia Löhrmann spricht als Einzige konkrete politische Ziele an.

Sylvia Löhrmann spricht als Einzige konkrete politische Ziele an.

Zudem sehr informativ sind Löhrmanns Blog, in dem sie von ihren eigenen Erfahrungen im Wahlkampf berichtet, und viele weiterführende Links.

Negativ fällt auf, dass, obwohl Fotos und Videos durchaus vorhanden sind, diese nicht mit den Texten verknüpft, sondern etwas versteckt unter „Medien“ zu finden sind. Beim Layout fehlt uns ferner ein wenig die Kreativität.

Bei Andreas Pinkwart (FDP) fällt hingegen direkt das gelungene Layout auf. Ein Banner mit der „Skyline“ NRWs, samt Kölner Dom, Rheinbrücke und Zeche Zollverein prangt über der Navigationsleiste.

Eigene politische Ansichten suchen wir leider vergebens, da wir ungewollt immer wieder auf die Seite der nordrhein-westfälischen FDP weitergeleitet werden. Auch die Mail, die wir nach einer Woche erhalten, klingt nicht nach einer persönlichen Antwort Pinkwarts, sondern eher nach einem einfachen Standardschreiben. Generell sind alle Texte, inklusive Biographie, nicht vom Innovationsminister selbst verfasst. Der persönliche Touch fehlt also komplett. Dafür wird der Leser hinreichend mit Videos und Fotos versorgt, auch gibt es die Möglichkeit, einen Newsletter zu abonnieren.

Andreas Pinkwarts Homepage regt zum Mitmachen an, auf eine Antwortmail warteten wir aber vergeblich.

Andreas Pinkwarts Homepage regt zum Mitmachen an, leider fehlt der Seite die persönliche Note.

Ein weiteres Plus der Homepage ist die Rubrik „Mitmachen“, unter der man über Foren, Blogs, Veranstaltungen und vieles mehr informiert wird.

Was immer die oben genannten Seiten für Schwächen offenbarten, bei Bärbel Beuermann von den Linken kommt es schlimmer. Sie hat weder eine eigene Website, noch gibt es auf der Homepage der NRW-Linken irgendwelche Informationen zur Spitzenkandidatin. Einzig ein Foto und ihr Name sind dort zu sehen.

2. Social Networks

Was die Quantität angeht, gewinnt Hannelore Kraft den Wettkampf im Social Network. Sie ist gleich bei drei Anbietern vertreten: Facebook, meinVZ und Wer-kennt-Wen.

Bei Facebook allerdings beschränkt sich ihr Edelprofil auf wenige persönliche Informationen. Ihr eine Mail zu schreiben, ist leider auch nicht möglich. Einzig Verweise auf Veranstaltungen, Fernsehbeiträge oder Zeitungsartikel über ihre Person sind in Massen vorhanden. Bei meinVZ sowie Wer-kennt-Wen hat die SPD-Spitzenkandidatin immerhin ein ganz normales Profil. Besonders aufschlussreich sind beide jedoch nicht. Ein paar Wahlkampf-Fotoalben und alberne Pinnwandeinträge helfen nicht wirklich bei der Wahlentscheidung.

Vollkommen dem Edelprofil verschrieben hat sich Jürgen Rüttgers. Sowohl auf Facebook als auch bei meinVZ kann man Fan des Ministerpräsidenten werden. Informationen über politische Themen gibt es aber auch hier kaum. Dafür erfahren wir, dass der CDU-Chef auf die Pet Shop Boys und Beethoven steht. Die meinVZ-Seite ist zudem mehr eine Werbeplattform für die Bewegung „NRW für Rüttgers“ und dank zahlreicher Fotoalben auf beiden Profilen ist es möglich, jeden Schritt seiner Wahlkampftour zu verfolgen.

Nicht wirklich ausführlich: Bärbel Beuermanns Profil bei Facebook.

Nicht wirklich ausführlich: Bärbel Beuermanns Profil bei Facebook.

Sowohl Bärbel Beuermann als auch Sylvia Löhrmann konzentrieren sich ganz auf Facebook. Die beiden Seiten fallen allerdings sehr unterschiedlich aus. Während die Linken-Politikerin nur ganz wenige Informationen und noch nicht mal ein Foto aufweisen kann, betreut die Spitzenkandidatin der Grünen ihr ausführliches Profil offensichtlich selbst. Zwar bietet sie auch relativ wenig politische Orientierungen für unentschlossene Wähler, aber gerade der persönliche Aspekt ist hier das große Plus.

Mit Abwesenheit in sämtlichen sozialen Netzwerken glänzt FDP-Mann Andreas Pinkwart.

3. Twitter

Barack Obama, Al Gore, Hilary Clinton und Co. machen es schon vor: Doch obwohl Twitter wohl die wenigste Zeit für aktuelle Präsenz im Internet in Anspruch nimmt, ist keiner der Spitzenkandidaten dort mit einem eigenen Account aktiv. Neuigkeiten erfahren wir über die Landesverbände der Parteien, beziehungsweise im Fall Rüttgers über die Initiative „NRW für Rüttgers“.

NRW-Spitzenkandidaten sucht man bei Twitter vergeblich.

NRW-Spitzenkandidaten sucht man bei Twitter vergeblich.

Allerdings scheint Twitter generell bei deutschen Politikern noch nicht angekommen zu sein. Auch Angela Merkel, Guido Westerwelle und Sigmar Gabriel suchen wir vergeblich.

Fazit

Was den Wahlkampf im World Wide Web angeht, überzeugt uns keiner der Kandidaten auf ganzer Linie.

Am Besten schneidet wohl noch die Grünen-Politikerin Sylvia Löhrmann ab, die vor allem durch die persönliche Betreuung ihrer Seiten überzeugt. Nicht umsonst bezeichnet der WDR die Grünen auch als die „zweinulligste“ aller Parteien.

Definitiv Nachhilfe in Sachen Präsentation im Netz braucht hingegen Bärbel Beuermann von den Linken. Festzuhalten bleibt also: Obwohl wir schon lange im digitalen Zeitalter angekommen sind, dominieren im Wahlkampf immer noch das Flugblatt, die Infostände in der Innenstadt und die klassischen Reden auf dem Marktplatz.

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