Rollstuhl-Badminton: Es geht um mehr als Gold

Rollen statt rennen: Am Wochenede kämpften Menschen mit Behinderung in Dortmund um den Deutschen Meistertitel im Rollstuhl-Badminton.

Hier wird Studentin Anne zur Exotin, denn nach dem Spiel kann sie aus ihrem Rollstuhl aufstehen.

Exotin beim Behindertensport: Studentin Anne Sedlmayer sitzt außerhalb des Spielfelds nicht im Rollstuhl. Foto: Verein

Es quietscht, es zappt, es klirrt. In der Dortmunder Martin-Luther-King-Halle in Dorstfeld tropften an diesem Wochenende literweise Schweiß auf den Hallenboden. Denn hier kämpfen in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal Sportler um den Titel als bester deutscher Badmintonspieler mit Behinderung. Insgesamt 28 Sportlerinnen und Sportler folgten der Einladung der Reha- und Behinderten Sportgemeinschaft Dortmund (RBG).

Unter ihnen ist auch Anne Sedlmayer. Die Germanistikstudentin schafft es, mit ihrem Sportrollstuhl sicher das halbe Badmintonfeld zu verteidigen. Blitzschnell manövriert sie ihr Gefährt zu allen Seiten, bringt sich nach dem Schlag sofort wieder in eine zentrale Ausgangsposition. Denn die Konkurrenz kämpft genauso hart wie die 26-Jährige und nutzt jede kleine Deckungslücke.

Abseits des Spielfelds ist sie heute jedoch eine Exotin. Denn anders als ihre Gegenspielerinnen wird sie nach dem Spiel aus ihrem Rollstuhl aufstehen und zu ihrem Trainer vom Rollstuhl-Sport-Club gehen. Denn Anne Sedlmayer ist nicht querschnittsgelähmt und auch nicht auf den Rollstuhl angewiesen. Nach vier Kreuzbandrissen und durch eine Metallplatte im Knie, treibt die ehemalige Leichtathletin nun nach zwei Jahren Behindertensport. „Ich fühle mich schon ein bisschen blöd dabei, denn ich habe ja viel mehr Rumpf- und Beckenmuskulatur, als jemand, der ab dem Bauchnabel gelähmt ist“, gesteht sie.

Niedrigeres Netz und halbes Feld

Gespielt wird in unterschiedlichen Klassen, je nach Grad und Art der Behinderung, nach den Regeln des BWF, des Internationalen Badminton Verbandes mit minimalen Abweichungen: Die Rollstuhlfahrer und die Fußgänger der Klassen Eins und Zwei spielen nur auf ein halbes Feld und auch nur hinter der Aufschlagslinie. Die anderen Fußgänger spielen aufs normale Feld. Außerdem spielen die Rollis auf 15 cm niedrigere Netze in 1,40 Meter Höhe. Mittlerweile sind sie zudem  fast alle angeschnallt, da sie früher vor lauter Körpereinsatz   aus den Stühlen gehechtet sind. Ansonsten sind die Regeln gleich, „nur die Atmosphäre ist hier lockerer“, finden die Spieler mit Handicap. Und so ist zwischen den Spielen immer Zeit für einen Plausch mit Gegnern, Trainern und Schiedsrichtern.

Hart erkämpfter Sieg: Siggi Mainka aus Dortmund wurde am Wochenende Deutscher Meister im Einzel.

Hart erkämpfter Sieg: Siggi Mainka aus Dortmund wurde am Wochenende Deutscher Meister im Einzel. Foto: Verein

Auch Marco Janotta und Jan-Niklas Pott murren nicht, als ihre Klassen „Leichte Beinbehinderung“ und „Schwere Armbehinderung“ spontan zusammen gelegt werden.
„Auf deutscher Ebene kennt man das gar nicht anders, auch wenn es formell fünf getrennte Klassen gibt“, sagt Pott, der trotz Beinprothese sehr dynamisch auf dem Feld unterwegs ist und vor allem mit seiner perfekten Schlagtechnik punkten kann. Gegen Janotta reicht es heute zwar nicht zum Sieg, doch in seinen zehn Jahren Spielerfahrung kann der Kieler schon auf zahlreiche Erfolge zurückblicken, so ist er unter anderem Vizeeuropameister und jeweils Bronzegewinner bei Europa- und Weltmeisterschaft.

Keine Sponsoren

Geld verdienen wird Jan-Niklas Pott mit seinem Sport aber nie, Behindertensportler wie er werden größtenteils nicht einmal durch Sponsoren gefördert. Denn da geht es ja um „den Leistungsgedanken“ und möglichst viel Aufmerksamkeit für die jeweilige geförderte Sportart. Das stört Petra Opitz. Die Geschäftsführerin des RBG setzt sich schon seit mehr als 20 Jahren für den Behindertensport in Dortmund und in Deutschland ein, hat das Badminton für Behinderte vor 15 Jahren mit nach Deutschland geholt. „Wir wollen mit unserem Sportangebot die Leute aus ihrer Zurückgezogenheit locken, ihnen zeigen, dass sie auch nach einem Unfall weiter aktiv am Leben teilhaben können“, sagt Opitz. „Wenn Leute sich nach einem halben Jahr Behindertensport alleine von einem Stuhl in ihren Rolli umsetzen können, oder so, dann ist das für mich Leistung. Manchmal ist sowas mehr wert, als ´ne Goldmedaille.“

Rollstuhlfahrer spielen an einem niedrigeren Netz als die "Fußgänger".

Rollstuhlfahrer spielen an einem niedrigeren Netz als die "Fußgänger". Foto: Verein

Sigmund „Siggi“ Mainka vom Dortmunder Verein RBG weiß, wovon sie spricht. Mit 20 hatte er einen Unfall, bei dem er beide Beine verlor. Doch er fand im Behindertensport neuen Lebensmut. Mittlerweile spielt er seit 15 Jahren Badminton – und gehört zu den Besten seiner Klasse. Wenn er eine Rückhand annehmen will, muss der Dortmunder sich um 360 Grad drehen. Für solche spektakulären, hart trainierten Manöver braucht er eine halbe Sekunde und hebt dabei ab und an samt Rollstuhl ab. Schnell wurde er auch an diesem Wochende zum Zuschauerliebling.

Der gebürtige Pole liebt das Risiko: „Ich finde, man muss immer ausprobieren, immer weiter forschen, was geht und was möglich ist. Man darf sich nicht aufgeben.“ Auch an diesem Wochenende hat er nicht aufgegeben und sich in seiner Klasse („Leichte Behinderung“) die Goldmedaille im Einzel und Silber im Doppel erkämpft.