Gemischte Gefühle bei der Inszenierung à la Putin

Das Feuer ist aus, die 22. Olympischen Winterspiele in Sotschi sind Geschichte. 17 Tage hat das Spektakel am Schwarzen Meer gedauert, in fast 100 Wettbewerben wurde um Medaillen gekämpft – und die Kameras waren immer live dabei. Von morgens früh bis abends spät gab es Olympia im Hauptprogramm von ARD oder ZDF, dazu vier Livestreams im Internet. Unseren Autoren Johannes Mohren hat Olympia zwei Wochen lang nicht losgelassen – in einem Kommentar wirft er für uns einen persönlichen Blick zurück.

Unzählige Stunden war ich live dabei, Olympia hat mich 17 Tage lang nie ganz losgelassen. Mein schönster Moment: Die Bronze-Medaille der Damen-Staffel im Langlauf, die ich im RE 1 bejubelt habe. Foto: privat

Unzählige Stunden war ich live dabei, Olympia hat mich 17 Tage lang nie ganz losgelassen. Mein schönster Moment: Die Bronze-Medaille der Damen-Staffel im Langlauf, die ich im RE 1 bejubelt habe. Foto: privat

Eine Beichte vorweg: Olympia ist ohne mich gestartet, ich war verhindert. Borussia Mönchengladbach spielte an jenem Abend des 7. Februar gegen Bayer Leverkusen. Während in Sotschi, rund dreitausend Kilometer entfernt, die Eröffnungsfeier der ersten Winterspiele in Russland stattfand, habe ich in der Nordkurve gestanden, Pommes mit Currywurst gegessen und mich über die bittere Niederlage meiner Borussia geärgert.

Der pompöse Auftakt in die 17-Tage-Putin-Show fand also ohne mich statt. Am Samstag habe ich dann aber zum ersten Mal Olympia-Luft geschnuppert, bin aufgewacht mit der ARD und Altmeister Gerhard Delling, live im Olympia-Park. Schon der erste Blick hinaus aus der breiten Glasfassade des Fernsehstudios hat mir einen Eindruck von den Spielen vermittelt, den ich danach nie wieder losgeworden bin: Von Olympia in einer neuen Dimension, in topmodernen Arenen mit einer perfekten Organisation – bei denen die olympische Stimmung für mich aber weitestgehend fehlte. Leicht skurril muteten die Stadien an, wie versehentlich vom Himmel gefallen zwischen den verschneiten Gipfeln des Kaukasus-Gebirges und dem Côte d’Azur-Ambiente am Schwarzen Meer. Nur, dass das Versehen eben pure Absicht war – von Wladimir Putin, dem allgegenwärtigen Präsidenten. Dem Gesicht der Spiele, das das geboten hat, was wohl auch das Internationale Olympische Komitee in erster Linie von ihm verlangt haben wird: Für eine Rekordsumme von fast 40 Milliarden Euro 17 Tage Ruhe für oberflächlich kratzerlose Spiele.

Olympischer Moment: Langlauf-Bronze im RE 1

Alpin-Queen Maria Höfl-Riesch, einer der deutschen Stars in Sotschi. Sie holte Silber und Gold. Foto: Christian Jansky / Wikimedia Commons

Alpin-Queen Maria Höfl-Riesch, einer der deutschen Stars in Sotschi. Sie holte Silber und Gold. Foto: Christian Jansky / Wikimedia Commons

Es waren Spiele, die eines sicherlich geboten haben: Top-Bedingungen für den Sport. Natürlich ist das kein Freifahrtschein, über das unschöne Drumherum hinwegzusehen. Die Arbeiter, die für diese Bedingungen gesorgt haben, sind etwa immer noch nicht bezahlt. Und dennoch habe auch ich als Sportfan nach Sotschi geschaut – und mich an den Leistungen der Athleten gefreut: So war ich spätestens mit der ersten deutschen Goldmedaille von Felix Loch im Olympia-Fieber und auch die weiteren 18 deutschen Medaillengewinner habe ich – teils exzessiv – bejubelt: Alpin-Queen Maria Höfl-Riesch, Carina Vogt, die nach ihrem Triumph im Skisprung der Damen für den vielleicht emotionalsten Siegermoment in Sotschi gesorgt hat oder Eric Frenzel, der erst in Hannawald-Manier von der Schanze segelte und sich dann in der Loipe mit einem bestechenden Zielsprint Gold sicherte. Oder das Bronze-Rennen der Damen-Staffel, das ich im RE 1 erlebt habe. Auf dem kleinen Display meines Smartphones, mit einem Livestream im Internet, der wegen der schlechten Verbindung immer wieder zusammenbrach. Mein Sitznachbar, der meine Anspannung wohl gespürt hat, hat sich irgendwann anstecken lassen und mitgeschaut, ehe sich die Live-Bilder, irgendwo im Nichts zwischen Leverkusen Mitte und Köln Mülheim, trotz aller verzweifelten Versuche endgültig verabschiedet haben – gerade als Denise Hermann gleichauf mit ihren Konkurrentinnen auf die Zielgrade abbog. Das es am Ende Platz 3 wurde, habe ich dann wenig später im Live-Ticker erfahren – und mich mit meinem Nachbarn zusammen gefreut. Ein für mich wahrhaft olympischer Moment – dreitausend Kilometer entfernt vom Ort des Geschehens.

Davon gab es jedoch zu wenige, moniert der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) – zumindest, wenn man den Begriff „olympischer Moment“ mit der bloßen Medaillenausbeute gleichsetzt. 8, 6, 5 lautet die Bilanz, die unter dem Strich bleibt. 8-mal Gold, 6-mal Silber, 5- mal Bronze. 19-mal Edelmetall, 19 Athleten auf der Medals Plaza im Olympia-Park – Platz 6 im Medaillenspiegel. Damit haben die 153 deutschen Athleten ihren Auftrag verpasst – und das um Längen: Ganze 30 Medaillen hatte der DOSB gefordert.

Tränen im Bob! Zu uncool für die Halfpipe?

Warum es der Medaillenregen mehr ein leichter Schauer als ein (sub-)tropischer Monsunregen war? Vermutlich aus zwei Gründen: Zum einen, weil die deutschen Edelmetall-Garanten schwächelten. Zu gerne hätte ich Bobpilotin Sandra Kiriasis in die Arme genommen, als sie nach dem vierten Lauf – ihrem letzten Rennen bei Olympia und ihrer Karriere insgesamt – bittere Tränen weinte. Denn war „Sanki“, das Bob- und Rodelzentrum, in Woche eins bei den Rodelwettbewerben noch ein deutsches Tollhaus gewesen, als die Trainingsgruppe „Sonnenschein“ um Loch, Geisenberger & Co. keine einzige Goldmedaille liegen ließ – wurde die Eisrinne danach der Ort der deutschen Dramen. Vier Medaillen hatte der DOSB in den Wettbewerben der Skeleton- und Bob-Fahrer gefordert, von sieben geträumt – am Ende wurde es keine, das schlechteste Ergebnis seit 50 Jahren. Medaillen: 0.

Keine Lobby für die coolen Trends: Will Deutschland in Zukunft vorne mitmischen, muss der Deutsche Olympische Sportbund Geld und Ressourcen in die modernen Disziplinen investieren. Foto: Roland Zumbühl / Wikimedia Commons

Keine Lobby für die coolen Trends: Will Deutschland in Zukunft vorne mitmischen, muss der Deutsche Olympische Sportbund Geld und Ressourcen in die modernen Disziplinen investieren. Foto: Roland Zumbühl / Wikimedia Commons

Ebenso medaillenlos blieben die Deutschen bekanntlich in den coolen, den stylischen Sportsarten – in der Halfpipe, auf der Buckelpiste oder in der Luft über den Kickern im „Rosa Khutor“ Extreme Park. Hier war die Lage jedoch eine etwas andere als im Bob, denn die Rechnung ist eine ganz einfache: Keine Starter, keine Medaillen. Hier liegt die Pflicht beim Deutschen Olympischen Sportbund, in Zukunft in diese Disziplinen – die bislang gegen Flagschiffe wie Bob, Rodeln, Skispringen und Co. ohne Lobby dastehen – Ressourcen und Geld zu investieren. Keine einzige Trainings-Halfpipe gibt es derzeit in Deutschland. So Nachwuchs für den spektakulären Sport zu gewinnen, ist schier unmöglich – aber ohne auch die neuen Trendsportarten zu fördern, geht der Weg im Medaillenspiegel auf Dauer zwangsläufig nach unten.

Florian Bauer im Studio – der deutsche Doping-Fall

Der erste olympische Doping-Fall - ein deutscher: Neu-Biathletin Evi Sachenbacher-Stehle, hier noch als Langläuferin bei der Tour de Ski, wird positiv auf das Stimulanzmittel Methylhexanamin getestet. Foto: Iso76 / Wikimedia Commons

Der erste olympische Doping-Fall – ein deutscher: Neu-Biathletin Evi Sachenbacher-Stehle, hier noch als Langläuferin bei der Tour de Ski, wird positiv auf das Stimulanzmittel Methylhexanamin getestet. Foto: Iso76 / Wikimedia Commons

Medaillenflaute hin wie her – der bitterste Moment meiner Olympia-Wochen war ein anderer. Der, als das ekelhafte D-Wort plötzlich durch die Medien geisterte und ARD-Dopingexperte Florian Bauer im Studio auftauchte. Ich habe es zunächst bei Facebook aufgeschnappt – und war entsetzt: Ein Doping-Fall im deutschen Lager. Ich kann nicht einmal behaupten, dass mich die Tatsache, dass bei den Olympischen Spielen – im absoluten Spitzensport – gedopt wird, verwundert hat. Doch plötzlich war das, was ich immer vermutet hatte, unschöne Realität. Die Möglichkeit, die Augen zu verschließen, war nicht mehr da. Die Biathletin Evi Sachenbach-Stehle – überführt. Das war mir richtig unangenehm. Zumal es der Moment war, in dem man nicht mehr auf andere zeigen konnte, sondern selbst betroffen war. Der erste Doping-Fall der Spiele – ein deutscher. Mir hat es die Stimmung ganz schön verhagelt und ich habe mich bis zur Abschlussfeier nicht mehr ganz davon erholt.

Das Fazit – sportlich top, der Rest ein ganz schöner Flop!

Was bleibt also von Olympia? Eine Frage, die sich inzwischen mehr als je zuvor nach jedem Großevent stellt – sei es Olympia oder die Fußballweltmeisterschaft. Immer größer werden die Investitionen, immer größer die Eingriffe in die Natur, immer größer die sozialen Folgen – und immer drängender die Frage nach der Nachhaltigkeit. Was wird aus all’ dem, was da in Sotschi, dem einst beschaulichen Kurort am Schwarzen Meer, aus dem Boden gestampft wurde? Wer erhält die Sportstätten? Was wird daraus, wenn der gelackte olympische Zirkus abgezogen ist? Gut, das Stadion, in dem während der Spiele nur Eröffnungs- und Abschlussfeier stattfanden, wird einer der Austragungsorte der WM 2018 und bis 2020 ist Sotschi bereits sicher in den Formel 1-Rennkalender aufgenommen. Aber sonst? Einige Stadien werden wohl abgebaut, andere umfunktioniert, wieder andere zu Trainingsstätten. Genaue Planungen – Fehlanzeige. Wer kümmert sich darum, dass die Arbeiter ihr Geld bekommen, wer schaut, was mit der Umwelt passiert? Putin – wohl kaum. Das Olympische Komitee fühlt sich auch nicht wirklich zuständig. Was bleibt, sind 17 Tage Perfektion: 17 Tage Top-Sport, 17 Tage goldener Präsentierteller für Putin, 17 Tage olympischer Hochglanz, in dem alle Störfeuer weitestgehend erfolgreich erstickt wurden. Was folgt, ist ungewiss.

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