Risiko K.o.-Tropfen: „Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht“

Präventions- Bierdeckel des Weißen Rings (Foto: Weißer Ring)

„Ist Luisa hier?“ – Diese Frage werden Barkeeper in Münster in nächster Zeit wohl häufiger hören. Wenn Frauen sich unwohl fühlen oder belästigt werden, können sie sich damit an die Barkeeper wenden. Sind diese geschult, bringen sie die Hilfesuchenden an einen sicheren Ort.

Vielen Frauen ist es in der Disko schon einmal passiert: Ein Mann kommt ihnen zu nah, belästigt sie oder versucht sogar, K.o.-Tropfen in ihr Getränk zu kippen. Im schlimmsten Fall wachen sie am nächsten Morgen auf und können sich an nichts mehr erinnern. Zunächst schieben sie es auf den Alkohol, aber später wird klar: Schuld am zwischenzeitlichen Gedächtnisverlust sind K.o.-Tropfen.

Benedikt Wemmer ist Jugendbeauftragter des Weißen Rings in Münster. Die Organisation setzt sich für Opfer von Verbrechen ein. Der 26-Jährige arbeitet unter anderem daran, das Thema K.o.-Tropfen stärker in die Köpfe der Menschen zu bringen. Dafür haben die jungen Mitarbeiter des Weißen Rings Bierdeckel entworfen, die auf die Gefahr aufmerksam machen.

 

Benedikt Wemmer (Foto: privat)

Pflichtlektüre: Benedikt, du bist beim Weißen Ring in Münster. In der Stadt ist auch die Idee zum Codewort „Ist Luisa hier?“ entstanden, der „Frauennotruf Münster“ hat die Aktion gestartet. Wie oft kommt es denn wirklich vor, dass Frauen belästigt werden?

Benedikt Wemmer: Dass Frauen gerade bei Diskobesuchen darüber klagen, bedrängt zu werden, hört man immer wieder. Leider gibt es dazu keine greifbaren Zahlen. Und alles, was dann in Kriminalität übergeht, ist schwer zu erfassen. Wir im Weißen Ring kümmern uns ganz allgemein um Opfer von Kriminalität – immer wenn der Verdacht besteht, dass sie Opfer einer Straftat wurden.

Welche Rolle spielen K.o.-Tropfen dabei?

Es melden sich regelmäßig Leute, die vermuten, dass sie Opfer von K.o.-Tropfen wurden, vor allem junge Frauen. Viele wollen sich erstmal beraten lassen. Oft wissen sie nicht, ob ihnen wirklich jemand K.o.-Tropfen verabreicht hat. Sie wissen nur, dass sie einen Blackout hatten und fühlen sich unsicher. Natürlich war dazu oft Alkohol im Spiel, das ist ja das perfide an der Sache. Die erste Reaktion ist meistens nicht: „Oh Gott, ich bin Opfer von K.o.-Tropfen geworden“.

Die erste Reaktion ist aber sicher auch nicht der Anruf beim Weißen Ring.

Opfer von Straftaten können sich zwar immer auch direkt bei uns melden, aber oft weisen auch andere Hilfsorganisationen wie der Frauennotruf auf unsere Angebote hin. Dann ist schon klar, dass die Betroffenen Opfer einer Straftat, zum Beispiel einer Vergewaltigung, wurden. Das Problem ist, dass sich viele davor scheuen, zur Polizei zu gehen und Anzeige zu erstatten.

Und wie kann der Weiße Ring ihnen diese Unsicherheit nehmen?

Viele Opfer haben Selbstzweifel und fragen sich: „Wie konnte das passieren?“ Sie gehen aber häufig nicht sofort zur Polizei, weil sie Angst haben etwas loszutreten, das sie nicht mehr kontrollieren können. Bei uns können sie sich zunächst einmal Rat holen und klären, welche rechtlichen Möglichkeiten sie überhaupt haben und wo sie weitere Unterstützung erhalten. Dann begleiten wir sie zur Polizei oder auch zum Gericht, sodass die Opfer zu keinem Zeitpunkt alleine dastehen.

Setzt die Opferhilfe des Weißen Rings nicht zu spät an? Sollte nicht eher die Prävention im Vordergrund stehen, damit so etwas erst gar nicht passiert?

Der Weisse Ring hilft nicht nur Menschen, die bereits Opfer einer Straftat wurden, sondern tritt auch öffentlich für die Rechte von Kriminalitätsopfern ein und betreibt Präventionsarbeit, um Straftaten zu verhindern. Prävention bedeutet dabei vor allem Aufklärung über Gefahren. Wir veranstalten immer wieder Projekte zu verschiedenen Straftaten, auch zum Thema K.o.-Tropfen. Letztes Jahr haben wir zum Beispiel beim Sommerfest der Ruhr-Universität in Bochum darauf aufmerksam gemacht.

Mit euren Bierdeckeln?

Ja, genau. Wir haben etwa 5000 Deckel verteilt. Vorne steht drauf: „Ich lass mich nicht K.o. tropfen.“ Auf der Rückseite stehen Tipps zur Prävention und wo man Hilfe bekommt. Bei vielen Straftaten ist eine Prävention aber auch gar nicht möglich. Wir können zum Beispiel nicht gegen Mord vorbeugen. Gerade im Bereich K.o.-Tropfen können wir aber viel erreichen, indem wir die Leute darüber aufklären.

Aber reichen Bierdeckel, um Menschen zu sensibilisieren?

In dem Moment, in dem sich jemand ein Bier bestellt und den Bierdeckel sieht, macht es „klick“. Man liest den Spruch und schon denkt man darüber nach. Uns ist aber auch wichtig, dass wir die Menschen direkt in einer unsicheren Situation ansprechen. Wir versuchen, ihnen unbemerkt einen Bierdeckel auf ihr Getränk zu legen. Dann klären wir sie auf, dass ihnen in diesem kurzen Moment auch jemand etwas in ihr Glas hätte kippen können.

Woran liegt es, dass viele gar nicht erst an die Gefahren von K.o.-Tropfen denken?

In den letzten Jahren ist das mehr geworden, in der Regel haben alle schonmal davon gehört. Aber im Alltag ist es schon wieder etwas anderes: Die Leute wissen, dass sie auf ihr Getränk aufpassen müssen – das war’s dann aber auch. Ob sie es tatsächlich machen, ist eine andere Sache.

Wie können potenzielle Opfer sich denn besser schützen?

Zuerst einmal das eigene Glas nie unbeaufsichtigt stehen lassen. Auch auf den eigenen Freundeskreis aufpassen. Und immer mit zur Theke gehen, wenn man ein Getränk ausgegeben bekommt, egal wie sympathisch der gerade kennengelernte Typ auch sein mag. Sonst hat man keine Chance zu überprüfen, was von der Theke bis zur Übergabe damit passiert. 

Und wer die Tipps befolgt, wird sicher nicht Opfer?

Man kann sich vor keinem Verbrechen zu einhundert Prozent schützen. Man kann aber die Chance, dass man Opfer wird, drastisch reduzieren. Und das gilt auch für K.o.-Tropfen.

Vielen Dank für das Gespräch.