„Das verlorene Paradies“: Flüchtlinge erzählen ihre Geschichte in einem Film

Kann ein Film die Welt verändern? Kann er es schaffen, Menschen Ereignisse zu vermitteln, die Tausende Kilometer weit entfernt passieren? Die Dortmunder Dokumentarfilmerin Ayse Kalmaz sowie sechs jugendliche und zwei erwachsene Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak haben sich diese Fragen gestellt. Antworten konnten sie nicht immer finden. Im Film „Das verlorene Paradies“ zeigen sie das ganz persönliche Paradies ihrer Kindheit und wie es durch den Krieg zerstört wurde.

Ayse ist es besonders wichtig zu betonen, dass der Film ein Gemeinschaftswerk ist. Es waren die jungen Männer, die den Wunsch hatten, etwas Künstlerisches zu machen. Die Gruppe wandte sich an das Schauspielhaus Dortmund, das wiederum den Kontakt zu der 33-jährigen Dokumentarfilmerin mit türkischen Wurzeln herstellte. Sie waren es auch, die die Ideen für die Umsetzung lieferten und im Film zu sehen sind. Ayse unterstütze die 14 bis 22-jährigen Syrer und Iraker bei der technischen Umsetzung des Films und dabei, einen roten Faden in die Vielzahl von Geschichten zu bringen. Der Film wurde hauptsächlich in der Dortmunder Innenstadt und im Schauspielhaus gedreht. Selbstgedrehte Handyvideos von der Flucht ergänzen diese Aufnahmen. Bereits Ende Juni feierte der Film im Dortmunder Schauspielhaus Premiere. Seitdem zieht die Gruppe, die sich selbst „Superfilm Dortmund“ nennt, damit durch Schulen und kulturelle Einrichtungen. Am Donnerstag, den 24. November, waren sie im Literaturhaus Dortmund zu Gast.

Ibrahim, Safi, Mohammed, Mouayad, Hasan und Ayse im Dortmunder Literaturhaus. Foto: Kortfunke

Als ein Ausschnitt ihres Films auf Facebook die 100.000 View-Marke knackte, rasteten Ibrahim, Safi, Mohammed, Mouayad, Hasan und Ayse in ihrer Whatsapp Gruppe vor Freude förmlich aus.

Dabei zu sein, wenn der Film gezeigt wird und so das Gespräch mit den Zuschauern aufnehmen zu können, ist für die Filmemacher entscheidend. „Wir wollen Menschen mit den Geschehnissen in Berührung bringen. Sie sensibilisieren, dass es nicht nur eine Geschichte ist, sondern die Realität. Im Idealfall können wir beim Zuschauer etwas verändern und eine Kommunikation entstehen lassen, die sonst nicht stattfinden würde“, erklärt Ayse. 

Der 17-jährige Mouayad Alchtouh stammt aus Raqqa in Syrien. Sein eigenes Werk zu sehen sei für ihn an sich nichts Besonderes. „Für mich ist das Alltag. Alles was gezeigt wird, habe ich erlebt. Aber ich finde es wichtig, dass viele andere Menschen es sehen. Ich denke, so kommen wir unserem Ziel – Berührungspunkte zu schaffen – näher“, sagt der junge Syrer.

Die denken, wir hätten in Papphütten gewohnt. 
– Mouayad Alchtouh

Doch das Projekt verändert nicht nur die Betrachter, sondern auch die Beteiligten. „Wir konnten erzählen, wer wir sind“, erklärt Mouayad. So hätten viele Deutsche eine komplett falsche Vorstellung davon, wie Flüchtlinge in ihren Heimatländern lebten. „Die denken, wir hätten in Papphütten gewohnt“, erzählt Mouayad. Die Jungs wollen den Dortmundern, den Deutschen zeigen, dass sie auch in Syrien schöne Häuser, Smartphones und Fernseher hatten. Sie hätten ein würdevolles, glückliches Leben geführt. Ein Leben, das sie sich sehnlichst zurück wünschen. „Wir sind nicht wegenGeld oder Essen hierher gekommen. Wir sind hierher gekommen, um ein Leben in Frieden zu führen.“ Die jungen Männer kamen alle alleine nach Dortmund, nahmen die lange Reise zu Fuß, mit dem Flugzeug und im LKW auf sich. Nur einer von ihnen konnte seine Familie inzwischen nachholen und lebt mit ihr zusammen.

Außerdem wollen die Beteiligten zeigen, dass sie auch ganz normale Jugendliche sind. Der 22-jährige und damit gruppenälteste Safi al Assil liebt beispielsweise Musik. Im Film gibt es eine Sequenz, in der er gedankenvoll Klavier spielt. „Es ist zu der Zeit der Dreharbeiten so lange her gewesen, dass ich das letzte Mal Klavier gespielt hatte. Im Schauspielhaus habe ich immer Klavier gespielt“, erinnert er sich und lächelt, „Das habe ich so sehr vermisst!“

Ich habe erwartet, dass ich ein Gefühl der Freiheit verspüre, wenn ich hier ankomme. Aber ich fühlte gar nichts.
– Safi al Assil

Allgemein ist Safi verwundert darüber, dass so viele Deutsche erwarten würden, dass die hier angekommenen Flüchtlinge glücklich sein müssten, weil sie ja in Sicherheit seien. „Ich habe erwartet, dass ich ein Gefühl der Freiheit verspüre, wenn ich hier ankomme. Aber ich fühlte gar nichts“, erklärt Safi. Bei seiner Ankunft seien alle sehr freundlich gewesen und hätten ihn unentwegt angelächelt. „Aber jetzt sind wir in der Realität, im Alltagsleben angekommen und dieses Leben ist ein kaltes Leben.“ Ihre Erwartungen seien Illusionen gewesen. Die Erinnerungen an den Krieg, die sie ständig begleiten, und die erlittenen Verluste zerstörten jedes positive Erlebnis in Deutschland. Durch den Krieg sind viele von Safis Freunden aus der Heimat tot, über die ganze Welt verstreut oder einfach verschwunden. „Man denkt immer, dass Wunden heilen und natürlich fühlen wir uns mittlerweile besser, aber es gibt immer noch diese Momente, in denen man in das Erlebte zurückgerissen wird. Damit zu leben ist wirklich schwierig“, sagt Safi.

Trotzdem versuchen die Jugendlichen in die Zukunft, statt nur in die Vergangenheit zu blicken. Sie alle haben große Träume. Sie wollen Pilot, Arzt oder Apotheker werden. Der 15-jährige Hasan Altouh etwa träumt von einem Beruf als Bauingenieur. Langfristig sehe er seine Zukunft nicht in Deutschland. Sobald der Krieg zu Ende sei, wolle er zurück nach Syrien. Eins wird immer wieder deutlich: Der Wunsch, die Zeit zurückdrehen zu können. Ein Leben in Europa war niemals der Traum der Beteiligten. Sie waren glücklich in Syrien. Und weil sie wissen, dass die Zeit sich nicht umkehren lässt, hoffen sie nun darauf, dass die Situation in ihrer Heimat endlich besser wird.

Beitragsbild: Superfilm Dortmund

Foto: Carola Kortfunke