Duell: Anglizismen – yes oder nein?

Das Duell: Kornelius vs. Jonas

Wir trinken unseren Coffee to go, facebooken in der Vorlesung und doodeln, um einen passenden Termin für eine WG-Feier zu finden – auf der die Coverband das Highlight sein soll. Da kann einem schnell der Kopf rauchen. Wäre es nicht einfacher, auf Anglizismen zu verzichten und wieder zum Deutsch zurückzukehren? Oder geht das etwa nicht mehr?

pro contra
Sich über Anglizismen aufzuregen, ist Quatsch: Punkt, Ende, Aus. Ich will nicht leugnen, dass so mancher keine Ahnung hat, worum es sich bei Wörtern wie „Sale“ oder „Convention“ handelt. Ich will auch nicht behaupten, dass alle Anglizismen schön sind. Aber sie generell zu verteufeln, ist falsch, ahistorisch und inkonsequent.

Geschichte der Sprache akzeptieren

Die Deutsche Sprache hat schon immer Einflüsse anderer Sprachen aufgenommen. Der grüne Abgeordnete im sächsischen Landtag Miro Jennerjahn nannte sie sogar einen „Sprachenbastard erster Güte“, als er mit einer vielbeachteten Rede auf den Antrag der NPD-Fraktion, Anglizismen aus Verwaltungsschriften zu verbannen, antwortete. Er führte aus, dass selbst das vermeintlich urdeutsche Wort „Feuer“ Lehnwort aus dem Altfränkischen ist und einst das germanische „Eldund“ ersetzte. Wer auf Lehn- und Fremdwörter verzichten möchte, leugnet also erstens die Natur der Sprache und müsste zweitens völlig willkürlich einen Stichtag festlegen, ab dem der Wortschatz gegenüber fremden Sprachen abgeschottet wird. Dann wären beispielsweise Anglizismen, die vor dem 1. Januar 1900 ihren Weg ins Deutsche fanden, zulässig. Alle, die später dazu kamen, wären hingegen nicht erlaubt. Was für ein absurdes Vorhaben.

Präzise Begriffe

Außerdem machen Anglizismen unsere Sprache reicher und genauer. Politikwissenschaftler schätzen beispielsweise die Präzision der englischen Sprache. Wo es im Deutschen nur einen Politikbegriff gibt, sind es in ihr gleich drei: Politics (politische Verfahren), Polity (politische Akteure und Institutionen) und Policy (politische Inhalte). Ziemlich praktisch, wo doch in der Wissenschaft begriffliche Genauigkeit so geschätzt wird.

Wörtersterben akzeptieren

Anglizismen führen also nicht unbedingt zu einer sprachlichen Verarmung. Dass schöne deutsche Wörter, wie das 2004 zum bedrohten Wort des Jahres gewählte „Kleinod“, aussterben, liegt meiner Kenntnis nach auch nicht daran, dass die Deutschen nur noch die englischen Übersetzungen „treasure“, „gem“, „piece of jewellery“ oder „nugget“ benutzen.

Wie gesagt: Anglizismen sind nicht immer gut, wenn der Zuhörer oder Leser sie nicht versteht, raubt das der Sprache ihre elementarste Funktion – die Verständigung. Aber Sprache ist auch Mittel, sich selbst auszudrücken und deshalb sollte jeder reden und schreiben dürfen, wie er will. Ob er nun den Begriff „Internet“ oder den Nazi-Neologismus „Weltnetz“ verwendet.

Wer Ende des Sommers durch Einkaufsmeilen wie den Westenhellweg flaniert ist, hat sie wieder gesehen: Die vier Buchstaben „S-A-L-E“ leuchteten aus jedem zweiten Schaufenster. Ob in rot auf weiß oder weiß auf rot – ganz egal. Überall steht es in Versalien: SALE, SALE, SALE. Die Aufsteller und Schilder reihen sich aneinander. Was „Sale“ bedeutet, muss ich hier nicht erklären. Wir Studenten verstehen sofort, was mit dieser Floskel gemeint ist.

Alte Menschen ausgegrenzt

Alles super also? Weit gefehlt: Bei manchen Menschen sorgt „SALE“ für Stirnrunzeln. Vor allem ältere Menschen verstehen englische Begriffe oft nicht. Dabei ist die Verständlichkeit die wichtigste Eigenschaft der Sprache. Grundlage für erfolgreiche Kommunikation in einer Gesellschaft. In Deutschland haben wir eine alternde Gesellschaft. Und in die passt es eben nicht, wenn Sprache für immer mehr Ältere immer weniger verständlich wird.

Infos gehen verloren

Wieso nicht einfach „Sommerschlussverkauf“ auf die Plakate schreiben? Weil dieses Wort zu sperrig ist? Zu lang? Befürworter des Eroberungsfeldzugs englischer Vokabeln im deutschsprachigen Raum verweisen oft auf den Mehrwert englischer Ausdrücke. Auf Kürze, Prägnanz und Einfachheit. Klar, „Sommerschlussverkauf“  ist länger als „SALE“, schafft aber  einen Mehrwert. Denn es drückt präzise aus, worum es hier geht: Sommer + Schluss + Verkauf = der Sommer ist vorbei, die übrig gebliebene Sommerware muss raus. Und wenn es doch unbedingt  kurz und knckig sein soll: „SSV“ – die Abkürzung kennt jeder. Und ist sogar noch kürzer als „SALE“. Wozu „user“ schreiben? „Nutzer“ stellt mich auch nicht vor eine sprachliche Herausforderung. Auch „neu“ und „offen“ statt „new“ und „open“ überfordern weder meine Gehirnsynapsen noch sind sie vielsilbige Monstren.

Deutsche Wörter nicht hübsch genug

Und englische Begriffe? Die bringen manchen Kopf zum Rauchen. Verlassen wir den Westenhellweg und betreten die Thier-Galerie. Der Blick fällt auf das Schild „dm im basement“. Basement? Ich bin mir sicher, das müssen auch einige jüngere Menschen erst mal überlegen. Weshalb nicht „Untergeschoss“ schreiben? Ganz klar: „Untergeschoss“ ist der Werbewirtschaft wohl nicht hübsch genug. So erfindet die Werbeindustrie immer wieder skurille Denglisch-Kapriolen. Englisch wird oft zur Modesprache. Wer Englisch spricht, gilt als weltoffen, modern, gebildet.

Ist Englisch das Latein der Neuzeit? Die Sprache für die oberen Zehntausend? Anscheinend entspricht das der Wahrheit. Denn vor allem im Büro hausen abstruse Sprachmonster. Die Wirtschaftswoche hat einige gruselige Konstrukte zusammengestellt.

Härtefall Fußball

Besonders schlimm ist oft die Fußballsprache. Der Klassiker ist „public viewing“. Allmählich sollte es doch mal zu jedem durchgedrungen sein, dass die wörtliche Übersetzung nichts mit Fußball zu tun hat. Dabei gab und gibt es herrliche kreative Alternativen wie „Rudelgucken“.  Trotzdem kursiert „public viewing“ weiter durch das ganze Land. Also noch einmal für alle, die es noch nicht wissen oder schlicht nicht glauben wollen: „Public viewing“ –  wörtlich übersetzt – bedeutet „öffentliche Aufbahrung“. Der nervigste Unfug: Den Ball „chippen“. Dieses Wort braucht kein Mensch. Mit „lupfen“ besitzt das deutsche Sprachgut doch eine wunderbare Lautmalerei. Dieses Sprachgut sollte man nutzen. Sonst beraubt man die eigene Muttersprache. Das hat sie nicht verdient.

Deshalb und nach dem Grundsatz der Verständlichkeit sollten wir darüber nachdenken, welche (fremd)sprachlichen Entwicklungen und Mutationen die Sprache nimmt. Wir sollten nur solche Neuerungen übernehmen, die der Sprache wirklich etwas Neues geben und so einen zusätzlichen Wert bringen. Modewörter und austauschbare Englischvokabeln gehören sicherlich nicht dazu.

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Foto: stockxchng/bizior, Montage: Steinborn/Schweigmann, Teaserfoto: Jörg Sabel/pixelio.de